Artikel03.02.2012 / 07:59

Als Fotograf beim Castor-Transport

Dies ist ein Artikel von Chris Grodotzki und Ruben Neugebauer. Die beiden freien Fotografen und Fotojournalisten arbeiten schwerpunktmäßig zu sozialen und Umwelt-Themen und bloggen gemeinsam auf visual-rebellion.com.

Castor-Transport

126 Stunden Transportzeit, über 100 Blockade-Aktionen und 20.000 Polizeikräfte im Einsatz. Der Castor-Transport 2011 war der längste, der teuerste und sicherlich auch einer der härtesten – sowohl für Aktivisten und Polizisten, als auch für uns Fotojournalisten.

Als Teil eines Dokumentations-Projekts und mit Aufträgen verschiedener Medien und Umweltorganisationen in der Tasche, waren wir von Anfang an dabei und begleiteten die alljährlichen Proteste gegen den strahlenden Transport. Für uns als Fotografen bedeutete der Castor eine knappe Woche Schlafmangel und diverse nervige Polizeikontrollen, aber auch jede Menge tolle Motive, spannende Geschichten und viel Raum zum Experimentieren.

Hier unser „Reisebericht“ zum Ausnahmezustand im Wendland:

23. November – Gutes Timing

Castor-Transport

Wir wollten früh im Wendland sein. Um den Aufbau der Protest-Camps mitzubekommen, uns schon einmal einzurichten und erste Bilder liefern zu können, planten wir unsere Anreise bereits Wochen vorher auf diesen Mittwoch. Eine gute Entscheidung, wie sich nun herausstellt, denn während wir auf dem Weg ins Wendland sind, macht sich in Frankreich auch der Atommüll-Zug auf den Weg – einen Tag früher als angekündigt.

Wir sind gespannt! Nicht nur auf das, was der wendländische Protest dieses Jahr wohl wieder gegen den strahlenden Transport ins Feld schicken wird, sondern auch auf unser persönliches kleines Experiment: Wir wollen in den kommenden Tagen nicht, wie für Fotojournalisten üblich, allein, sondern im Team arbeiten. Das heißt nicht nur das Auto, sondern alles – Aufträge, Fotos, Copyright und Honorare – wird geteilt.

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Redaktioneller Beitrag02.02.2012 / 08:06

Sprung in die Freiheit

Das Bild Sprung in die Freiheit gehört zu den Ikonen der Fotogeschichte. Ich möchte die Geschichte hinter dem Bild erzählen. Denn denke ich an das geteilte Deutschland, dann habe ich dieses Foto im Kopf, das kurz nach dem Mauerbau entstand. Kein Bild des Mauerfalls ist so einprägsam gewesen. Ein Foto vom Anfang zeigt bereits das Ende.

Wir können das Bild hier leider aus Kostengründen nicht zeigen. Ihr könnt es aber auf der Seite der Anwältin, die die Rechte am Bild vertritt, ansehen. Oder gebt bei Google Sprung in die Freiheit Peter Leibing ein und bemüht die Bildersuche. Wir bedauern diesen Umstand sehr, aber das Bild ist mir wichtig, weshalb ich dennoch darüber schreiben möchte.

Und nun zum Bild.

Ein Volkspolizist springt in Uniform, mit Stahlhelm und schweren Stiefeln über die Grenze in den Westen. Die Lippen zusammengepresst, die Waffe hinter sich über die Schulter geworfen, schwebt er über einer Rolle Maschendrahtzaun. Seine Anspannung ist spürbar. Im Hintergrung erkennt man unscharf eine Gruppe von Menschen, die das Geschehen erst in diesem Moment langsam registrieren. Für Westdeutschland zeigte dieses Bild hervorragend die Schwäche Ostdeutschlands auf, dem offenbar selbst die eigenen Truppen davonliefen.

Der 20-jährige Fotograf Peter Leibing sollte im Auftrag der Fotoagentur Conti-Press den Bau der Mauer dokumentieren. Am 15. August 1961 stand er auf der Westseite der Bernauer Straße und ahnte bereits, dass irgendwas passieren würde. Und wartete.

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Redaktioneller Beitrag01.02.2012 / 16:51

Poladarium 2013

Im Adventskalender haben wir diesen tollen Polaroidkalender für 2012 bereits beworben und verlost. Wir sind froh, dass er auch 2013 wieder erscheinen wird. Und Ihr könnt dabei sein!

Polawas?
Wer jetzt ein wenig irritiert schaut, dem sei kurz das Konzept erklärt: Das Poladarium ist ein Abreißkalender, wie man ihn aus Omas Küche kennt. Jedoch stehen auf den 365 Blättern keine Rezepte, sondern es gibt jeden Tag ein Polaroid von verschiedenen Fotografen aus der ganzen Welt. Der auf Fotografie spezialisierte Verlag seltmann+söhne kümmert sich um den hochwertigen Druck auf Spezialpapier.

Wie könnt Ihr mitmachen?
Ihr folgt den Anweisungen auf der Homepage und bewerbt Euch mit Eurem schönsten Polaroid. Es muss wohlgemerkt ein echtes Polaroid sein, das mit einer SX-70 or 600er Polaroidkamera aufgenommen wurde. Also bemüht gar nicht erst Photoshop und Co.

