Wenn man die Schärfentiefe einmal verstanden hat, ist man einen grossen Schritt weiter. Als ich dieses Prinzip einmal verstanden hatte, begann das Fotografieren von Menschen und Objekten richtig Spass zu machen. Ich wusste auf einmal, wie das mit dem verschwommenen Hintergrund richtig funktioniert und wie man alles im Bild scharf erscheinen lassen kann.
Heute werde ich versuchen, Dir die Schärfentiefe zu erkären. Dabei werde ich so einfach wie möglich formulieren und unnötige Erklärungen beiseite lassen. Mir ist wichtig, dass Du den Kern der Sache verstanden hast und das dann auch anwenden kannst. Entspanne Dich und lese Schritt für Schritt diesen Text durch.
Dann legen wir mal los und zu Beginn schauen wir uns wieder ein nettes kleines Video an. Hier ist die Mitte des Films am interessantesten.
Übersetzungshilfe : Aperture = Blende ; Depth of field = Schärfentiefe
Die Schärfentiefe ist ein Wort für den Bereich, der auf Deinem Foto als scharf wiedergegeben wird.
Mit der Wahl der Blende kannst Du ganz einfach beeinflussen, wieviel Dinge im Bild scharf sein werden. Wählst Du eine grosse Blende (f/1,8 oder f/3,5) dann werden nur anfokussierte Teile des Bildes 100% scharf sein. Wählst Du eine kleine Blende (f/8, f/16), dann werden viel mehr Teile des Bildes im Bereich der Schärfe liegen.
Um dies zu verdeutlichen habe ich 3 Bilder mit unterschiedlicher Blende gemacht.

f/2.8 : Nur sehr wenige Buchstaben sind auf dem Foto zu erkennen. Beim Fotografieren habe ich die Worte “Then he said..” anfokussiert.

f/7,1 : Nun kann man schon mehr lesen. Die Schärfentiefe hat sich nach vorne und nach hinten deutlich ausgeweitet. Dennoch sind im vorderen und hinteren Beich Worte nicht zu erkennen und immer noch unscharf.

f/22,0 : Dies ist die kleinste Blende, die ich bei meinem Objektiv ansteuern kann. Das heisst, dass mehr Schärfe aus dieser Perspektive und mit dieser Brennweite nicht erzielt werden kann. Schärfer geht nicht.
Anwendungsbereiche
In der Landschaftsfotografie möchte man meistens, dass alle Bereiche des Bildes scharf zu erkennen sind. Somit wird in diesem Genre mit kleinen Blenden fotografiert. Hierbei werden bevorzugt weitwinklige Objektive benutzt, da diese auch die grosse Schärfentiefen gewährleisten.*
Hingegen benutzt man in der Portraitfotografie auch gerne einmal grosse Blendenöffnungen, um den Menschen von Hintergrund abzuheben. Mit lichtstarken Objektiven, die eine lange Brennweite haben (z.b. 80mm) können sehr kleine Tiefenschärfen erreicht werden.*
Besonders in der Macrofotografie entdeckt man den Umgang mit grossen Blenden (z.B. 1,4) um einen Salamander scharf, den Rest aber unscharf erscheinen zu lassen.*
*In allen Bereichen gibt es auch Ausnahmen – die von mir aufgeführten Vorgehensweisen sind keine Regeln.
Selektive Schärfe / Unschärfe
Wikipedia verrät uns noch etwas wichtiges :
“Der gezielte Einsatz der Schärfentiefe durch Einstellen der Blende, der
Entfernung und der Brennweite ermöglicht es, den Blick des Betrachters
auf das Hauptmotiv zu lenken. Dazu schränkt der Fotograf die
Schärfentiefe so eng wie möglich um die Ebene ein, auf der sich das
Hauptmotiv befindet. Der Vorder- und Hintergrund wird dadurch unscharf
abgebildet. Diese selektive Unschärfe lenkt weniger vom Hauptmotiv ab, das durch die selektive Schärfe akzentuiert wird.”
