Redaktioneller Beitrag06.08.2009 / 11:57

Titarenko’s düstere Langzeitbelichtungen

Heute möchte ich Euch den russischen Fotografen Alexey Titarenko vorstellen. Seinen Bildern gegenüber hege ich schon lange eine bewundernde Zuneigung. Als ich seinen Fotos zum ersten Mal begegnete, überfiel mich schier die Wucht, die mir entgegenschlug. Die finstere aber bestechend anziehende Stimmung, die sich in seinen Werken findet macht aber umso mehr Sinn, wenn man die Geschichte dahinter verstanden hat.

Titarenko wurde in die Stadt hineingeboren, der er sich dann ein Leben lang verschrieb: St. Petersburg. Dort wuchs er direkt an einer sehr belebten Straße auf, welche von morgens bis Abends von vielen Arbeiten überquert wurde. Das sind Momente, die er als Fotograf später immer wieder aufgreifen wird.

Mit 8 Jahren bekam er von seinen Eltern eine Kamera geschenkt und fing an zu fotografieren. Eine lange Reise mit der Kamera begann. Zunächst fotografierte er in üblicher Manier das Strassenleben einer sehr geschäftigen Stadt. Erst mit der Zeit verstand Titarenko, dass er mit Langzeitbelichtungen das, was ihn an St. Petersburg so faszinierte viel stimmiger einfangen konnte. Es war nicht mehr der eine, kurze Moment, der in seinen Fotos blieb sondern eine längere Zeitspanne und die Bewegung, die darin stattfand.

Als sich die Sowjetunion politisch enorn veränderte, ging das auch an St. Petersburg nicht vorbei. Lebensmittel wurden knapp und die Menschen drängten in die Läden hinein. Eine wahre Tragödie zeichnete sich ab und Titarenko hielt das mit seiner Kamera fest. 1992-1994 enstand die Reihe City Of Shadows, die heute zu den bekanntesten Werken des Fotografen gehört. Düster, kalt und grau – so war damals der Alltag und das präsentieren auch seine Bilder. Hier wird nichts beschönigt. Nichts gestellt. Eine Stadt im Portrait.

Menschenmassen, die sich an Geländern eine Treppe hinaufdrängeln oder Einzelpersonen, die alleine eine Straße hinablaufen – das sind Motive, die sich immer wieder in seinen Bildern finden. Fast immer liegt eine leichte Unschärfe über der Szene, die er einfängt. Weil Titarenko vorwiegend in Schwarzweiß arbeitet, Langzeitbelichtungen macht und St. Petersburg sich fast gar nicht verändert hat, lassen sich die Fotos zeitlich nur sehr schwer einordnen. Das macht unter anderem den Reiz aus, die diese Bilder in sich tragen.

Der russische Fotograf hat mittlerweile auch andere Städte fotografiert – doch die Bilder seiner Heimat sind wohl die Überzeugensten.

Titarenko ist keine leichte Kost – und genau das will er auch nicht sein. Er ist aber wohl einer, welcher der Fotografie einen dicken und deutlichen Stempel aufgetragen hat.

Alexey Titarenko

Wie haben Euch die Fotos gefallen?

Dies ist ein Artikel von Martin Gommel.

Als Herausgeber von KWERFELDEIN sinnt Martin hier mit Autoren, Gesprächspartnern und Lesern in Wort & Bild der Fotografie nach. Meist mit einer gesunden Prise Skepsis, dem Ziel, den kreativen Horizont zu erweitern und einem Augenzwinkern. ;-)

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Kommentare

  1. kmk sagt:

    HAMMER

    (muss gestehen, dass mir alexey titarenko bislang voellig unbekannt war – seine russland-bilder halte ich uebrigens auch fuer die gelungensten…)

  2. pixelboogie sagt:

    Puh, die Bilder haben wirklich etwas sehr bedrohliches. Vor allem die, wo aus vielen Menschen nur noch eine Art dunkle Wolke übrigbleibt.
    Das wirkt auf mich wie ein Heuschreckenschwarm, der über die Felder zieht, und fast nur noch Verwüstung hinterläßt.

  3. Eric sagt:

    Hey.
    also erstmals dein Blog ist spitze.
    viele tolle tipps und tricks zur fotografie.

    finde das erste Bild sieht am besten von den dreien aus.
    (Sieht am Anfang wie eine große Staubwolke aus, aber dann sieht man schon die Menschenmenge, toll find ich das man die Menschen nur beim hinaufgehen sieht und nicht beim hinuntergehen, das würde stören)

    Lg

  4. Teatime sagt:

    Ich mag solche Langzeitaufnahmen sehr. Und diese hier halte ich für sehr gelungen.

