kwerfeldein
21. Juni 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Über den Goldenen Schnitt

Dies ist ein Gastartikel von Hannes Trapp. Er ist Student der Fachrichtung Maschinenbau und fotografiert in seiner Freizeit, wobei der Schwerpunkt seiner Arbeit bei der Modelfotografie liegt. Seine fotografischen Arbeiten können auf potograf.de besichtigt werden.

Hannes TrappIn letzter Zeit werde ich immer häufiger auf den Goldenen Schnitt angesprochen – ob ich mich „daran halte“ und beim fotografieren darüber nachdenke oder nicht. Zu diesem Thema habe ich auch eine klare Antwort, die manche verwundert und oft zu Diskussionen führt.

Dabei ist mir aufgefallen, dass das Verständnis über den Goldenen Schnitt deutlich auseinander geht – jeder scheint etwas anderes darunter zu verstehen. Da ich kein Freund von richtig und falsch bin, habe ich mal etwas nachgelesen und bin bei vielen Menschen – die genau wissen was „richtig“ ist – fündig geworden.

In einem Punkt sind sich eigentlich alle einig: Der Goldene Schnitt ist ein mathematisches Verhältnis, welches sich leicht mit zwei Strecken a und b darstellen lässt. Hierbei verhält sich a zu b wie a+b zu a. Darauf möchte ich an dieser Stelle aber nicht weiter eingehen, im entsprechenden Artikel bei Wikipedia ist das schließlich ausführlichst und unter Einbeziehung vieler Beispiele beschrieben. Wie sich der Goldene Schnitt nun aber zur Bildgestaltung einsetzen lässt, ist in einem Unterpunkt im gleichen Artikel zu finden – und hier scheiden sich langsam die Geister.

Manche schwören auf die Einteilung nach dem Goldenen Schnitt
, andere greifen auf die daran angelegte aber doch deutlich verschiedene Drittel-Regel zurück, nennen diese dann aber trotzdem Goldener Schnitt. Egal in welchem Verhältnis geteilt wird – möchte man ein Bild mit dieser Hilfe komponieren, sollten wichtige Objekte auf den Schnittpunkten der Linien und senkrechte Objekte wie z.B. der Horizont, ein Baum oder ein Wasserspiegel auf einer der Linien liegen.

Bei diesen Arten der Kompositionshilfen wird der Goldene Schnitt (bzw. die Drittel-Regel) für die Teilung einer Strecke genutzt; die beiden geteilten Verhältnisse liegen also auf einer Geraden. Das Anlegen der Verhältnisse im 90° Winkel ist aber auch möglich, wie es oft bei der Analyse historischer Bauwerke verwendet, und hier am Beispiel verschiedener Bildformate verdeutlicht wird. Hier erwartet den Fotografen schon das erste „Problem“ – das geliebte Kleinbildformat ist mit 3:2 (also 1,5:1) knapp am Goldenen Schnitt (ca. 1,618:1) vorbeikonstruiert, das bei Kompaktkameras übliche 4:3 Verhältnis (1,333) liegt weit davon entfernt.

Daher wird zur Bildgestaltung in der Fotografie der Goldene Schnitt (bzw. die Drittel-Regel) meist in der Geraden zur Aufteilung der einzelnen Bildkanten verwendet. Weitere Informationen zum Goldenen Schnitt, zu dessen Konstruktion und zu historischen Gemälden und Bauwerken in seinem Verhältnis finden sich beispielsweise auf den Seiten der Universitäten Bayreuth und
Würzburg.

An dieser Stelle möchte ich die Antwort auf die Frage nach meiner Meinung zum Goldenen Schnitt einbringen. Ich halte nicht besonders viel davon. Vor einiger Zeit habe ich etwas gelesen, dass ich in Ermangelung der Quelle frei zitieren möchte: „Es fällt auf, dass Objekte auf Bildern die wir als harmonisch empfinden, oft im Verhältnis des Goldenen Schnitts zueinander liegen.“ Diese Aussage ist zweifelsohne richtig, aber bei genauem Hinsehen meiner Meinung nach nicht besonders aussagekräftig. Denn wenn man sich seine Umwelt oder ein Bild anschaut und ein beliebiges Verhältnis annimmt (3:2, 4:3 oder auch den Goldenen Schnitt), findet man nach kurzer Suche immer etwas, was mehr oder weniger genau in diesem Verhältnis liegt.

Dieser Tatsache ist auf der Seite eines Bamberger Gymnasiums recht gut auf den Grund gegangen – sehr zu empfehlen sind dort die verschiedenen Möglichkeiten, Linien an Statuen zu legen, und die daraus resultierenden Verhältnisse. Dass biologische Verhältnisse (Beispiele dazu finden sich auch auf der Seite) auch im Goldenen Schnitt liegen, ist für mich ein Beleg für die mechanische Stabilität dieses Verhältnisses. Dessen Ästhetik würde ich eher als Folge der Gewöhnung unseres Auges sehen, was auch erklärt, warum wir Bilder im Goldenen Schnitt oft „harmonisch“ empfinden.

Wenn ich fotografiere, schaue ich nicht nach dem Goldenen Schnitt.
Ich schaue nach der Bildkomposition als ganzes, und wie sie für mich wirkt. Betrachte ich Bilder später unter dem Gesichtspunkt des Goldenen Schnitts, werde ich manchmal fündig – manchmal aber auch nicht. Das kann jeder der möchte selbst nachvollziehen.

Für die Interessierten möchte ich noch eine Berechnungshilfe und ein pdf mit mathematischen Spielereien verlinken.