Praxistipp
Bei fast jeder digitalen Kamera gibt es eine Einstellung, bei welcher Du nur die Blende bestimmen kannst und die Kamera von selbst die Belichtungszeit einstellt. Das nennt man dann Zeitautomatik oder Blendenvorwahl und ist bei Canon Kameras als “Av” gekennzeichnet. Dadurch hast Du die Freiheit, Dich voll und ganz auf die Bildkomposition und die Schärfentiefe zu konzentrieren. Fotografiere das nächste Mal Dein Objekt in unterschiedlichsten Blendenstufen und vergleiche anschliessend die Schärfentiefe.
Aber vorsicht : Bei “Av” musst Du immer die von der Kamera gewählte Belichtungszeit im Auge behalten !
Noch Fragen ? Ruhig stellen !
Mit Gastautoren, Gesprächspartnern und Lesern sinne ich hier in Wort & Bild der Fotografie nach. Das geschieht meist mit einer gesunden Prise Skepsis, dem Ziel, den kreativen Horizont zu erweitern und einem Augenzwinkern - wir lachen auch über uns selbst. Und: Wir hören gerne Jazz ...












Hi Martin,
noch ein Abschnitt bezüglich sinnvoller Blenden und ein Verweis auf die Schärfentiefe, bzw. DOF wären gut, sonst laufen morgen alle mit Blende 22 rum, weil der Martin gesagt, hat, damit ist das Bidl von vorne bis hinten scharf.
Dies ist ja Abstandsabhänging…
Gruß,
Sebastian
Danke für den Eintrag. Für einen Anfänger wie mich ist er sehr hilfreich.
Ein paar Faustregeln (oder eigene Vorlieben), was verwendete Blenden für verschiedene Motive und Situationen betrifft, fände ich ebenfalls sehr interessant – gerade in Sachen Landschaftsfotografie tappe ich dabei häufig im Dunkeln, aber auch, wenn ich einfach mit offenem Auge durch die Stadt wandere. Da ist oft auch Kommissar Zufall im Spiel, was ich eigentlich recht unbefriedigend finde.
Klar, dass das nicht allgemeingültig geht, aber ein paar “Best Practice”-Erfahrungen habt ihr doch bestimtt?
Ansonsten: Vielen Dank für Deine Serie, Martin. Ich lese Dein Blog mittlerweile sehr gerne, weil gerade auch für Anfänger wie mich viele wertvolle Tips hier zu finden sind.
Eine wirklich tolle Serie! Hätte es die vor einigen Jahren gegeben, ich hätte mir viel Try-and-Error erspart…
Eine Frage bezüglich der Blende habe ich noch: Es heißt ja immer, dass es bei besonders offenen (?) Blenden zu Verzerrungen kommt oder zu leichter Unschärfe. Warum eigentlich? Das frag ich mich schon länger.
@Sebastian + Jens : Hm, da werde ich mal drüber nachdenken…
@Bee : Ja, bei einer offenen Blende ensteht Unschärfe wie bei mir in Bild 1… Möchtest Du die technischen Gründe dafür wissen ?
Ich würde sagen, daß man in der Makrofotografie den Umgang mit kleinen Blenden entdeckt!
@Martin: Mist, unklar ausgedrückt. Ich meine nicht den “normalen” Schärfebereich, also die Schärfentiefe. Sondern die Tatsache, dass bei besonders offener Blende auch der scharfe Bereich nicht ganz scharf ist bzw. es da Verzerrungen geben soll. Dieser Effekt tritt nur bei digitalen Spiegelreflexkameras auf, darum komme ich da mit meinem analogen Wissen nicht weiter. Hab es nur schon ein paarmal wo aufgeschnappt, dass es sowas gibt. Weißt du, was ich meine?
@Georg : Kleine Blende = Grosse Blendenzahl ; Grosse Blende = Kleine Blendenzahl. Ich weiss, das ist kontrainuitiv und leicht zu verwechseln ;)
@bee : Hm, mir ist so etwas nocht nicht begegnet und ich habe bisher davon auch noch nicht davon gehört. Das heisst aber nicht, dass es sowas nicht geben kann. Hast Du Fotos, wo sowas zu erkennen ist ?
