Artikel10.08.2010 / 10:51

Ein Foto von Ancille

Simon Sticker Dies ist ein Gastartikel von Simon Sticker. Er arbeitet als freier Dokumentar Fotograf, Filmer und Multimediaproduzent mit einem Schwerpunkt auf Afrika. Mehr über Simon erfahrt ihr in unserem kürzlichen Interview hier. Seine Arbeit findet ihr unter www.simonsticker.com.

Heute möchte ich euch ein Bild vorstellen. Es ist Teil einer ganzen Serie, die an diesem Tag entstanden sind, die sich am Ende zu einem Fotofilm über Anziele Mugabisangwa zusammenfügten. Vielleicht zur kurzen Einordnung, die Geschichte ist Teil einer Reportage über Prostitution in Rwanda, die ich für eine NGO dort produziert habe.

Anziele Mugabisangwa, Fotografiert von Simon Sticker

Die Morgende in Rwanda fangen in der Regel sehr früh an. Um sieben ist alles schon sehr geschäftig und um acht hat man das Gefühl es hätte nie eine Nacht gegeben. Ancilles Hütte liegt in Tumba, einem, ja man könnte sagen, Vorort von Butare, einer Kleinstadt im Süden des Landes. Etwas abseits der Hauptstraße, hinter einem schmalen Durchgang befindet sich die kleine Hütte von Anziele, in der sie mit ihrer Tochter auf etwa 10 Quadratmetern lebt von etwa 12 Dollar pro Monat, wobei alleine 4 für die Miete der Hütte gebraucht werden.

Ancille begrüßt uns herzlich, bittet uns rein. Wir reden erstmal. Ich will herausfinden, wie sie ihr Leben sieht, um eine Idee zu bekommen, wie ich sie portraitieren werde. Es ist sehr dunkel in der Hütte. Als einzige Lichtquelle kann ich die Türe ausmachen, andere Möglichkeiten gibt es nicht. Meine Möglichkeiten sind also sehr eingeschränkt, gleichzeitig bietet das Licht, was durch die Türe kommt aber auch ein schönes Spotlight, was ich versuchen will zu nutzen, soweit es geht. Ich versuche den Einsatz von Blitzen weitestgehend zu vermeiden. Zum einen, weil für mich Available Light besser zu dem was ich dokumentiere passt, aber auch, weil das harte Licht des Blitzes, selbst mit Diffusor meist eine Atmosphäre erzeugt, die ich nicht möchte. Manchmal bringe ich noch eine Taschenlampe oder ähnliches mit, was mir in Notfällen hilft und wenn gar nichts mehr geht, muss der Off-camera-Blitz her.

Während wir uns unterhalten sitzt Ancille auf einer Bastmatte im Eingangsbereich. Das Licht kommt weich von der Seite (es ist ein leicht bewölkter Tag), gerade genug um ihre Augen dann und wann im Licht leuchten zu lassen. Ich setze mich etwas weiter in die Hütte rein. Ich versuche mich in solchen Situationen meist langsam vorzutasten, um einerseits nicht zu sehr in die Privatsphäre einzudringen, zum anderen auch um die Personen, die ich fotografiere mehr mit der Situation fotografiert zu werden vertraut zu machen. Es ist kaum Platz und Ancille hat die Hütte durch ein Tuch auch noch in zwei Räume aufgeteilt. Das ist etwas, was man sehr häufig in den kleinen Hütten in Slums findet. Es ist er Versuch ein klein wenig Privatsphäre herzustellen. Ich frage sie, ob es möglich ist die ganze Hütte zu sehen und das Tuch beiseite zu schlagen. Dadurch habe ich auch einen guten Meter mehr Spielraum bis zum Bett und damit etwas mehr Möglichkeiten Perspektiven zu suchen.

Mittlerweile bin ich mir sicher, dass sie nur in ihrer Hütte fotografieren will. Ich will die geschlossene Atmosphäre mit den wenigen Zukunftsaussichten zeigen, die sie mir mit ihren Worten vermittelt. Ich mache einige Portraits von ihr während sie redet, doch ich suche nach wie vor nach einem Bild, was ihre Geschichte erzählt oder für ihre Situation steht. Am Ende wähle ich den einzigen Stuhl in der Hütte als Rahmen für sie während sie ihren Kopf ins Licht gedreht hat. Der kleine Abstelltisch beherbergt dabei ihre wichtigsten Gegenstände – ein Topf, ihr Handy und ihre HIV-Medikamente. Ich baute das Bild bewusst so auf, dass man nicht weiß, wohin sie schaut, sondern in der geschlossenen Atmosphäre der Hütte bleibt. Es erzeugt zum einen Spannung im Bild, es ist aber auch ein Symbol für den Blick in eine Welt, die sie zwar zu sehen scheint, aber irgendwie nicht erreichen kann, was durch ihre passive Haltung noch verstärkt wird.

Das Bild wurde am Ende der Hookshot eines Fotofilms über Ancille. Nachbearbeitung geschah so gut wie keine. Ganz leichte Entsättigung und etwas Nachschärfen – und fertig. Ich hoffe, euch hat dieser kleine Einblick in die Entstehung des Bildes gefallen.

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Kommentare

  1. Alexander sagt:

    Spannende und interessante Arbeit! Für sowas braucht man wirklich viel Gefühl ein Einfühlungsvermögen. Respekt!

    LG Alexander

  2. Kai Schwab sagt:

    Die hölzerne Lehne des Stuhls scheint sie buchstäblich aus dem Bild zu drängen, ihr Blick zur linken Seite des Fotos heraus und der leere Raum zu ihrer Linken unterstreicht das zudem… was mich ansonsten eher gestört hätte, gibt diesem Foto hier eine sehr “passende”, beklemmende Stimmung – das Dunkel des Raumes tut sein übriges.
    Es ist ein ‘starkes’ Foto mit einer erdrückenden Geschichte. Ich sage ganz vorsichtig: Gut gesehen, effektvoll eingefangen und mit dem Artikel zusammen in den richtigen Kontext gesetzt. Daumen hoch!

  3. robin droste sagt:

    sehr spannend und n tolles bild. hoffentlich kriegen wir noch mehr von dir zuhören!

  4. Kalliey sagt:

    Wow, respekt! Ich finde deine Arbeit toll, ganz ehrlich!

  5. chris sagt:

    großartige reportage und ein tolles Bild…
    finds toll, wie du die bildentstehung, idee und gleichzeitig ihre geschichte erzählst! mehr davon :-)

  6. Danke – mehr mag ich gar nicht sagen.

  7. Alex sagt:

    sehr sehr schön, seit langem einer der besten Artikel.
    Danke dafür

  8. Vielen lieben Dank für all die lobenden Worte! Freut mich sehr, wenn ich euch die Geschichte und von Ancille und die Entstehung des Bildes etwas näher bringen konnte…

    Grüße, Simon

  9. birgit sagt:

    “Ich will herausfinden, wie sie ihr Leben sieht, um eine Idee zu bekommen, wie ich sie portraitieren werde.”
    - das war für mich der schlüsselsatz hier, und genau so sollte es sein wenn man ein intimes portrait erreichen möchte, das menschen anspricht und den moment und den portraitierten wieder geben möchte.

    kompliment zu dieser intensität!

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