Redaktioneller Beitrag04.04.2008 / 11:13

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

Dies ist ein Gastartikel von Patrick Stoesser, welcher sich mit dem Thema Brennweite und Perspektive ausseinandersetzt. Wem dieser Artikel gefallen hat, der sollte auf realfragment.de vorbeischauen – dort bloggt Patrick zum Thema Fotografie. Übrigens : Patrick ist auch bei flickr zu finden.


Unter Fotografen weit verbreitet ist die Ansicht, dass die Brennweite Einfluß auf die Perspektive habe. Dies äußert sich in allgemein bekannten Regeln wie “Ein Teleobjektiv verdichtet die Perspektive”, “macht den Raum flach” oder “Ein Weitwinkel verzerrt den Raum”.

Was in der fotografischen Praxis zunächst einmal bewährt, nachvollziehbar und deshalb richtig erscheint, ist jedoch nichts anderes als eine optische Täuschung. Tatsächlich hat die Brennweite überhaupt keinen Einfluß auf die Perspektive. Die Perspektive wird einzig und allein durch den Aufnahmeabstand beeinflußt.

Mit einem Versuch läßt sich dies feststellen. Folgende Aufnahmen wurden vom selben Kamerastandpunkt aufgenommen, einmal mit 14mm Brennweite, einmal mit 28mm, einmal mit 50mm und einmal mit 85mm (der sogenannte Cropfaktor, also das Verhältnis der Größe des Bildsensors zum Kleinbildformat, wird hier nicht genannt – denn auch die Größe des Aufnahmeformats hat keinerlei Einfluß auf die Perspektive – später dazu mehr).

An den Bildern wurde nichts geändert außer leichter Kontrastanhebung und leichtemNachschärfen. Außerdem wurden vorhandene Kennzeichen unkenntlich gemacht.

200804041241.jpg

14mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

28mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

50mm Brennweite

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

85mm Brennweite

Und in der Tat scheint die Brennweite einen Einfluß auf die Perspektive zu haben: Ist nicht das Bild, das mit 15mm Brennweite aufgenommen wurde, weitwinkeltypisch verzerrt? Und ist nicht jenes mit 85 mm verdichtet?

Nun, schauen wir uns einmal die Bestandteile an, die in allen Bildern vorhanden sind. Das bedeutet, wir schneiden einfach mal all das weg, was nicht im 85er-Bild (der Einfachheit halber nenne ich die Bilder der verschiedenen Brennweiten im weiteren Verlauf so) zu sehen ist. Dabei erhalten wir natürlich verschiedene Ausschnitte:

200804041245.jpg 85mm

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

50mm

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

28mm

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

14mm

Jetzt, da nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile aller Brennweiten sichtbar sind, kann unser Gehirn uns nicht mehr über den Kontext der jeweiligen unterschiedlichen Bildbestandteile täuschen.

Um nun auch noch die letzte Einflußgröße, die unser Gehirn zur Perspektive relativiert, auszuschalten, bringen wir alle Ausschnitte auf die gleiche Größe:

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

 

Brennweite und ihr Einfluß auf die Perspektive

Wir sehen: Die Bilder – und die Perspektiven – sind gleich. Natürlich ist das 14er qualitativ schlechter als das 85er – es ist ja stärker vergrößert. Dem werten Leser sei versichert, dass obige Bilder wirklich die vergrößerten Ausschnitte sind. Oben das 14er, gefolgt vom 28er, danach das 50er, und schließlich das 85er.

Die Brennweite verändert also nicht die Perspektive! Was die Brennweite ändert, ist der Bildwinkel, also der auf dem Aufnahmemedium abgebildete Ausschnitt des Motivs (hier auch nochmal bei Wikipedia erklärt). Die “Verdichtung” oder “Verzerrung” entsteht in unserem Gehirn, das alle Bildbestandteile zueinander in Beziehung setzt. Man könnte sagen, die Brennweite ändert nicht die Perspektive, aber die Bildwirkung.

Genausowenig wie die Brennweite die Perspektive ändert, so wenig ändert übrigens die Größe des Aufnahmemediums (also Film oder Sensor) die Perspektive. Denn auch die Größe des Aufnahmemediums ändert nur den Bildwinkel – sozusagen diesmal aber von der anderen Seite des Objektives. Ein 50mm-Objektiv an einer Kleinbildkamera bildet die selbe Perspektive ab wie das selbe 50mm-Objektiv (hypothtisch) an einer Digital-Kompaktkamera mit findernagelgroßem Sensor; lediglich der Ausschnitt des Motivs verändert sich.