    (BTW: [T]ragödie heisst das Wort… ;-) )

  5. Saxi sagt:

    Russisch-düster aber mit einem Funken Licht dazwischen – diese Bilder sind für meine Begriffe fantastisch – und machen definitiv neugierigauf mehr davon. Dankeschön für den Link!

  6. Nicki sagt:

    Kenne ich schon sehr lange und staune, genieße und hole mir an kreativen Tiefpunkten immer wieder ein Auge. Klasse. ^^

  7. skye sagt:

    die bilder schauen fast aus wie szenenaufnahmen aus den bücher von Sergej Lukianenko. sehr eindrucksvoll!

  8. e7 sagt:

    Ach ja… den guten Fotografen kannte ich bereits; allerdings frage ich mich jedes mal, wie so was wohl in Deutschland ausgehen würde. Nach 30 Sekunden Belichtung dürften sich schon die ersten direkt vor die Kamera stellen und fragen, was man denn da macht und dass sie auf keinen Fall mit aufs Bild wollen…

  9. boogy sagt:

    …haben mal im Studium die Aufgabe bekommen irgendeine Arbeit über Bahnhöfe zu machen! Haben uns dann auch entschieden Langzeitbelichtungen in Bahnhöfen zu machen, nach 10 Minuten war die Polizei bei uns :) nachdem wir Ihnen aber erklärt haben dass die Menschen unkenntlich sind auf den Fotos durften wir weiter machen!

    Leider habe ich mich zu dem Zeitpunkt noch nicht viel mit Fotografie beschäftigt und viele Aufnahmen waren Überbelichtet :(

    Habe die Bilder schon einmal gesehen und finde sie echt genial! Sowas spornt mich immer mehr an mal einen ND Filter zu kaufen und bei Tag mit langen Belichtungszeiten zu spielen!

    Super Sache!!!

  10. Julia Stern sagt:

    Ganz schön düstere, “geisterhafte” Bilder, die ich einerseits schön finde, jedoch gefallen mir Langzeitbelichtungen in Farbe wesentlich besser.

  11. sizr sagt:

    Einfach nur Hammer! Vor allem das 1. Foto… werd ich mal nachmachen ;)

  12. DanielS sagt:

    Mache auch viel mit Langezeitbelichtungen, finde es interessant die Zeit als “vierte Dimension” miteinzubeziehen. Das ergibt ganz andere Bildgestaltungsmöglichkeiten.
    Titarenko war mir bisher unbekannt. Danke für diese neue Sichtweise!
    Das dramatisch-düstere hat schon was. Hilft definitiv dabei, sich nicht durch (unnötige) Farbsignale vom Geschehen ablenken zu lassen. Freundlicher wäre es eventuell in Farbe, wahrscheinlich auch langweiliger. Mir persönlich gefallen solche Bilder im heutigen HDRclaritymegatonwertsättigungszeitalter ausgesprochen gut.

  13. Michael sagt:

    sehr sehr guter link – danke für die vorstellung!
    ich bin noch nicht auf die idee gekommen langzeitbelichtungen bei tag zu machen – vll weil ich noch nicht so lange fotografiere.
    wie macht man tagsüber lange belichtungen, so weit kann ich die blende noch nicht schließen – braucht man einen filter vor der linse??

  14. Jens sagt:

    Für so manches Bild muss man sich ein wenig Zeit nehmen, um das in allen Einzelheiten zu “sehen”. Sehr interessant.

  15. mariushepp sagt:

    Besonders gut gefällt mir das zweite Foto. Das besorgte Treiben der Erwachsenen scheint an dem kleinen Jungen scheinbar spurenlos vorbeizuziehen. Ob er wirklich so locker ist wie er (mir) scheint? Grundsätzlich toller Fotograf und eine super Inspirationsquelle!

  16. sven sagt:

    Sehr beeindruckende Bilder, danke für den Tip.

  17. asinus canus sagt:

    Düstere, wuchtige Bilder – sehr beeindruckend. Herzlichen Dank für den Tip!

  18. suessmichael sagt:

    Ich finde das Portfolio von Alexey Titarenko als eines der eindrucksvollsten und faszinierensten, die Du bisher auf Kwerfeldein vorgestellt hast. Vielen Dank!

  19. EroPhoto sagt:

    WOW! Was für krasse Bilder!

  20. [...] spätestens, wenn man mal eine ordentlich Langzeitbelichtung machen möchte oder auf die Idee kommt, das Thema Zeitraffer anzugehen wird’s dann doch eng, [...]

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