Artikel03.08.2011 / 09:58

Eine Liebeserklärung an die Pentacon Six

Sarah Michel wohnt in Brienz (Berner Oberland, Schweiz) und arbeitet seit einem Jahr als freischaffende Fotografin mit den Hauptbereichen: Portraits, Inszenierte Fotografie, Akt. Sie fotografiert digital Kleinbild und analog Mittelformat, vorwiegend available light und outdoor.

1076 km mit dem Fahrrad durch 3 Staaten Amerikas, zwei weitere Staaten mit dem öffentlichen Verkehr und 3 unglaubliche Städte. Das erste Mal fliegen und zum ersten Mal außerhalb von Europa. Wir sind staunende Kinder der Berge, mein Cousin Michael und ich und im Rucksack meine geliebte Pentacon Six.

Die Reise begann mit der Idee unsere Verwandte in Tillamook, Oregon zu besuchen. Da Michael und ich nicht Auto fahren können, war schnell klar, dass wir mit dem Fahrrad reisen. Ich bin keine Sportskanone, aber diese Herausforderung packte mich von Anfang an. Über das Gepäck machte ich mir nächtelang Gedanken, es sollte ja möglichst leicht sein und neben dem Wichtigsten fürs Campen möglichst wenig Gewicht aufbringen.

Da Michael seine Digitalknipse mitnehmen wollte, entschied ich mich für die schönste alte Dame die ich damals besaß – meine Pentacon Six. Die Mittelformat Kamera aus der DDR weist zwar immer neue Macken auf, aber an Charme kommt keine an sie heran. Ihr Gewicht und die Tatsache, dass zu dem Zeitpunkt nur noch drei Verschlusszeiten funktionierten, beeinflusste meine Entscheidung nicht. Ich fotografiere anders, meiner Meinung nach sogar besser mit Film; die Art, ein Foto entstehen zu lassen, ist zwar langsamer als mit digital, aber definitiv kein Nachteil.

Wir checkten in Zürich ein, ich war aufgeregt, Juliette Lewis wunderte sich über unsere riesigen Fahrrad-Kartons und trotz all meinen Bedenken landeten wir nach einem langen Tag bei Sonnenuntergang in Seattle. Die Monate vor der Reise waren für mich sehr stressig und ich sehnte mich nach der entschleunigenden Erfahrung, die amerikanische Westküste mit dem Fahrrad zu erkunden.

Die ersten Tage waren ein kleiner Kulturschock für mich: Highways mit unglaublich viel Verkehr machten uns den Start nicht leicht. Aber kaum erreichten wir Oregon und hatten diese wunderschöne rauhe Küstenlandschaft vor uns, konnte ich die Reise in vollen Zügen genießen.

Bei unseren Verwandten in Tillamook fühlten wir uns wie zu Hause. Beim Anblick dieser kleinen Farmerstadt in einer grünen Ebene, mit den zu kurz geratenen Bergen im Hintergrund, konnte ich mir gut vorstellen warum sich vor 100 Jahren ein Teil meiner Familie bei ihrer Suche nach dem Glück in der Ferne hier niederließ. Es sieht fast aus wie in der Schweiz!

Das Fahrrad erwies sich als perfektes Fortbewegungsmittel, nicht zu schnell und nicht zu langsam. Wir genossen die Natur und die Freiheit, uns irgendwo aufzuhalten, wo die großen Pick-Ups keinen Parkplatz fanden. Wunderschöne Sonnenuntergänge am Abend belohnten unsere Strapazen, mit all dem Gepäck einen kleinen Hügel zu bestrampeln, der uns manchmal ewig lang und steil vorkam. Auf den Stadtparks lernten wir immer wieder andere Fahrradfahrer kennen, die mehr oder weniger trainiert Teile der beliebten Kanada-Mexiko-Route zurücklegten.

Am ersten August (Schweizer Nationalfeiertag) überholte uns ein Radler mit Schweizerfähnchen am Velo und eine Kurve weiter wartete er auf uns. So verbrachten wir zu dritt einen gemütlichen Grill-Abend auf dem Statepark, sogar ein Versuch von “Chäsbrätel” (Käseschnitte) wurde gestartet, aber der schmeckte dann doch nicht wie zu Hause.

In Eureka, Kalifornien, beendeten wir unseren Fahrrad-Trip und fuhren ab da mit Zug und Bus. San Francisco beeindruckte mich sehr, ich habe noch nie so etwas Gegensätzliches erlebt wie diese Stadt. Wunderschön, pulsierend, faszinierend und gleichzeitig mit hässlicher Fratze und einem Hauch von veraltertem Hippiegefühl. Die Lichter der Stadt und die obligate Golden Gate Bridge waren perfekte Motive für mich und meine alte Knipskiste.

In Los Angeles verweilten wir ein par Tage am Santa Monica Beach, ließen uns treiben von dem kreativen zur Schau gestellten Bild dieser Welt die doch tatsächlich genau so aussieht wie in den amerikanischen Filmen. Die letzte Station war Las Vegas und da klemmte dann der Spannhebel meiner Oma.

Also kaufte ich mir eine weitere Einwegkamera um Touristenfotos vom Grand Canyon schießen zu können. In der Stadt selber drückte einzig noch die August-Hitze auf den Auslöser, ich brannte die letzten Stunden in Amerika in meinem Kopf-Album fest. Zuhause angekommen wollte ich die Pentacon schon unsanft in eine Ecke treiben und siehe da, der Spannhebel funktionierte als wäre nichts geschehen.

