kwerfeldein
03. Dezember 2007 Lesezeit: ~8 Minuten

Hilfreiche Tipps zur Konzertfotografie

Dies ist ein Gastartikel von Michael Schmid und unter anderem bloggt er auf x-foto.ch. Dieser Artikel ist definitiv ein Muss für jeden, der sich ernsthaft mit dem Fotografieren von Konzerten beschäftigen möchte.

Die Konzertfotografie deckt für mich einen der interessantesten und spektakulärsten Fotografiebereiche ab. Sie kann entweder in engen Räumen, in riesigen Hallen oder unter freiem Himmel stattfinden, meistens aber mit vielen Leuten und innerhalb von kürzester Zeit. Viele Fotografen wollen gleichzeitig die besten Bilder schiessen, was bei einem grossen Künstler mit über 50 Fotografen vor der Bühne nicht einfach ist, doch das macht die Konzertfotografie aus.

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Das Fotografieren von Konzerten beginnt schon früher, als am Abend des Konzertes. Allgemein sollte man sich überlegen, was man mit Konzertbildern dem Betrachter zeigen will. Der Fotograf will mit seiner Kamera die Emotionen einfangen, so dass der Betrachter meint, er sei selber direkt vor Ort und höre die Musik in seinen Ohren, was mit einfrieren von Emotionen geschehen kann, doch das ist leider meistens erst mir viel Erfahrung möglich. Ich denke jedoch mit ein paar wichtigen Tipps, ist das auch für einen beginnenden Fotografen möglich.

Ich selber fotografiere seit 2005 an den grossen Konzerten und OpenAirs hauptsächlich in der Schweiz. Angefangen mit der Canon 20D und dem Kitobjektiv, fotografiere ich heute mit zwei Canon 1D Mark II, einem Canon 70-200 2.8 und einem Canon 24-70 2.8. Vor allem die OpenAir-Saison während dem Sommer ist sehr stressig, doch sie bereitet mir viel Spass, denn ich treffe immer wieder die gleichen Fotografen. Man sieht sich, diskutiert und trinkt nach einem anstrengenden Tag ein Bier zusammen.

Emotionen
Doch zurück zum eigentlichen fotografieren: Wie erwähnt, besitzt ein Fotograf während einem Konzert sehr wenig Zeit seine Bilder zu schiessen. So kann es von sehr grossem Vorteil sein, wenn man den Künstler/die Band und deren Musik selber kennt. So weiss man in etwa, wann der Interpret Zeit hat mit dem Publikum zu spielen, der Gitarrist ein Solo hat oder einfach nur die Musik leiser und melancholischer wird. Jeder Musiker besitzt sein eigenes Leben auf der Bühne. Ob das nun Eva Briegel von Juli ist, welche immer wieder die Augen geschlossen hält und sich an der Mikrofonstange festhält oder Pink, die auf der Bühne schauspielert, mit dem Gitarristen flirtet und sehr stark den Kontakt mit den Fotografen sucht. Im Allgemeinen sind Bilder, auf welchen der Sänger dem Fotografen direkt in die Augen oder das Objektiv schaut, die Bilder mit den meisten Emotionen und der grössten Aussagekraft. Viele Sänger neigen leider dazu, die Augen zu schliessen, was sehr schöne Bildstimmungen hervorrufen kann. Man will auch mal in Seele des Interpreten sehen, denn auch bei der Konzertfotografie gilt: Die Augen sind das Tor zur Seele. Um solche Geschlossene-Augen-Bilder zu verhindern, kann man mit Serienbildern arbeiten und hoffen, dass der Künstler die Augen kurzzeitig öffnet. Ein ähnliches Problem kann das Mikrofon und dessen Ständer verursachen, hier gibt es einige Interpreten die sich regelrecht am Mikrofon festklammern und dieses fast nie loslassen. Man kann leider nur auf einen guten Tag des Interpreten hoffen und im richtigen Moment abdrücken.

