Heute möchte ich euch ein freies Projekt aus der eigenen Ideenküche vorstellen. Die offene Serie zeigt Orte aus dem Berliner Stadtraum, bekannte Orte, Orte an denen tagsüber viel Verkehr und Bewegung herrscht. Jedes der Bilder ist 60 Sekunden lang belichtet.
Irgendwann einmal erinnerte ich mich an eine Geschichte, die mich als Kind fasziniert hatte. Sie heißt „Paul allein auf der Welt“. Paul stellt fest, dass plötzlich alle Menschen verschwunden sind.
Zuerst findet er diese Situation ganz großartig und tut all die Sachen, die ihm sonst verboten sind. Nach einer Weile jedoch stellt er fest, dass es furchtbar langweilig ist mit niemandem seine Freude teilen zu können.
Ich glaube, es ist der Moment der Befremdlichkeit, der diesem Gedankenexperiment anhaftet und der mich auch jetzt noch so sehr fasziniert. Wie wirkt der von Menschen gemachte Raum, wenn das Wesentliche darin fehlt – die Menschen?
Das zu untersuchen ist die Idee hinter “60-second slices of present”. Wenn ich eine Minute lang belichte, bildet sich Statisches scharf ab, wohingegen Körper und Objekte in Bewegung geisterhaft verschwimmen oder gar verschwinden.
Um diese Bilder zu erzeugen, gehe ich folgendermaßen vor: Ich montiere meine Mittelformatkamera auf ein Stativ und komponiere das Bild. Anschließend schraube ich stark lichtreduzierende Graufilter vor das Objektiv, öffne den Verschluss mit einem Drahtauslöser und fixiere ihn für die Dauer von 60 Sekunden. Das Intervall messe ich mit einer Stoppuhr.
Ich verwende ein Objektiv mit 80mm Normalbrennweite, weil es das Bild perspektivisch nicht verzerrt und einen ähnlichen Abbildungsmaßstab hat wie das meschlichen Auge. Dadurch vermeide ich es, Orte, Stadtraum und Gebäude zu sehr zu verfälschen oder gar zu dramatisieren. Die Ehrlichkeit bildet hier das Fundament für mein Experiment mit der Zeit.
Die kleinstmögliche Blendenöffnung f/22 ermöglicht mir eine hohe Tiefenschärfe durch den gesamten Bildraum und der Schwarzweißfilm mit einer Empfindlichkeit von 25ASA bildet diese Schärfe beinahe kornfrei ab. So ist die einzig mögliche Unschärfe in den Bildern die durch Bewegung.
Die Reduzierung auf immer gleiche Mittel und Werkzeuge nutze ich als Maßgabe, um eine einheitliche Ästhetik zu erzielen, mit jedem Bild stets die gleiche Sprache zu sprechen.
Wie sich dabei der Aspekt der Zeit abbildet, finde ich spannend. Fließendes Wasser transformiert sich beispielsweise zu einem matten silbernen Spiegel, Gestalten scheinen sich zu verflüchtigen.
Die Betrachtung der Ergebnisse wirft die Frage auf, was Zeit eigentlich ist und wie wir sie wahrnehmen. Doch mit “60-second-slices of present” Antworten zu finden, ist mir gar nicht besonders wichtig.
Jedes Bild ist ein Versuch, eine Annäherung und basiert allein auf einer Idee und der Vorstellung, wie sich Bewegung abbilden könnte. Voraussehen, geschweige denn vorausberechnen, lässt sie sich allerdings nicht.
Wenn ich Glück habe, steht mir Assistent Zufall gnädig zur Seite. Wenn nicht, nun ja, dann starte ich eben einen weiteren Versuch.
















Ich hatte schon seit langem vor mit einen Graufilter zu zulegen, nach dem lesen des Artikel steigen die Chancen…sehr gut
Sehr geil!
super artikel. sehr interessant, tolle bilder und schön geschrieben. davon bitte mehr! :)
Klasse!
Schönes Projekt.
Bild Nr 5 ist genial!
Würde mich über mehr Bilder dieser Reihe freuen!
Das ist wirklich ein sehr interessantes Projekt und die Fotografien gefallen mir sehr gut. Ausserdem kann ich mich Normen nur anschließen, es wird wirklich Zeit das ich mir einen ND-Filter anschaffe.
Danke euch.
@Thomas: Schau mal auf meiner Website vorbei: http://robertherrmann.photoshelter.com/gallery/60-second-slices-of-present/G0000OyHM5LYnVRE/, wenn du mehr Bilder dieser Serie sehen möchtest.
Das Bild vom Checkpoint-Charlie ist sehr gut. Es zeigt sehr gut die Bewegung und (Touristen)massen der Stadt.
gefällt mir sehr gut :)
Klasse Idee. Die Verknüpfung von dieser Bildidee und deren Entstehungsgeschichte finde ich genial. Ich werde in Zukunft auch mal versuchen konzeptioneller an solche Serien ranzugehen. Den Graufilter habe ich seit 1 Woche bereits ;-)
Die Bilder sind auch wirklich was Besonderes. S/W zu wählen halte ich für sehr geschickt im Bezug auf Dein Thema “Zeit”. So sind zwar die Bildinhalte Gegenwart, aber dem Bild haftet etwas Vergangenes an.
Geniale Idee. Wollte mir ohnehin einen Graufilter kaufen. Bestell dann gleich mal.
Denn: Besser gut kopiert als schlecht… Ihr wisst schon.