Im Gepäck nach Hause flogen 9 volle Filme mit je 12 Fotos, eine alte Lochkamera namens Brownie Hawkeye, die ich unterwegs in einem Antiquitätenladen gekauft habe, und zwei analoge Einwegkameras. Wunderbare Erinnerungen an eine unvergessliche Reise. Auf meine nächste Reise werde ich wieder eine Mittelformat mitnehmen, das Verhältnis von guten Fotos und Ausschuss ist meiner Meinung nach genau umgekehrt zu dem des digitalen Fotografierens.

Von 108 Fotos waren ca. 10 unbrauchbar, alle anderen sind für mich perfekt, trotz oder gerade weil sie teilweise unscharf sind, Lichteinfall und Überlappungen haben. Zudem war ich mit einer rein mechanischen Kamera von keiner Steckdose abhängig, ätsch. Michael, deinen Stress mit Adapter, die in dampfenden Campingplatzduschen plötzlich funken sprühten, konnte ich ich mir sparen!

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Kommentare

  1. Maren sagt:

    Am beeindruckendsten finde ich, dass man sich auf so wenige Fotos beschränken kann :-)

  2. André sagt:

    Welche Optik war da drauf? Ich bin zwar kein Technikfetischist, aber eine so deutliche Randabschattung habe ich nicht erwartet.

  3. Ruben sagt:

    Kievholics for the win!

  4. Ganz schön erschrocken, hier was aus der Heimat zu lesen. Wunderschöne Fotos. Und Brienz: Dasch äbe no.

  5. Corina sagt:

    Wunderschöne Fotos zu einer spannenden Reise. Definitiv die richtige Entscheidung diese Kamera mitzunehmen! :-)

  6. Marc vm sagt:

    Sie hat zwar ihre Macken, aber ich unterschreibe die Liebeserklärung direkt :) das Fotografieren mit der P6 macht einfach wirklich Laune!

  7. Olli sagt:

    Sehr schöne Fotos, und mir gefällt die Zusammenstellung von jeweils 2 Bildern.

    Wie lange ging denn die Reise?

  8. Hendrik sagt:

    Traumhaft, einfach traumhaft…! SInd es nicht gerade die nicht perfekten Dinge die so liebenswert sind??

    Toll geschrieben, ein dickes Kompliment…

    Ja, analog rockt!

    Lieben Gruß

    Hendrik

  9. scissabob sagt:

    hihi, meine alte foto-freaks-freundin :)

  10. hAnnes sagt:

    Schön zu lesen. Vollmechanische Kameras sind einfach die Besten. :)

  11. Henry sagt:

    Meine Kiev steht im Schrank und die Filme fristen seit Jahren über Verfallsdatum im Kühlschrank ihr Dasein. Und jedes Mal, wenn ich den Schrank öffne nehme ich mir vor, sie jetzt aber bald mal wieder zu benutzen. Und doch tue ich es nicht. Warum nur? Ich weiß es. Weil ich ein digitalversauter Ignorant bin.

    • sarah sagt:

      darum mal auf eine reise eine mf mitnehmen, da bleibt dir einfach nichts anderes übrig als dir zeit zu nehmen für diese art von fotografie. klar habe ich viele tolle motive verpasst weil die kamera gerade sehr doof im gepäck aufm fahrrad montiert war und ich sie nicht wegen jedem tollen bild herausgenommen habe, aber wenn ich dann eins gemacht hab, hab ich mich voll darauf konzentriert.

  12. Daniel sagt:

    Ich sage sowas selten: die Bilder sind absolut beeindruckend. Vielen Dank!

  13. mj sagt:

    die fotos sind schön :) zum mehrmals angucken geeignet!

  14. Sebastian sagt:

    Na toll, nun kribbelts mich schon wieder die gleich mal zu testen :D Herrlicher Bericht!

  15. Jan sagt:

    Ein wirklich toller Bericht. Du verpackst deine Gefühle und Eindrücke, die du während der Reise gesammelt hast, wunderbar in Worte und füllst diese durch deine Bilder mit noch mehr Leben.
    Wenn man so etwas liest, will man am liebsten gleich die Kamera und ein paar Filme packen und einfach weg. Raus. Zu Fuß, mit dem Rad, mit dem Zug, dem Auto, dem Bus oder oder oder…
    Danke fürs Teilen dieser besonderen Reisedokumentation!

  16. Carl Ahner sagt:

    Das ist ja genial^^
    Kommenden Samstag werde ich selbst eine Radtour starten, Richtung Olomouc (CZ), und habe auch schon darüber nachgedacht meine Pentacon Six mal auszuführen. Es wäre sogar ihre Jungfernfahrt mit meiner Begleitung. Die Fotos in diesem Artikel geben mir natürlich weiter Motivation ;) … JUST DO IT! – schöner Artikel :) Macht Lust.
    VIele Grüße
    Carl

  17. Rob sagt:

    Hallo Sarah,
    tolle Reise und beeindruckende Fotos!
    Meine Frage: hattest du einen Belichtungsmesser dabei?
    Gruß Rob

  18. Jurij sagt:

    Wirklich tolle Stimmungen hast du aufgenommen!!!

  19. Adrian sagt:

    WOW. Toller Artikel und wunderschöne Bilder.
    Kann es sein, dass Du außer der Vignettierung, auch die Farbtemperatur, Tonung und die Sättigung geändert hast!

  20. Kai Schwab sagt:

    Sehr schöne Fotos, toller Artikel. Daumen hoch!

  21. Mich sagt:

    Schöner Artikel und echt starke Bilder, man kann’s nicht genug sagen! Aber, liebe Cousine: Auch die Digitalfotografie hat viel Positives, gerade weil sie ohne Negative auskommt. ;)

  22. Andre sagt:

    Wie kann man eigentlich noch so ne alte Büchse benutzen wo es doch so schöne kleinere leichtere digicams gibt unverständlich.

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