Technik
Neben allen emotionalen Bildinhalten kann einem die Technik sehr viel zerstören. Da meistens nicht mit Blitz fotografiert werden darf (was auch die Lichtsituation zerstören würde), herrscht sehr wenig Licht, ausser man kommt in den Genuss von gleichzeitigen Filmaufnahmen. Gerade bei Filmaufnahmen ist es wichtig das genügend und vor allem weisses Licht vorhanden ist. So schalten die Lichttechniker, den Kameraleuten zuliebe, einen weissen Verfolger-Spot mehr auf, worüber wir Fotografen nicht unglücklich sind. Um mit den meistens schlechten Lichtsituationen umzugehen, kommt man um lichtstarke Objektive mit einer Offenblende von mindestens 2.8 nicht rum. Aber auch wenn das Objektiv lichtstark ist, muss man mit hohen ISO-Werten arbeiten. So fotografiere ich mit mindestens 800 ISO und erhöhe in schwierigen Situationen auf bis zu 1600 ISO. Mit den neuen Kameras (Canon 1D Mark III, Canon 40D oder Nikon D3/D300) sind solche ISO Werte zum Glück kein Problem mehr und sie bringen noch sehr gute Bilder hin. Mit ein bisschen älteren Kameras (Canon 1D Mark II, Canon 30D oder Nikon D2/D200) führen solch hohe ISO Werte schnell zu starken Rauschen. 
Mit Objektiven bin ich bis jetzt mit einem Telezoom- von 70-200 und einem Weitwinkel- bis Normal-Objektiv von 24-70 sehr gut gefahren. Das Tele, um das Gesicht eines Interpreten gut darzustellen und das Weitwinkel, um die ganze Bühne oder mehrere Personen auf der Bühne gleichzeitig zu fotografieren.
Allgemein ist aber zu sagen, dass es in der Konzertfotografie um die Emotionen geht und die kommen auch bei verrauschten oder technisch nicht perfekten Bildern gut zur Geltung.

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Licht
Licht spielt in der Konzertfotografie eine sehr grosse Rolle. Der Fotograf kann damit spielen und viel neues entdecken. In Kombination mit Rauch kommt das Bühnenlicht noch mehr zur Geltung, allerdings nur wenn der Rauch hinter dem Künstler bleibt und ihn nicht vernebelt. Der Rauch gibt dem Licht mehr Reflektionsfläche und produziert so wunderschöne Boukes!!!!, welche den Künstler vom Hintergrund perfekt freistellt, denn meistens stören Scheinwerfer, Gerüste oder andere Bühnenutensilien die Bildaussage. Durch Objektive, die eine grosse Offenblende besitzen und Kameras mit Vollformat, kann man die Freistellung noch verstärken. Allerdings sei erwähnt, dass es gerade bei sehr grossen Blenden von 1.8 oder noch grösser schnell mal sehr schwierig wird, scharfe Bilder hinzukriegen. So ist es wichtig, dass man eine Kamera mit einem schnellen Autofokus besitzt und mit kurzen Verschlusszeiten arbeitet.

Konzerte und OpenAirs
Viele Fotografenkollegen fragen mich, wie ich mich für Konzerte akkreditieren (anmelden) kann. Die Veranstalter lassen nicht jeden Amateurfotografen an ihre Konzerte, der Platz ist beschränkt und meistens für Profis vorbehalten. Hier kann es von Vorteil sein, wenn man über eine Agentur, eine kleine regionale Zeitung oder über eines der vielen Partybilderportale akkreditiert wird. So besitzen die Bilder einen redaktionellen Wert und die Akkreditierung wird vom Veranstalter gutgeheissen.

Bei den meisten Konzerten dürfen die ersten drei Lieder fotografiert werden. Ab und zu gibt es auch spezielle Anordnungen des Veranstalter: So durfte man bei einem Britney Spears Auftritt nur die ersten 30 Sekunden der ersten drei Songs fotografieren, denn der Veranstalter wollte keine Schweissperlen auf den Bildern seines Interpreten finden. 
In letzter Zeit gibt es leider immer mehr so genannte „Knebelverträge“, dabei müssen die Fotografen einen Vertrag unterschreiben, indem genau definiert wird für welche Zeitung man fotografiert. Agenturen, welche die Bilder weiterverkaufen, werden einfach ausgeschlossen. Bei einem Robbie Williams Konzert ging das Management sogar so weit, dass im Vertrag die genauen Blickwinkel definiert waren, aus welchen fotografiert werden durfte. Solche Verträge werden aber zum Glück von immer mehr Agenturen und Fotografen abgewiesen und sie gehen sogar so weit, dass gar keine Bilder oder Reportagen vom gesamten Konzert/OpenAir mehr publiziert werden.

