Redaktioneller Beitrag19.10.2011 / 07:56

Erinnerung und Verklärung

In den letzten Tagen habe ich mir aufgrund der bemerkenswerten, aber auch besorgniserregenden Ereignisse im Orient meine eigenen Fotografien noch einmal angeschaut, die ich bis in das letzte Jahr hinein dort gemacht habe.

Ich habe mich gefragt, was diese Fotografien wohl offenbaren. Sind es Erinnerungen, Dokumentationen oder gar Verklärungen einer Kultur, die unserer europäischen Seele so fremd, aber gleichzeitig so anziehend für sie sind?

Es ist wohl beides. Ein Fotograf macht ein Bild, wie er es sieht und der Betrachter sieht es, wie er es nur sehen kann. Beides sind subjektive Wahrnehmungen einer Sache, eines Momentes, eines Ortes. Der Fotograf hat die Mittel, Dinge zu verschleiern, zu verstecken oder zu offenbaren. Er gestaltet das Bild, wählt den Ausschnitt und macht die Fremde fassbarer.

Zeitgleich kann solch eine Fotografie aber auch eine Kultur verklären, romantisieren oder sogar Gegenteiliges bewirken. Der Betrachter ist immer wieder derjenige, der entscheiden muss, was er sieht. Dafür stehen ihm Kopf, Herz und das Bauchgefühl offen und so enthält ein Bild mehrere Nuancen der Wirklichkeit.

Als ich mich für längere Zeit in Kairo aufhielt, kam ich nicht umhin, auf die alten Fotografien von Lehnert und Landrock zu stoßen. Lehnert, der Fotograf, der die Liebe zum Orient früh entdeckte, fand in Landrock den richtigen Geschäftsmann, um gemeinsam einen Fotoladen  zu eröffnen.

Anfangs noch in Tunis, nach dem Ersten Weltkrieg dann in Kairo, verkauften sie Fotografien und Postkarten, die das Landleben der im Orient lebenden Bevölkerung zeigten und die Sehnsucht der Europäer nach dem Andersartigen und Verklärten bedienten. Darüber hinaus sind es aber auch heute noch Dokumente einer Zeit mit vielschichtiger Bedeutung.

Was ich an den Fotografien aber so fesselnd fand, war, dass die Welt, die sie zeigten, auch die war, in der ich mich über 100 Jahre später ebenfalls wiederfand. Die Menschen auf dem Land trugen eine ähnliche Tracht. Männer, mit Turban und Galabiyya bekleidet, in Straßencafés, oder draußen in der Wüste, in die Ferne blickend.


Andreas Paasch, Ägypten, Kairo 2011, Zeit für Veränderungen

Aber so verklärend und warm sich der Orient mir zeigte, so sah ich natürlich auch andere Bilder. Die, die an den Rändern ausfransen und da beginnen, wo der Fotograf seinen Apparat wieder in der Tasche verschwinden lässt bzw. lassen muss oder diesen Part dem Fotojournalisten überlässt.


Andreas Paasch, Ägypten, Kairo 2011, der Präsident geht

So sind Bilder aus dem Orient für mich immer Bilder mit mehreren Wirklichkeitsschichten, die übereinander oder nebeneinander herlaufen. Und hin und wieder ist ein Bild eben nicht genug und muss mit dem eigenen Rundumblick vervollständigt werden.

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Dies ist ein Artikel von Marit Beer.

Marit bevorzugt die künstlerische Fotografie mal mit und mal ohne Menschen. Sie ist dabei dem Material Film verfallen und arbeitet mit einer Kleinbild- und Mittelformatkamera. Für die KWERFELDEIN-Leser möchte sie von Künstlern berichten, denen es ebenso geht und die Fotografie mit Film mehr in den Fokus setzen.

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Kommentare

  1. Mitch sagt:

    Kann zu diesem Thema das Buch “Fotografien aus der Libyschen Wüste” der Edition Temmen empfehlen. Es enthält Fotografien von Philipp Remelé, die im Rahmen einer Expeditionsreise des Afrikaforschers Gerhard Rohlfs in den Jahren 1873/1874 entstanden sind. Es wird u.a. beschrieben, mit welchem unfassbaren Aufwand damals fotografiert wurde (Plattenkamera, Entwicklungszelt, die Aufnahmen auf Glasplatten…). Die Sichtweise der damaligen Zeit wird natürlich auch sehr deutlich.

  2. Silvio sagt:

    Ich bin erst durch deinen Artikel auf die Bilder von Lehnert und Landbrock gestoßen und konnte sie dadurch entdecken.
    Auch wenn sie wie du schon erwähnst einen etwas verklärten Blick präsentiern, haben die Aufnahmen durch die traditionellen Gewänder viel Zeitlosigkeit.
    Mit den Bildern aus unserer Zeit baut sich ein guter Spannungsbogen auf im Vergleich zwischen dem Gestern und dem Heute.
    Guter Artikel !

    • Marit sagt:

      Vielen Dank.
      Die Fotografien von Lehnert und Landrock sind zwar verklärend aber auch zeitlos, ja. Ich find es spannend, dass diese Gewänder noch heute in den dörflichen Gemeinschaften getragen werden. Ich finde diesen Spagat zwischen Dokumentation und Verklärung immer wieder ganz spannend.

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