Vorwort: Martin Gommel
So mancher Leser wird sich daran erinnern, dass ich Robert Herrmann im Februar mittels Interview aufs Magazin brachte. Seine fotografischen Arbeiten hatten eine unbegründbare Faszination auf mich ausgeübt und so wollte ich das Gespräch mit dem netten Herrn teilen. Doch – wie so oft – riss der Kontakt nach dem Interview nicht ab, wir kamen ins Gespräch über Buchrezensionen und vieles mehr. Und ich wusste sofort: Die Wellenlänge stimmt.
Außerdem spürte ich, dass Robert eine sehr feine Nase für gute Fotobücher hat und obendrauf noch die Kompetenz, diese auch treffend zu beschreiben. Kurzerhand habe ich Robert gefragt, ob er nicht als freier Redakteur bei uns einsteigen wolle. Heute bin ich sehr stolz darauf, ihn einen Teil der KWERFELDEIN-Familie nennen zu dürfen und übergebe das Wort nun an Robert selbst.
Fotografin: Katya Valentini
Eine Freundin, mit der ich neulich ins Gespräch übers Fotografieren kam, sagte es sei ein kreativer Prozess mit unmittelbarer Belohnung. Ich war erstaunt wieviel Wahrheit darin steckt. Tatsächlich macht die kurze Zeitspanne zwischen dem Schaffen und dem Betrachten des Ergebnisses das Fotografieren für mich so reizvoll. Man kann damit eine Idee, einen Entwurf, sehr schnell umsetzen ohne lange warten zu müssen und das macht mich zufrieden.
Als Stadtkind, Asphaltsau und Augentier lebe ich auf einer Plantage der Ideen. Sie scheinen überall zu wachsen, ich muss nur hingehen und mir eine pflücken. Wenn ich eine davon in die Hand nehme, sie untersuche, daran rieche und hineinbeiße, merke ich, wie weit sie schon ist. Manch eine ist noch nicht reif, andere sind süß und saftig und manch eine ist schon vergoren.
Am liebsten mag ich die Ideen, die noch nicht reif sind, denn die kann ich nehmen und weiterentwickeln. Ich lege sie mir auf den Tisch, schaue sie mir eine Weile an, gehe um sie herum und fange an sie zu bearbeiten. Ich sage dann: Nimm ein Stück davon weg, mach einen Schritt zurück und schau dir an wie sich die Veränderung auf das Ganze auswirkt. Das Gleiche machst du nochmal, aber jetzt, indem du etwas hinzufügst. Dieser Kompositionsprozess ist fantastisch und hat ein großes Suchtpotenzial.
Ich mag die Straßen. Ich mag die Stadt. Manchmal laufe ich einfach ohne bestimmtes Ziel in ihr umher und lausche ihr beim Geschichtenerzählen, höre ihrer Seele beim Singen zu. Die Stadt ist eine Bühne, auf der die Akteure, die sich in ihr bewegen bewusst oder unbewusst miteinander interagieren.
Ich empfinde diese Momente des Spiels als Atemzüge. Ich merke: jede Stadt atmet anders. Jeder Ort hat seine eigene Geschwindigkeit, Mentalität und seinen ganz individuellen Charakter. Mancher atmet flach knisternd und raschelnd, ein anderer keucht, röchelt und schwitzt, ein dritter rasselt und schnarcht.
Ich bleibe oft stehen, lasse die Umwelt auf mich wirken, werde nicht satt von der Schönheit der Dynamik und lasse mich fesseln von der Anmut der Vergänglichkeit. Erst staune ich, und wenn ein Moment sich nähert, fange ich an genauer zu beobachten. Dann werde ich zum Jäger und fange den entscheidenden Augenblick.
Ich liebe das Reisen. Ein russisches Sprichwort sagt, der Mensch bestehe aus drei Dingen: Aus Körper, Seele und Pass. Ich kann nicht für andere sprechen, aber auf mich trifft das definitiv zu.
Neue Orte und andere Menschen kennenzulernen und in ungewohnte Atmosphären einzutauchen, ist für mich der größte Zauber, der dem Leben innewohnt. Zu Hause ist’s zwar auch schön, aber auf Dauer würde mir da die Decke auf den Kopf fallen.
