kwerfeldein
04. April 2008 Lesezeit: ~5 Minuten

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

Dies ist ein Gastartikel von Patrick Stoesser, welcher sich mit dem Thema Brennweite und Perspektive ausseinandersetzt. Wem dieser Artikel gefallen hat, der sollte auf realfragment.de vorbeischauen – dort bloggt Patrick zum Thema Fotografie. Übrigens : Patrick ist auch bei flickr zu finden.


Unter Fotografen weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Brennweite Einfluß auf die Perspektive habe. Dies äußert sich in allgemein bekannten Regeln wie „Ein Teleobjektiv verdichtet die Perspektive“, „macht den Raum flach“ oder „Ein Weitwinkel verzerrt den Raum“.

Was in der fotografischen Praxis zunächst einmal bewährt, nachvollziehbar und deshalb richtig erscheint, ist jedoch nichts anderes als eine optische Täuschung. Tatsächlich hat die Brennweite überhaupt keinen Einfluß auf die Perspektive. Die Perspektive wird einzig und allein durch den Aufnahmeabstand beeinflußt.

Mit einem Versuch läßt sich dies feststellen. Folgende Aufnahmen wurden vom selben Kamerastandpunkt aufgenommen, einmal mit 14mm Brennweite, einmal mit 28mm, einmal mit 50mm und einmal mit 85mm (der sogenannte Cropfaktor, also das Verhältnis der Größe des Bildsensors zum Kleinbildformat, wird hier nicht genannt – denn auch die Größe des Aufnahmeformats hat keinerlei Einfluß auf die Perspektive – später dazu mehr).

An den Bildern wurde nichts geändert außer leichter Kontrastanhebung und leichtemNachschärfen. Außerdem wurden vorhandene Kennzeichen unkenntlich gemacht.

200804041241.jpg

14mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

28mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

50mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

85mm Brennweite

Und in der Tat scheint die Brennweite einen Einfluß auf die Perspektive zu haben: Ist nicht das Bild, das mit 15mm Brennweite aufgenommen wurde, weitwinkeltypisch verzerrt? Und ist nicht jenes mit 85 mm verdichtet?

Nun, schauen wir uns einmal die Bestandteile an, die in allen Bildern vorhanden sind. Das bedeutet, wir schneiden einfach mal all das weg, was nicht im 85er-Bild (der Einfachheit halber nenne ich die Bilder der verschiedenen Brennweiten im weiteren Verlauf so) zu sehen ist. Dabei erhalten wir natürlich verschiedene Ausschnitte:

200804041245.jpg 85mm

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

50mm

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

28mm

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

14mm

Jetzt, da nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile aller Brennweiten sichtbar sind, kann unser Gehirn uns nicht mehr über den Kontext der jeweiligen unterschiedlichen Bildbestandteile täuschen.

Um nun auch noch die letzte Einflußgröße, die unser Gehirn zur Perspektive relativiert, auszuschalten, bringen wir alle Ausschnitte auf die gleiche Größe:

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

Wir sehen: Die Bilder – und die Perspektiven – sind gleich. Natürlich ist das 14er qualitativ schlechter als das 85er – es ist ja stärker vergrößert. Dem werten Leser sei versichert, dass obige Bilder wirklich die vergrößerten Ausschnitte sind. Oben das 14er, gefolgt vom 28er, danach das 50er, und schließlich das 85er.

Die Brennweite verändert also nicht die Perspektive! Was die Brennweite ändert, ist der Bildwinkel, also der auf dem Aufnahmemedium abgebildete Ausschnitt des Motivs (hier auch nochmal bei Wikipedia erklärt). Die „Verdichtung“ oder „Verzerrung“ entsteht in unserem Gehirn, das alle Bildbestandteile zueinander in Beziehung setzt. Man könnte sagen, die Brennweite ändert nicht die Perspektive, aber die Bildwirkung.

Genausowenig wie die Brennweite die Perspektive ändert, so wenig ändert übrigens die Größe des Aufnahmemediums (also Film oder Sensor) die Perspektive. Denn auch die Größe des Aufnahmemediums ändert nur den Bildwinkel – sozusagen diesmal aber von der anderen Seite des Objektives. Ein 50mm-Objektiv an einer Kleinbildkamera bildet die selbe Perspektive ab wie das selbe 50mm-Objektiv (hypothtisch) an einer Digital-Kompaktkamera mit findernagelgroßem Sensor; lediglich der Ausschnitt des Motivs verändert sich.

Die falsche Annahme, die Brennweite verändere die Perspektive, rührt daher, dass unser Gehirn immer alle Bildbestandteile in die perspektivische Auswertung mit einbezieht: Ein kleinerer Bildwinkel bei gleicher Bildgröße führt zum Eindruck einer „Verzerrung“ der Perspektive. Ein größerer Bildwinkel bei gleicher Bildgröße gauklet unserem Gehirn eine „Verdichtung“ der Perspektive vor.

Erst dann, wenn wir nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile verschiedener Bildwinkel (seien die verschiedenen Bildwinkel nun durch verschiedene Brennweiten oder verschiedene Größen des Aufnahmemediums entstanden) betrachten, sehen wir, dass sie sich nicht unterscheiden.

Wer nun zweifelt, dass der Versuch wirklich beweist, dass die Brennweite keinerlei Einfluß auf die Perspektive hat, der sei ermutigt, den Versuch selbst durchzuführen. Gerade digital ist er von jedermann ohne allzugroßen Aufwand durchzuführen. Wichtig ist nur, dass die Aufnahmen mit den verschiedenen Brennweiten mit exakt gleichen Kamerastandpunkt durchgeführt werden! Eine Änderung des Kamerastandpunktes hat nämlich, im Gegensatz zur Brennweite, zwangsläufig Auswirkungen auf die Perspektive (dazu wird es hier in nächster Zeit einen weitern Versuch geben)!

Nochmal: Bei diesem Versuch darf der Kamerastandpunkt nicht verändert werden! Ein Stativ oder eine andere geeignete Fixierung der Kamera ist also Pflicht.

Es lohnt sich übrigens wirklich, diesen Versuch selbst einmal mit eigenem Material durchzuführen, denn der Erkenntnisgewinn ist, egal ob man Skeptiker ist oder nicht, sehr groß.

All jenen, die meinem Worte weniger vertrauen als dem eines Meisters, oder denen, die das Ganze lieber in gedruckter Form lesen möchten, sei Feiningers Hohe Schule der Fotografie ans Herz gelegt (auch ansonsten ist dieses Buch sehr empfehlenswert!); hier wird unser Versuch nochmals ausführlich besprochen.

Ähnliche Artikel