Warum solltet Ihr mitmachen?
Ob man mitmachen möchte, bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Aber wer Polaroids fotografiert, kann sich dem Charme dieser Fotos sicher nicht entziehen. Geld gibt es nicht zu gewinnen und jeder Teilnehmer ist verpflichtet, ein Exemplar des Poladariums zu einem ermäßigten Preis zu kaufen. Aber dafür ist man Teil eines meiner Meinung nach großartigen Projekts.

Und je mehr Polaroid-Fotografen mitmachen, desto vielfältiger und spannender wird das Poladarium 2013.

Redaktioneller Beitrag01.02.2012 / 08:50

Manipulationsphobie

Man muss sich nur bewusst machen: Alles ist erlaubt und jede verrückte Idee ist machbar. Vergesst doch einfach mal komplett die ganzen Regeln, die Ihr so lange gelernt habt (natürlich sind Bildgestaltungsregeln wichtig, aber es ist noch wichtiger, sie zu hinterfragen und ihnen nicht einfach nur zu folgen) und photoshoppt den Menschen ein drittes Auge rein, wenn es Euch gefällt und es gut aussieht, … ~ Sebastian Baumer, 2010

Mit zugekniffenen Augen habe ich in den letzten Tagen mal genauer hingesehen und siehe da: Es gibt sie noch und zwar gar nicht wenige. Die Rede ist von Fotografen, die die fragwürdige Theorie verbreiten, Fotografie und Bildbearbeitung wären zwei komplett unterschiedliche Paar Stiefel, die überhaupt nicht zueinander passen. Und: Je mehr ein Foto bearbeitet würde, umso schlechter müsse der Fotograf sein. Denn wenn er fotografieren könnte, müsste er oder sie ja nicht so viel bearbeiten.

Nun, diese These ist nicht besonders steil, sondern eher flach. Weiter ringt sie mir eigentlich nur ein müdes Lächeln ab, denn ich lese gern woanders lustige Aphorismen. Doch heute dachte ich, Martin, verfass doch dazu mal ein paar Zeilen.

Das Problem einer solchen Behauptung ist, dass sie viele kleine und sehr altbackene Prämissen innehat. Eine davon ist: Nur ein nicht bearbeitetes Bild ist ein gutes Bild. Oder: Ein “Könner” braucht die Bildbearbeitung nicht. Bildbearbeitung ist eine Krücke für die, die es eben nicht so drauf haben.

Nun, was eine Krücke ist und was nicht, steht jedem frei zu definieren. Ich könnte ebenfalls krude Parolen verbreiten wie: Echte Könner brauchen kein Stativ. Oder: Profis machen nur ein Foto und das ist dann perfekt. Oder: Echte Fotografen fotografieren nur mit zusammengekniffenen Arschbacken.

Weiter steckt dahinter eine arrogante Haltung. Leute, die ernsthaft solche Sätze formulieren, gehen davon aus, sie selbst hätten den wahren Kern der Fotografie verstanden. Und diejenigen, die in Lightroom, Photoshop oder in der Dunkelkammer ihre Bilder manipulieren, wären schlicht und ergreifend schlechte Fotografen.

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Interview31.01.2012 / 07:48

Berlin 140°. Im Gespräch mit Frank Silberbach

Mir waren Frank Silberbachs schwarzweiße Panorama-Straßenszenen schon durch Ausstellungen bekannt, bevor ich ihn persönlich kennenlernte. Seine Bildkolumne „Berliner Blicke“, die 2004 bis 2008 wöchentlich in der Samstagsbeilage der Berliner Zeitung erschien, dürfte wohl auch dem einen oder anderen Berliner noch in Erinnerung sein.

Frank und ich liefen uns im letzen Jahr bei einer Vernissage über den Weg. Sofort fiel mir die merkwürdige Kamera auf, die ihm vom Hals baumelte und wir kamen ins Gespräch. Nun freue ich mich, dass ich ihn hier für ein Interview gewinnen konnte.

Hallo Frank. Schön, dass du Zeit für ein Interview gefunden hast. Du bist ja schon lange als Fotograf tätig. Wie bist du ursprünglich zur Fotografie gekommen und wann war das?

Fotografiert habe ich schon als Schüler in den siebziger Jahren in der DDR. Nach meinem Abitur bin ich nach Bulgarien gegangen, um in Sofia Zahnmedizin zu studieren. Obwohl mich das Fach von Anfang an nicht besonders interessierte, sah ich darin eine kleine Möglichkeit, die Einschränkung der Reisefreiheit im Osten zu umgehen. Aber schon nach zwei Semestern war mir ziemlich klar, dass Zahnmedizin eigentlich gar nicht das war, was ich wollte und ich brach das Studium ab.

Danach ging ich nach Ostberlin. Da wollte ich unbedingt hin. Beim Berliner Verlag bekam ich eine Anstellung als Fotoreporter in Ausbildung. Ich arbeitete für die Auslands-Illustrierte „Freie Welt“ – vergleichbar vielleicht mit einer Ostversion der „Geo“.

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