Du verfolgst einen sehr konzeptionellen Ansatz, der sich aber in Deinen Bildern streng genommen nicht wiederfindet. Du schreibst, von der Abwesenheit aller Menschen und doch sind Deine Bilder (naturgemäß) voll von Menschen. Versteh’ mich bitte nicht falsch, ich finde es spannend, wie sehr Du Dich selbst in der Normierung der Technik festlegst, um sozusagen ungeschönt und unbestechlich zu wirken. Auf Grundlage Deiner Herleitung aber, müsste man fast ‘Thema verfehlt’ schreiben. Es gibt eine ganze Menge ähnlicher Projekte (auch daran ist nichts schlimm), die Deinen ursprünglichen Gedanken aber geradliniger Umsetzen. Meist verwenden Sie mehrere Belichtungen der selben Situation und eine Menge Photoshop…
NIcht bös’ gemeint, nur als Anstoß zum Weiterdenken. ;-)
Steff
eine wirklich Tolle Idee
Ansich ist die Idee nicht schlecht, aber auch nicht wirklich neu – bis auf die Idee die Zeit streng auf 60 Sekunden zu beschränken. Ansonsten geb ich Stefan da recht – nach der Umsetzung der Vorgabe wäre das Ziel verfehlt. Die Bilder erinnern mich stark an Michael Wesley, der ebenfalls auf diese Weise Bilder aufnimmt (zu sehen im Bildband “Time Works”) und dabei Belichtungszeiten von mehreren Minuten hat.
Ich erinnere mich, das ich Mal ein Bild von menschenleeren Times Square gesehen habe, könnte sogar auf Kwerfeldein gewesen sein, bei dem der Fotograf mehrere Bilder übereinander gelegt hat. Da war wirklich kein Mensch mehr zu sehen.
@Stefan
Ich verstehe, was du meinst. Du hast sehr genau die Stelle erkannt, wo ich von meiner Grundidee abweiche. Um den Aspekt der vollkommenen Leere konsequent umzusetzen, müsste ich sehr viel länger belichten.
Den konzeptionellen Ansatz wähle ich gern, um mir ein Grundgerüst zu schaffen, an dem ich mich im Verlauf des Projektes orientieren kann. Ich habe allerdings auch festgestellt, dass es in der Natur des Schaffensprozesses liegt sich mit den Ergebnissen in der Weise auseinanderzusetzen als dass man etwas zulässt, was ursprünglich (noch) nicht Teil des Konzeptes war. Hier sind es eben die Menschen die mich buchstäblich be-geistert haben. Die Transformation des Ursprungsidee empfinde ich als Freiheit, die einmal mehr Geltung bekommt, da ich mir ja auf technischer Ebene strikt Einschränkungen auferlege.
Die ähnlichen Projekte anderer Fotografen, von denen du sprichst, würden mich sehr interessieren, weil ich stets nach möglichen Referenzen suche. Ich bin im Rahmen meiner eigenen Recherchen übrigens selbst auf eine großartige Arbeit gestoßen. Alexey Titarenkos “City of Shadows” ist absolut bestaunenswert.
@Volker
Danke für den Tipp. Michael Wesley kannte ich noch nicht.
Ein ähnlicher Effekt kann auch erzielt werden, indem man mit gleicher Belichtung und selber Kameraposition eine Bildserie macht und dann mittels geeigneter Bildprogramme die Bilder “stapelt”. So können Marktplätze fast in Sekundenschnelle leergefegt werden ;)
sehr interessanter Artikel. Die Bilder sind natürlich total ausgelutscht und sieht man auf jeder Community, aber dadurch, dass diese 60 Sekunden lang belichtet wurden, sehen die Aufnahmen auch doch wieder interessant aus.
EIn schönes Projekt!
Eine schöne Idee für ein Projekt. Berlin kennt man ja sonst nur voller Menschen und mit jeder Menge Lärm. Die Bilder laden dazu ein, die Ruhe zu genießen, mitten in der Stadt. Super tolle Serie, bitte mehr davon.
Schöne Bilder von Berlin. Da könnte man wirklich denken, dass es in der Stadt mal ruhig ist und kaum Leute unterwegs. Ist nur irgendwie nie der Fall (zum mind. in der Innenstadt).
ich finde, in den bildern zeigt sich noch ein weiterer aspekt. ich glaube nicht, dass robert einfach nur mal berlin ohne die ganzen “nervigen” touristen abbilden wollte. dann hätte er vermutlich eine andere methode gewählt und -wie oben schon genannt- die bilder sehr stark bearbeitet. de facto sind dort jedoch menschen, und davon eine ganze menge. nur 60 sek., was ist das schon? eigentlich keine große zeitspanne und dennoch zeigt sich in dieser kurzen zeit die bedeutungslosigkeit des vorübergehenden menschen, der maximal noch zu erahnen ist. mich regt die serie auch dazu an, mir mehr zeit zu nehmen “im umraum zu existieren” und nicht nur durchzuhuschen…
ich finde die arbeiten sehr gelungen!
Sehr interessanter Gedankenansatz. Hat mir gerade ein zufriedenes Lächeln ins morgengrimmige Gesicht gezaubert – die Idee, irgendwo zu sein, tief durchzuatmen und mal aktiv längere Zeit diesen Raum ein- und wahrzunehmen.
das freut mich:)
so eine idee hatte ich auch schon. langzeitbelichtungen am tage… toll! muss ich jetzt endlich auch mal probieren!