kwerfeldein
22. Oktober 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Sind nachbearbeitete Fotos noch authentisch?

Dies ist ein Gastartikel von Katrin Krieger. Sie ist verheiratet, hat einen kleinen Sohn und promoviert in Informatik. In ihrer Freizeit fotografiert sie gern. Dabei hat sie sich (noch) nicht auf eine bestimmte Richtung festgelegt. Einige ihrer Werke sind bei Flickr und in ihrem Blog zu sehen.

Sind nachbearbeitete Fotos noch authentisch?Vor einiger Zeit stellte ich in Martins Forum die Frage, ob nachbearbeitete Bilder noch authentisch sind. Vorausgegangen war eine etwas hitzige Diskussion mit einer Freundin, die behauptete, so richtig authentisch sind nur Fotos auf Film, die nicht digital nachbearbeitet sind. Ehrlich gesagt, hat mich diese Aussage etwas bei der Ehre gepackt, da ich viele meiner Fotos nachbearbeite – bei manchen korrigiere ich die Belichtung oder ändere den Ausschnitt, andere werden ziemlich entfremdet und es entsteht etwas völlig Neues daraus – Bildbearbeitung macht Spaß! Ich wollte nun wissen, wie andere Fotobegeisterte dieses Thema sehen. Dieser Artikel ist eine Zusammenfassung des Threads im Forum. Danke an alle, die sich an der Diskussion beteiligt haben.*

Wenn man nun die Frage, ob nachbearbeitete Fotos noch authentisch sind, in den Raum wirft, muss man erst einmal darüber nachdenken, was die Authentizität eines Bildes überhaupt ausmacht. Das Wort Authentizität kommt aus dem Griechischen und bedeutet Echtheit im Sinn von „als Original befunden„. Viele kluge Köpfe — Philosophen, Künstler und andere — haben sich mit dieser Thematik beschäftigt und demnach gibt es sehr viele Auslegungen davon, was Authentizität ist.

Gerade in der Fotografie darf man einen Fakt nicht vergessen – die Wahrnehmung des Menschen. Alles was wir sehen und wahrnehmen, ist nur ein Ausschnitt der Realität. Unser Hirn blendet Einzelheiten aus und fokussiert bestimmte Objekte und nimmt damit im Prinzip schon eine Wertung dessen, was wir sehen, vor. Wenn wir Fotos machen, schauen wir dabei durch eine Kamera, wir wählen einen Bildausschnitt, eine Perspektive und eine Blende und legen damit noch einmal mehr das Augenmerk auf bestimmte Objekte in der Szene, die wir sehen. Ein Foto ist also die Interpretation eines Moments durch den Fotografen und ist nur so authentisch, wie der Fotograf es gemacht hat.

Der Bearbeiter kann das Werkzeug Bildbearbeitung dazu nutzen, ein Bild mehr oder weniger authentisch zu machen, genau wie der Fotograf seine Kamera. Wenn der Fotograf zu dem Moment ein bestimmtes inneres Bild, ein Gefühl hat, das diesen Moment repräsentiert, so kann die Bearbeitung des Bildes dazu beitragen, dieses Gefühl authentischer wiederzugeben als ein unbearbeitetes Bild.

Die Bearbeitung von Fotos ist übrigens bei weitem kein digitales Phänomen
– ebenso wie die Frage, ob Nachbearbeitung die Authentizität des Fotos beeinflusst. Schon früher in der Dunkelkammer wurden Fotos nachbearbeitet, beschnitten, nachbelichtet etc. Mit elektronischer Bildbearbeitung ist dieser Prozess einfacher und für mehr Menschen zugänglich geworden, so dass die Vermutung naheliegt, dass nicht nur mehr fotografiert, sondern auch mehr nachbearbeitet wird.

Eines darf man nicht vergessen: ein schlechtes Foto wird auch nicht durch Nachbearbeitung zu einem guten Foto
. Kleine Korrekturen im Sinne von Nachbelichtung, Veränderung von Helligkeit und Kontrast oder Farbwerten lassen sich immer vornehmen – aber eben auch nur in einem gewissen Maße, die Grenzen setzt dabei das Originalfoto. Demnach kann man auch niemandem, der solche Korrekturen an seinen Fotos vornimmt, um noch ein wenig mehr aus seinem Bild herauszukitzeln, vorwerfen, dass er dadurch den Mangel an fotografischen Fähigkeiten ausgleicht. Ein schlechter Fotograf wird mit Photoshop oder Gimp aus seinen Schnappschüssen keine Meisterwerke machen können.

Und noch etwas: Bildbearbeitung macht Spaß! Jeder darf mit seinen Fotos so umgehen, wie er es gerne hätte. Lasst Euch diesen Spaß nicht von irgendwelchen Miesepetern nehmen und vor allem, nehmt die Kritik an der Nachbearbeitung nicht so ernst (auch wenn es schwer fällt)! Es ist erstaunlich, was man aus einem Foto noch herausholen kann, wenn man an diversen Rädchen dreht und Reglern zieht.

Wie denkt Ihr darüber? Kann Nachbearbeitung die Authentizität eines Fotos zerstören? Ist ein „echtes“ Foto nur eins, was auf Film gemacht wurde, das um Himmels Willen bloß nicht nachbearbeitet wird um den eingefangenen Moment nicht zu berühren? Oder sind ein bisschen Retusche und Korrekturen legitim und werten das Bild noch auf?

— * Bitte verzeiht, dass ich nicht alles als korrekte Zitate gekennzeichnet habe und nicht jeden einzelnen Forumsbeitrag in diesem Thread berücksichtigen konnte. Ich hoffe es fühlt sich dadurch niemand auf den Schlips getreten. Wenn doch – nutzt die Kommentare ;-) P.S: Bei zoomyboy gibt es ein weiteres interessantes Posting zu diesem Thema: Wann ist ein Foto noch ein Foto.

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