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12 Kommentare

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  1. als absolute Fotografie Anfängerin taste ich mich gerade langsam an die digitale Technik heran. Was mir aber definitiv auffällt, ist ein Rechtsdrall in der Bildkomposition. Ich denke beim Fotografieren nicht darüber nach. Über den goldenen Schnitt schon gar nicht. Davon gehört und gelesen habe ich schon, aber ehrlich gesagt, möchte ich mich da, außer zu Übungszwecken, auch nicht bestimmten Regeln unterwerfen. Denn das würde mich ja schon direkt am Anfang meiner Beschäftigung mit der Fotografie einengen.

  2. Der goldene Schnitt entspricht in vielen Fällen dem, was man gemeinhin als gefällig für das Auge empfindet. Jedoch kann wie in jedem Bereich das bewusste Brechen bestimmter Regeln zu wesentlich spannenderen Ergebnissen führen – muss aber nicht.
    Wer in der Lage ist gute Kompositionen ohne jegliche Regeln im Kopf zu verwirklichen ist gesegnet. Für den Anfänger kann es eine Hilfe sein zu guten Kompositionen zu kommen.
    „Alles kann – nichts Muss“…

  3. Wie sagt schon der Volksmund: Regeln sind da, um gebrochen zu werden. Manche versuchen da krampfhaft nach dem Goldenen Schnitt, führenden Linien, etc. zu fotografieren, ohne das Motiv wirken zu lassen. Fotografiert ein Motiv doch einfach wie ihr es seht – nicht wie man es sehen *sollte*

  4. Ein befreundeter Fotograf meinte einmal (ungefährer Wortlaut): Man sollte die Regeln wissen um sie bewusst brechen zu können.
    Ich glaube, dass solche Regeln als Hilfe angesehen werden sollten um die Arbeit eventuell zu erleichtern. Damit schließe ich mich „es“ an: Alles kann – nichts muss!

  5. Für Anfänger sind solche Regeln sehr hilfreich. Damit erreicht man ein gewisses Niveau. Möchte man sich aber weiterentwicklen, können diese Art der „Regeln“ eher zwanghaft sein.

    Gruß Mihau

  6. Schließe mich es an. Die Entdeckung des goldenen Schnitts ist ein paar Jahrtausende alt – und wenns blanker Unsinn gewesen wäre, dann würden wir sicher davon auch nichts mehr wissen. Also ein „pah- brauch ich alles nicht!“ greift hier ein wenig zu kurz! Ich persönlich halte gerade bei Landschaftsaufnahmen den GS als wirksames Mittel und ärgere mich, dass ich den immer noch nicht wirklich verinnerlichen konnte, dann per Software das Bild nachträglich beschneiden muss.
    Regeln kennen, um zu wissen wann man sie brechen muss – übersetzt könnte es, wie ich es verstehe, in diesem Fall lauten: der GS erzeugt Harmonie. Wer also Spannung ins Bild bekommen möchte, der sollte mit dieser Regel also „brechen“. Aber dafür muss mir dies bewusst sein. Gute Komposition ist selten Zufall und ich würde gerne mehr darüber lernen – denn Zufälle lassen sich schlecht wiederholen.
    Grüße Blue

  7. Goldener Schnitt? Kannte ich zu Beginn meiner Fotokarriere nur vom Hörensagen. Was das genau war, wusste ich gar nicht. Als ich dann während der Lehre klüger wurde ;-), bemerkte ich, dass ich unbewusst bereits schon lange diese Regel angewendet hatte.

    Aber was sind schon Regeln, wenn die Bilder dadurch im Laufe der Zeit irgendwie wieder langweilig wirken? Mut zur Lücke und immer auch mal wieder was Neues ausprobieren.

    Trotzdem sollte man die alten Weisheiten ruhig kennen. Schaden tut das auch nicht.

  8. Ach ja…eben noch eine Anmerkung: ich finds schade, das der Artikel so wenig Beispiele parat hält, wo man mal ein Bild sehen kann mit der entsprechenden Aufteilung. Also nicht nur ein Gitter, sondern hat mit einem Foto drunter wo es mal anschaulich gezeigt wird, was vom Foto so alles auf den entsprechenden Punkten liegt. Und das mal mit einem Landschaftsbild, einem Portrait usw. Das fände ich extrem hilfreich!
    GRüße Blue

    • Ich benutze den Goldenen Schnitt beim Zuschneiden von Fotos dann, wenn ich mich nicht recht entscheiden kann. Im Zweifelsfall ist man damit auf der sicheren Seite.
      Zu dem Zweck habe ich mir sogar ein Windows-Programm gemacht, das dabei hilft (siehe meine Homepage). Man kann damit ein GS-Raster über den Bildschirm legen und dieses beliebig drehen und verschieben. Dadurch läßt es sich mit jeder anderen Software zusammen verwenden.
      Darum mein Tipp an BLUE: mit dem Tool kannst Du überall, z.B. in Bildern auf Web-Seiten, nach dem Golden Schnitt suchen und herausfinden, ob er sinnvoll ist.

  9. Ich halte es schon für sinnvoll, etwas über den goldenen Schnitt gehört zu haben und diese Technik auch eine zeitlang anzuwenden, allerdings sollte man nicht den Fehler begehen, sich krampfhaft an dieser Regel festzuhalten.
    Ansonsten engt man sich selbst nur in seinen kreativen Entfaltungsmöglichkeiten ein! Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade ungewöhnliche Perspektiven und Bildschnitte einen ganz besonderen Reiz versprühen und dadurch auch für den Betrachter um einiges interessanter wirken können.