An Konzerten darf während der erlaubten Zeit nur aus dem „Graben“ fotografiert werden. Dies ist der Bereich zwischen Bühne und Zuschauer und bietet meistens nicht viel Platz. Bei grossen Konzerten mit bekannten Interpreten, befinden sich sehr viele Securities im Graben und bringen all die zusammengebrochenen meist jungen Personen aus der tobenden Menschenmenge. Hier gilt: Sicherheit vor Bild. Man lässt die Sicherheitsleute ihre Arbeit tun. Noch ein kleiner Geheimtipp: Hab es immer gut mit den Securities, irgendwann ist man froh darüber.
An den OpenAirs befindet sich meistens in der Nähe des Grabens ein Mediencorner. Dort gibt es ein WLAN und Arbeitsplätze, an denen die Fotografen ihre Bilder bearbeiten und publizieren können. Doch gerade bei grossen Auftritten sind diese Plätze sehr begehrt und meistens besetzt. Da muss man sich absprechen und auf die anderen Fotografen Rücksicht nehmen.

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Fazit

Im Grossen und Ganzen ist die Konzertfotografie sehr interessant und abwechslungsreich. Ich habe viele Kollegen dadurch gewonnen, die man immer wieder trifft. Wenn man die richtige Technik besitzt, seine Kamera im Griff hat und vor allem die Augen offen hält, gelingen die schönsten Bilder.

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17 Kommentare

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  1. Blogartikel dazu: x-fotoblog » Mit der Konzertfotografie zu Gast bei Kwerfeldein

  2. Blogartikel dazu: Konzertfotografie

  3. Blogartikel dazu: Kaufhilfe DSLR - Seite 2 - colorfoto

  4. Blogartikel dazu: Die unvollständige Liste über Konzertfotografie - Konzertfoto FAQ

  5. Dem Punkt mit den Augen kann ich nicht zustimmen. Es ist nicht immer positiv, wenn der Musiker genau ins Objektiv schaut, ich finde es sogar besser, wenn der Fotograf von der Stimmung des Fotos her eher unsichtbar bleibt, nur beobachtet. Und auch das geschlossene Augen meist schlechte Bilder hervorrufen, ist nicht meine Meinung, das kann oft gerade einen sehr konzentrierten und schönen Ausdruck vermitteln.
    Ansonsten: netter Artikel, mittelmäßige (und unscharfe?) Beispielfotos…

  6. Konzertfotografie ist ein harter Job und erfordert wirklich sehr viel Feingefühl. Künstler, Musiker und alle Akteure vor und vor allem hinter der Bühne sind oftmals nicht einfach. Gut, wer da eine große Menge an emotionaler Intelligenz besitzt. Ich selbst war viele Jahre Musiker und bin heute Fotograf. Ich kenne zum Glück auch die andere Seite und weiß auch, wie das ist, wenn ein Fotograf irgendwo rumläuft, wo er eigentlich nichts zu suchen hat. So macht jeder seine Arbeit. Konzertfotografie ist für viele ein kleiner Traum, ganz ehrlich und nüchtern betrachtet, hat dieser Beruf als Konzert- oder Musikfotograf sehr an Attraktivität verloren. Einige Plattenfirmen übertreiben es einfach mit den Verträgen. Gruß aus Köln, dirk

  7. Blogartikel dazu: Fotos beim Konzert, Hilfe :) - Bilderforum.de

  8. Blogartikel dazu: Konzertfotografie – Theorie und Praxis am Beispiel eines Clubkonzerts | Private Homepage von Bernd Gulde