Kwerfeldein
31. Oktober 2008 Lesezeit: ~7 Minuten

Through the Viewfinder

Through The Viewfinder„Entstammen nicht alle unsere Fähigkeiten dem Spiel?“ („Das Spiel“, Eigen & Winkler, Piper 1975)

Dies ist ein Gastbeitrag von Stefan Michalski. Er arbeitet als Biologe in Halle (Saale). In der dortigen Umgebung entstehen auch die meisten seiner Natur- und Landschaftsaufnahmen (flickr).

Was und vor allem warum?

Ein Typ mit Fototasche rennt in der Gegend herum, in der einen Hand eine Kamera, in der anderen eine lang gezogene Pappschachtel, an welcher aus einem Loch am unteren Ende eine Linse lugt. Dann und wann steckt er die Kamera oben in die Schachtel, positioniert umständlich die Gesamtkonstruktion und fotografiert ganz offensichtlich in die Schachtel.

Doch warum bitte macht der das?

Normalerweise ermöglicht der Sucher einer Kamera dem Fotografen eine ungefähre Vorstellung von dem, was die Kamera nach dem Auslösen auf Film oder Sensor bannen wird. Der Sucher ist also nur ein Hilfsmittel für den eigentlichen bildschaffenden Vorgang. Sind Fusseln auf Spiegel und Sucher? Mir doch egal…, solange keine auf dem Sensor sind!

Through the Viewfinder (TtV), durch den Sucher, das Fotografieren eines Motivs durch den Sucher einer anderen Kamera meint nichts anderes, als nun das Hilfsmittel ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken.

Nichts einfacher als das: Man nehme eine Kamera (Basiskamera) seiner Wahl, sowie eine zweite (Topkamera) und benutze die letztere, um das Bild im Sucher der Basiskamera zu fotografieren.

Warum?

Experiment? Konzept? Extravaganz?

Diese Frage lässt sich nur durch die Resultate dieser Spielerei beantworten. Kommen wir also zum Schluss dieser kleinen Einleitung darauf zurück!

Die Technik

Die Optik eines Suchers ist erwartungsgemäß nicht gerade für die fotografische Ablichtung konzipiert. Ein Sucher kann alle erdenklichen Bildfehler aufweisen, welche man sonst möglichst zu vermeiden sucht. Verschmutzungen (Fusseln!), Vignettierung sowie starke Verzeichnung, also Abdunklung und Unschärfe in den Randbereichen des Bildes, sind elementare Bestandteile eines Sucherbilds.

Zunächst muss man zugeben, dass die meisten Sucher zu klein sind, um ein vernünftiges, ablichtbares Bild zu erzeugen. Daher scheiden die meisten Kleinbildkameras für unser Experiment schon mal aus. Fürs TtV-Fotografieren eignen sich Basiskameras mit besonders großen Suchern einfach besser. Ein guter Grund, den Blick auch mal auf Fotoapparate aus einer anderen Generation zu werfen.

Da richtet sich unser Blick vor allem auf Mittelformatkameras. Und dort sind wiederum Boxkameras mit großem Sucher, einfache einäugige oder doppeläugige Kameras ohne Scharfeinstellung relativ häufig, einigermaßen günstig zu haben und für unsere Zwecke am besten geeignet. Weniger geeignet sind Reflexkameras mit, zumindest mich störenden, Fokussierhilfen (in den Sucher integrierten Zusatzlinsen) oder Markierungen, wie z.B. bei der sehr günstigen Lomo Lubitel.

Im von Amerikanern dominierten Flickr-Pool zu diesem Thema sind die Kodak Duaflex und die Brownie Starflex die vermutlich am häufigsten gebrauchten Basiskameras. Zwar habe ich selbst bei Ebay unter anderem eine Kodak Duaflex III erstanden, doch sind die Kodakmodelle in Europa ziemlich selten. Es gibt aber eine Unzahl zur Duaflex vergleichbare Alternativen, welche mit etwas Geduld bei Ebay oder auf Flohmärkten zu finden sind: z.B. Ising Pucky, Genos Rapid, Bilora Bonita…

Da man im Grunde nur an der Optik des Suchers interessiert ist, können logischerweise auch ausgeschlachtete oder sonst unbrauchbare Kameras genutzt werden. Bei allen preislich günstigeren Varianten verbietet allerdings auch niemand, den Sucher einer schicken Rolleiflex oder Hasselblad abzulichten…

Um den Sucher der Basiskamera mit dem eigentlichen Fotoapparat möglichst gut abbilden zu können, sollte ein Makro benutzt werden. Ich benutze meine Canon 400D und ein Tamron 90mm/ 2.8. Wenn die Technik beisammen ist, kann es im Grunde auch losgehen. Allerdings wird es ohne ein effektives Ausblenden des Lichtes, welches von oben und von der Seite auf den Sucher fällt, noch nicht viel Spaß machen. Im Prinzip können Reflexionen auf dem Sucher zwar interessante Effekte hervorrufen, es ist aber ratsam, eine Art Blende zu benutzen (contraption), um Auf- und Seitenlicht auszuschließen.

Die Autofokusfunktion des Objektivs kann durch die indirekte Abbildung des Motivs und durch die Fusseln(!) auf dem Sucher eh schon stark gefordert sein, durch einfallendes Licht wird es nicht einfacher. Außerdem wird das Sucherbild durch eine Blende schön freigestellt und die Eigenarten der Basiskamera kommen schön zur Geltung. Die Art und Form der Blende wird nur durch ihre Funktionalität bedingt. Pappkarton, Tetrapacks, Rohre aus Plaste, alles was es schafft, den Sucher der Basiskamera und das Objektiv der ‚Topkamera’ einigermaßen lichtdicht miteinander zu verbinden, kann auch als Blende missbraucht werden. Hier ist ein wenig Bastelarbeit gefragt.