Die falsche Annahme, die Brennweite verändere die Perspektive, rührt daher, dass unser Gehirn immer alle Bildbestandteile in die perspektivische Auswertung mit einbezieht: Ein kleinerer Bildwinkel bei gleicher Bildgröße führt zum Eindruck einer “Verzerrung” der Perspektive. Ein größerer Bildwinkel bei gleicher Bildgröße gauklet unserem Gehirn eine “Verdichtung” der Perspektive vor.

Erst dann, wenn wir nur noch die gemeinsamen Bildbestandteile verschiedener Bildwinkel (seien die verschiedenen Bildwinkel nun durch verschiedene Brennweiten oder verschiedene Größen des Aufnahmemediums entstanden) betrachten, sehen wir, dass sie sich nicht unterscheiden.

Wer nun zweifelt, dass der Versuch wirklich beweist, dass die Brennweite keinerlei Einfluß auf die Perspektive hat, der sei ermutigt, den Versuch selbst durchzuführen. Gerade digital ist er von jedermann ohne allzugroßen Aufwand durchzuführen. Wichtig ist nur, dass die Aufnahmen mit den verschiedenen Brennweiten mit exakt gleichen Kamerastandpunkt durchgeführt werden! Eine Änderung des Kamerastandpunktes hat nämlich, im Gegensatz zur Brennweite, zwangsläufig Auswirkungen auf die Perspektive (dazu wird es hier in nächster Zeit einen weitern Versuch geben)!

Nochmal: Bei diesem Versuch darf der Kamerastandpunkt nicht verändert werden! Ein Stativ oder eine andere geeignete Fixierung der Kamera ist also Pflicht.

Es lohnt sich übrigens wirklich, diesen Versuch selbst einmal mit eigenem Material durchzuführen, denn der Erkenntnisgewinn ist, egal ob man Skeptiker ist oder nicht, sehr groß.

All jenen, die meinem Worte weniger vertrauen als dem eines Meisters, oder denen, die das Ganze lieber in gedruckter Form lesen möchten, sei Feiningers Hohe Schule der Fotografie ans Herz gelegt (auch ansonsten ist dieses Buch sehr empfehlenswert!); hier wird unser Versuch nochmals ausführlich besprochen.

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Dies ist ein Artikel von Martin Gommel.

Als Herausgeber von KWERFELDEIN sinnt Martin hier mit Autoren, Gesprächspartnern und Lesern in Wort & Bild der Fotografie nach. Meist mit einer gesunden Prise Skepsis, dem Ziel, den kreativen Horizont zu erweitern und einem Augenzwinkern. ;-)

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Kommentare

  1. Florian sagt:

    HI, interessanter Artikel, ich denke, das ganze verdeutlicht nochmal den Einfluss von der Brennweite auf das Bild – aber kann es sein das die ersten beiden Bilder bei 14 mm und 28 mm vertauscht sind ? anders würde es nämlich mehr sinn machen.

    MfG Florian

  2. ja die beiden ersten bilder sind vertauscht, seh ich auch so florian…aber trotzdem, super artikel!

  3. @ Florian & Philipp : Ups, kleiner Fehler – danke für den Hinweis !

  4. [...] erklären, dass sogar ich es verstehe. Patrick Stoesser hat auf KWERFELDEIN einen interessanten Gastartikel veröffentlicht, der anhand von Beispiel-Fotos sehr anschaulich erläutert, dass die [...]

  5. [...] Brennweite und ihr Einfluss auf die Perspektive  Dummheit, Fotografie, Web-Fundstücke Ähnliche Artikel [...]

  6. Moritz sagt:

    Irgendwie ist das doch logisch, oder? Warum sollte sich durch den Einsatz eines anderen Objektives, etwas an der Szene als solche ändern? Der interessante Vergleich wäre jetzt, den gleichen Ausschnitt mit verschiedenen Brennweiten zu fotografieren; der Spruch sollte daher besser lauten: Die Brennweite verändert die Perspektive bei gleichem Bildausschnitt.

  7. Sam sagt:

    Ich empfinde das nicht unbedingt als optische Täuschung, denn die Ursprungsbilder sind deutlich unterschiedlich.
    Die Telebilder sind verdichtet, und bei dem Weitwinkel kann man schön an der krummen Bordsteinkante sehen wie es den Raum verzerrt.