Ernst Bloch schrieb einmal: „Nichts ist in der Fremde exotischer als der Fremde selbst.“ Über Begriffe wie Rotohr oder Langnase, mit denen ich als Europäer im Ausland schon konfrontiert wurde, kann ich lang und gerne schmunzeln. Solche und andere Worte sind kleine Perlen, weil sie etwas über die Denkweise der Sprecher enthüllen.
Unterwegs merke ich oft: Hier ist’s anders als zu Hause, dennoch entdecke ich immer wieder Ähnlichkeiten. Wenn ich reise, halte ich den Mund und öffne meine Augen. Und die Kamera habe ich natürlich auch immer dabei.
Ein Thema, das mich seit einiger Zeit interessiert ist die Fotodokumentation. Mich mithilfe einer Serie von Bildern mit einer Thematik auseinanderzusetzen, finde ich deshalb so reizvoll, weil es mir einfacher erscheint etwas in Bilder zu fassen als in Worte. Ich bin auch dann zufrieden, wenn (bloß) ein Essay daraus wird oder eine atmosphärische Skizze, es muss nicht zwangsläufig als abgeschlossene Geschichte funktionieren.
Moment, es fehlt noch etwas! Als jüngst beigetretener Redaktionsfrischling wollte ich ja noch kurz anreißen, weshalb ich bei Kwerfeldein bin und was ich hier eigentlich mache. Wie oben bereits erwähnt, finde ich es wesentlich einfacher Bilder zu machen, als über sie zu schreiben. Deshalb sehe ich meinen Part bei Kwerfeldein – die Buchvorstellungen – als eine spannende Herausforderung.
Nun offen gesagt, hier über Fotobücher zu schreiben, ist eigentlich ein ganz gemeiner Trick. Hinter jeder Rezension steckt ein kleiner Erörterungsprozess, der mir selbst hilft das jeweilige Buch ein wenig besser zu verstehen. Doch mal im Ernst: Ich hoffe sehr, dass euch meine Besprechungen ein wenig inspirieren, euch vielleicht auch anregen eure Nasen selbst weiter in die Welt der Fotobücher hineinzustecken und zu stöbern.
Klar, ich kann nur sehr wenige dünne Scheibchen vom komplexen Fotobuchmarkt abschneiden und euch hier servieren. Natürlich bin ich mir auch im Klaren darüber, dass das, was mir schmeckt, nicht zwangsläufig jedem schmecken muss. Sei’s drum, schön ist ja, es gibt dabei kein Falsch oder Richtig.
















ich bin gespannt auch das was da kommt ;)
der artikel hier hat schon laune gemacht..die art des schreibens..ist es schreiben ..nee.. es kommt mir vor als würde ich den artikel…artikel.?…nee ..die geschichte ja….vorgelesen bekommen über das treiben und schnarchen und röcheln der dynamik der “stadtsäue”
sowie deine erfahrungsberichte mit der arbeit auf der “plantage der ideen ” und deine erfahrungen von unterwegs…
kurz gesagt es macht spaß es zu lesen und das ist ebenso wichtig wie das ansehen guter fotos wie ich finde..
danke und gespannt wartend sach ich gruß vom doc
martin
Als Langnase bezeichnet zu werden, kenne ich. Aber Rotohr? Wo wird man den das? :)
Sehr schöner Beitrag.
Liebe Grüße
Christina
Mal was nettes zu lesen und was kurzweiliges zum begaffen. Lhasa und Firenze sind glückliche Umstände zur rechten Zeit abgelichtet. Möcht’ man meinen Cartier-Bresson in Farbe/ Aktion zu sehen.
Ich mag deine Art zu schreiben! Du weißt dich kreativ und amüsant auszudrücken und bist ganz sicher auch eine Bereicherung hier. Ihr seid schon ein toller Haufen ;-)
Besten Dank, ich freue mich über euer Feedback.
@ Christina: Auf Wolof sagt man “Xonq nopp” – eine Sprache, die im Senegal und in Gambia gesprochen wird.
@ B.Ohnsorg: Bei solch einem Vergleich komm ich glatt ins Schwitzen. ; )