Wirklich toller Bericht, absolut simple zu verstehen, dank der tollen Beispielfotos. Das werde ich bei meinen zukünftigen Fotos wohl stark beachten.
Ich möchte an dieser Stelle noch einstreuen, dass die Beugung einen begrenzenden Faktor für das Gesamtergebnis darstellt.
Hab grad mal danach gesucht und
http://www.colorfoto.de/Themenspezial/Beugung-bei-kleinen-Blenden_1505844.html
gefunden wo der Zusammenhang gut erklärt wird.
Deshalb muss die Frage nach dem schärfsten Bild meiner Meinung nach doch wieder mit “kommt darauf an” beantwortet werden, bei NikonD80+Tamron17-50/2.8 z.B. ca Blende 11.
Aber deshalb macht Fotografie ja auch so viel Spaß ;-)
Ja, Daniel, genau das war’s: “Beugung” (ups sorry, ich hatte in Erinnerung, das würde bei großen Blenden auftreten, nicht bei kleinen.) Dankesehr für den Link, schaut ja etwas kompliziert aus auf den ersten Blick, aber ich werd’s mir mal anschauen.
@Martin: Das meinte ich ;)
Ich muss schon sagen – so einfach und praxisnah erklärt habe ich dieses Phänomen bisher selten gefunden. Lob für didaktische Fähigkeiten ;)
Was bei der Tiefenschärfe auf jeden Fall noch noch erwähnt werden sollte, ist der Abstand zum Motiv. Eine Landschaftsaufnahme mif f4.0, wie sie meist von Kompaktkameras bei Programmautomatik angeboten wird, kann durchaus ein kommplett (relativ) scharfes Abbild der Landschaft ergeben. Fokussiere ich jedoch einen nahestehenden Baum an, so wird die Landschaft dahinter unscharf. Verstärkt wird es noch je mehr ich zoome.
@bee: So verkehrt war das mit der offenen Blende auch nicht.. Objektive neigen dazu, bei “Offenblende” auch im scharfen Bereich nicht mehr so gut abzubilden, wie sie es abgeblendet machen…
Deswegen spricht man ja auch von einem “sweet spot”, der idealen Blende quasi wo das Objektiv seine beste Leistung entfaltet…
Man korrigiere mich, wenn ich mich irre…
@Bee : Aaah jetzt versteh ichs erst – cool. Na dann werd ich mal das mit der Beugung lesen. Schön, so aufmerksame Leser wie Dich zu haben, da kann man ne Menge dazulernen !
@Dogwatcher : Yap, das macht (im Zusammenhang mit der Beugung) durchaus Sinn !
[...] Du wirst dabei bemerken dass (je nach eingestellter Blende) Dein Sucherbild nicht nur die korrekte Schärfentiefe darstellt sondern auch etwas dunkler wird. Das hängt nun eben damit zusammen, dass Du dann das [...]
[...] Die Blende verstehen [...]
Vorher habe ich nur gewusst dass eine grosse Blende eine geringe Schärfentiefe hat. Doch ich konnte mit beiden Begriffen nichts anfangen. Die Fotos haben sehr zum Verständnis beigetragen.
ich werde die Tipps aufjeden Fall bei meinem nächsten Shooting bei den Portraits umsetzten. Bisher habe ich als “Einsteiger” immer auf gutglück die Blende etc eingestellt, das hier hilft mir ein großes Stück weiter!
[...] (17.03.): Ergänzend möchte ich mich auch noch auf den Artikel vom Martin Gommel beziehen. Darin heisst es unter anderem: In der Landschaftsfotografie möchte man meistens, dass [...]
Vielen Dank für die Zusammenfassung! Schnelle Hilfe, wenn man sie braucht :)
Vielen Dank, Sie haben mir sehr geholfen.
Ich finde es angenehm, dass man das, was Sie schreiben, verstehen kann.
Juchhuu!! Vielen Dank!! :)