  8. pgs sagt:

    @Moritz: Würdest du den gleichen Ausschnitt mit verschiedenen Brennweiten fotografieren, so wäre der “Spruch”: Der Aufnahmestandpunkt und sein Einfluß auf die Perspektive.

  9. pgs sagt:

    @Sam: Nein! Nix verdichtet, nix verzerrt!

    PS. Die krumme Bordsteinkante ist eine Kurve.

  10. Sam sagt:

    @pgs: *grins* ich rede nicht von dem Ausschnitt, sondern von der Wirkung des Gesamtbildes.

  11. jana sagt:

    danke, interessanter beitrag!

  12. R. Kneschke sagt:

    Hallo Martin,

    ich habe lange über Dein Experiment nachgedacht und überlegt, was sich an Deiner Aussage nicht ganz richtig anfühlt. Ich glaube Dir, was Deinen Beweis über Verdichtung und Verzehrung angeht, aber etwas müsste sich doch ändern. Jetzt glaube ich zu wissen, was es war: Falls Du etwas im Vordergrund gehabt hättest (z.B. einen Ast, Strauch etc.), würde der sich doch sicher je nach Brennweite in der Schärfe ändern, also wahrscheinlich je länger die Brennweite, desto unschärfer der Ast im Vordergrund, oder? (Habe ich wieder einen Denkfehler?). Und genau dieser Effekt müsste ja auch die “Verdichtung” erklären, die bei Deinem Beispiel eher icht auftritt, weil die Objekte des Ausschnitts relativ weit hinten liegen.

    Lg, Robert

  13. Sam sagt:

    @Robert,

    Instinktiv hätte ich erwartet dass die Schärfentiefe (oder Tiefenschärfe) nicht von der Brennweite sondern vom Abstand vom Motiv, der Sensordiagonale und der Blende abhängig ist, aber ein Blick auf Wikipedia zeigt das der Abstand mit in die Formel eingeht.

    Deine Beschreibung das bei einer längeren Brennweite der Ast im Vordergrund unschärfer wird deckt sich jedenfalls mit der Aussage auf Wikipedia.

    Allerdings vermute ich das ursprünglich mit ‘Verdichtung’ eher gemeint ist das der räumliche Effekt verloren geht, das Abgebildete flacher aussieht je weiter es vom Objektiv entfernt ist.

  14. Sam sagt:

    Ach mensch, voll der Vertipper in meinem Kommentar, ich meinte natürlich das die BRENNWEITE mit in die Formel eingeht.

  15. R. Kneschke sagt:

    @ Sam, danke für den Kommentar, da scheine ich ja doch halbwegs richtig gelegen zu haben. Ob der Effekt nun “Verdichtung” oder “Schärfentiefe” genannt wird, war mir da nicht so wichtig, eher die Bestätigung meines Eindrucks, dass die Brennweite doch eine Rolle spielt…

    Wenn vielleicht eben nicht für die “Perspektive”, wie Martin oben bewiesen hat. :-)

    Lg, Robert

  16. Sam sagt:

    @Robert, klar, dir (und mir) geht es um die Wirkung der Brennweite, um Worte die die unterschiedlichen Wirkungen beschreiben können, auch wenn es sich technisch gesehen nicht um die richtigen Worte handeln mag.

    In dem Artikel hingegen (den Gastauthor Patrick geschrieben hat, nicht Martin) geht es darum, zu klären dass der Begriff Perspektive, der für diese vereinfachten Beschreibungen oft gewählt wird, technisch gesehen für so eine Beschreibung nicht korrekt ist, Patrick geht es darum die Wortbedeutung zu klären.

  17. pfn.photo sagt:

    Ich glaube manche Sachen kann man auch totdiskutieren. Ist doch letztendlich nur eine Begrifflichkeit. Gehen wir lieber fotografieren ;-)

  18. Linktipps…

    Eine schöne Artikelreihe, die das Thema Belichtung von der Pieke auf erklärt, findet sich unter awokenmind.de. In sechs Artikeln wird einem ein Workflow näher gebracht, der ein effizenteres Belichten ermöglicht.
    Belichtung meistern Teil 1
    Belichtun…

  19. k sagt:

    Hallo, interessanter Artikel, dennoch frage ich mich jetzt wie es kommt, dass manche Aufnahmen/Brennweiten durch Kleinbldkameras die Menschen dicker oder schlanker erscheinen lassen???? Ist das auch nur eine optischen Täuschung?