Eine schöne Anleitung, nach welcher auch mein ‚Rüssel’ (siehe Bild) entstanden ist, findet sich bei Russ Morris innerhalb eines längeren TtV-Tutorials. Andere Anregungen finden sich im Flickr-Pool.

Das Fotografieren

Das eigentliche TtV-Fotografieren ist gewöhnungsbedürftig, da das Motiv zunächst indirekt und dann auch noch, zumindest bei meinen Basiskameras, spiegelverkehrt abgebildet wird. Da dauert die Motivfindung manchmal eine Weile…

Je nach System ergibt sich ein bestimmter Abstand zwischen Sucherbild und Objektiv. Bei meinen Konstruktionen sind das etwa 30-35cm, was zu einer manchmal etwas störenden ‚Bauchnabel’-Perspektive führt. Niedrig liegende Motive sind logischerweise kein Problem, ja sogar einfacher zugänglich als sonst, höher liegende Motive sind aber oft der Anlass für akrobatische Verrenkungen…

Die zusätzlichen Linsen und Spiegel zwischen Motiv und Sensor/Film tragen nicht gerade zur Lichtstärke der Gesamtkonstruktion bei, was meist eine höhere Filmempfindlichkeit notwendig macht.

Das Resultat…

…ist das was zählt. TtV-Bilder haben ein besonderes Flair.


Bedingt durch den Sucher ist das häufig quadratische Format. Auch ergibt sich je nach Sucher um das Sucherbild herum ein Rahmen, der, zusammen mit dem Verschmutzungsmuster, für jede Basiskamera anders ausfällt und damit jedem Bild etwas sehr Charakteristisches vermittelt. Wie viele Details des Rahmens erkennbar sind, hängt natürlich zum Teil von der Fokussierung ab, wobei Motive im Nahbereich einen eher unscharfen Rahmen erhalten und Verschmutzungen verschwinden.


Rahmen, Verschmutzmuster und die anderen oben angesprochenen Bildfehler erzeugen einen Lo-Fi-Charakter der entstehenden Bilder, der auch bei anderen Experimentaltechniken, z.B. bei der Lomographie erreicht wird. Kommen wir nun auf die eingangs gestellte Frage zurück: Warum als TtV?

TtV-Bilder sind anders. Im schlimmsten Fall sind sie experimentell. Im besten Fall entstehen jedoch emotionale, das Motiv betonende, unwirkliche und/oder abstrahierende Bilder. Neben meinen ‚normalen’ Landschaftsbildern bieten mir die TtVs einen intensivierten, aber unkonventionellen Blick aufs Detail.

In der Nachbearbeitung der entstandenen Bilder ist alles oder auch nichts möglich. Ich selbst stelle die quadratischen Bilder unter Beibehaltung des Rahmens zunächst frei und verstärke meist den Lo-Fi-Charakter der Bilder durch eine weitergehende Bearbeitung. Hier sind Tonwertkorrekturen (z.B. digitales Crossen) und artifizielle Körnung nur zwei Beispiele. Auch die Ausbelichtung stellt kein Problem dar, da heutzutage quadratische Formate bei vielen Anbietern zu finden sind.

Viel Spaß beim Basteln und Spielen!

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6 Kommentare

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  1. Wow. Atemberaubender Artikel. Ich interessiere mich sehr für solche alten, verdreckten, unscharfen Aufnahmen, die einen wahnsinns Flair haben und mit nichts zu vergleichen sind, wenn es um Ausstrahlung geht. Die Methode die hier in dem Artikel bescrieben wird fasziniert mich und ich möchte das so schnell wie möglich nachbauen.
    Nun muss ich mir erstmal eine Kamera suchen welche ich dann abfotografiere, ich hoffe das wird nicht zu teuer….

    Vielen Dank für diesen Super Gastartikel, hat genau meinen Nerv getroffen!

    Schönes Wochenede miteinander!

    PS: Martin, kommt heute noch ein Browserfruits Artikel? =)

  2. Vielen Dank für den interessanten Artikel! Ich bin schon seit einer ganzen Weile auf der Suche nach einer Möglichkeit digital Bilder im Look der 6×6 Formate zu machen und Objektive wie die lensbabies haben mich da noch nicht so ganz überzeugt. Analog war es ja schon immer eine nicht ganz so günstige Variante wie ich auch selbst an Abzügen von meiner Holga zu spüren bekommen habe. Und Anfang nächsten Jahres ist es dann ja mit Polaroids (die Filme sind jetzt schon kaum mehr zu bezahlen) auch fast vorbei, da die Produktion der Filme eingestellt wird. Ich denke ich werde heute mal bei ebay stöbern ;)

  3. Schön das der Artikel gefällt.
    Zu den Preisen:
    Meine Kodak Duaflex habe ich bei Ebay für etwa 15 Euro bekommen, eine ziemlich schäbige Ising Pucky für 9 Euro, und die Genos Rapid… ähem, weiß ich nicht mehr.

  4. Hallo,

    vielen Dank für denn sehr interessanten Beitrag! Ich werd mir das auch selber nachbauen und beobachte bei ebay schon einige MF-Kameras. An dieser Stelle wollte ich fragen ob mir eventuell noch jmd ein Tip geben kann was noch so alles geht, bzw. welche Formen des, ich nenn es jetzt einfach mal, „handwerklichen Fotografierens es gibt. Ich begeistere mich sehr dafür und so habe ich auch schon etlich Camera Obscuras gebaut und mit denen fotografiert. Für jedes Schlagwort bin ich dankbar (ich weiß wie google funktioniert ;) )

    Weiter so, sehr guter Blog, sehr guter Beitrag!

    Rafi