  20. Sam sagt:

    @k, da spielt ja neben der Brennweite auch noch die Perspektive mit rein, also auf welcher Höhe ich die Kamera halte, welche Körperteile am dichtesten an der Kamera sind, und ob sie sich eher in Bildmitte oder am Rand befinden (jedenfalls bei Weitwinkeln macht das einen riesen Unterschied).

    Du hast nicht zufällig Beispielbilder dafür, oder?

  21. k sagt:

    Hallo Sam,
    genau und mit welcher Brennweite muß ich denn dann am besten aufnehmen (will mir eine digitale Spiegelreflex zulegen), um diesem zu entgehen? Nach obengenannten Beweisführungen bin ich jetzt allerdings irritiert – das hat mich schon schwer beeindruckt!

  22. Sam sagt:

    Eigentlich ist das recht simpel:
    Was nah dran ist, wirkt auf dem Foto groß.
    Was weit weg ist, wirkt auf dem Foto klein.

    Sagen wir mal mein Motiv ist 1m vor der Kamera, und ich fotografiere auf Augenhöhe. Dann sind die Füße schon fast 2m von der Kamera entfernt, das ist doppelt so weit wie der Kopf. Also wirken die Füße viel kleiner als der Kopf.

    Stehe ich dagegen 10m von der Person entfernt, dann sind die Füße nicht viel weiter weg als der Kopf (selbst 1m macht auf 10m Entfernung ja nicht mehr viel aus). Hier wirken die Füße ‘richtig’ im Vergleich zum Kopf.

    Sprich, je weiter du von der Person weg bist, die du fotografierst, desto stimmiger wird das Größenverhältnis zur Realität.

    Darum nimmt man für Personenaufnahmen gerne lange Brennweiten von 50-150mm. Wie lang ist Geschmackssache, und hängt natürlich auch davon ab wie viel Platz man hat um sich vom Motiv zu entfernen.

    Hat dir das geholfen?

  23. Ralph sagt:

    …wenn Sam es nicht in seinem letzten Beitrag beschrieben hätte, dann müßte ich dies wohl jetzt tun…die Brennweite hat sicher was mit der perspektivischen Wirkung zu tun…allerdings wie bereits geschrieben in Abhängigkeit von der Entfernung zum Motiv…wenn du deinen Test nochmal mit unterschiedlichen Entfernungen machst, sprich immer denselben Motivausschnitt aber so das du die Entfernung ändern mußt….Weitwinkel näher ran und Tele weiter weg…dann wirst du die unteschidliche Wirkung sehen….beste Beispiele…fotografier eine Kirche direkt davor mit WW und aus 100m Entfernung….fotografier ein Gesicht mit WW aus 1m Entfernung und mit nem Tele aus 10m …

    Als ich angefangen habe zu fotografieren, gabs erst mal nur Kleinbildfilm mit´ner 50mm Brennweite…unser Zoom damals waren die Füße…das haben die meisten heute verlernt..sie zoomen sich ihre Fotos zurecht…das ist meiner Meinung nach falsch…mit dem Wissen über Brennweiten sollte man sich vor dem Fotografiern im Kopf sein Foto enstehen lassen dann die Brennweite “festlegen” näher ran oder weiter weg gehen und dann erst fotografiern…dabei sollte man den Zomm nur zur Korrektur verwenden….am besten lernt man allerdings das Fotografiern mit festbrennweiten…so das soll es von mir zu dem Thema gewesen sein.

    ein Frohes Weihnachtsfest wünscht der

    Ralph

  24. [...] der Täuschbarkeit unseres Gehirns finden Sie im prägnanten und einprägsamen Artikel von Patrick Stoesser auf dem Blog von Martin [...]

  25. [...] sich ausführlicher mit diesem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich folgende Artikel auf  kwerfeldein.de und  helmar-baumann.de empfehlen. Werbeunterbrechung: Tags: 100mm, 300mm, [...]

  26. Mo sagt:

    Stichwort “Aufnahmestandpunkt” trifft’s. Zwar ist es nicht eigentlich die “Brennweite”, welche das Bild beim Weitwinkel plastischer erscheinen lässt, ABER die kurze Brennweite ermöglicht erst den geringen Abstand zum Motiv (immer relativ).
    Wenn man das Bild mit einem Tele aus gleichem Abstand vergleicht, muss man es natürlich zurechtschneiden und es sieht gleich aus. Etscheidend ist aber die Bildwirkung, wenn man es nicht zurechtschneidet. Ein ähnlicher Ausschnitt mit einem Tele würde einen größeren Abstand zum Motiv erfordern, daher wären die Objekte auch weiter weg und es wirkt flacher.

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