Redaktioneller Beitrag10.03.2007 / 18:38

Schleim-Poesie oder: Der verfallene Wert des Bildes

Die meisten Fotoblogs bieten mittlerweile die Möglichkeit, zu einem Bild einen oder mehrere Sätze zu hinterlassen. Der Sinn des Ganzen steckt für mich im Web 2.0 Gedanken. Jeder kann jedem etwas zukommen lassen. Ein gute Idee. Die Frage ist, was man daraus macht.

Die Pervertierung und der Ego-Klick
Kommentarfelder sind in Ihrer Form meistens so angelegt, dass sie das Einfügen der eigenen [meist vorhandenen] URL ermöglichen. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Leute, welche einen Kommentar hinterlassen im eigentlichen Sinn nur Ihre URL hinterlassen wollen und dementsprechend fallen auch Ihre Bildkritiken [falls man das so nennen kann] aus.
Der urprüngliche Zweck dieser Möglichkeit liegt aber meiner Meinung ganz wo anders. Ich habe überhaupt nichts einzuwenden, wenn ein Bildbetrachter keine anderen Worte findet ausser : "Sehr geil!". Das geht mir auch häufig so.

Doch nicht selten habe ich den Eindruck, dass sie sich nicht wirklich Gedanken darum machen, welches Bild sie denn da vor Augen haben und was dieses Bild denn so "geil" macht. Weder Fotograf noch Kommentator haben davon etwas ausser : Die hinterlassene URL, welche unter Umständen angeklickt wird.
Es geht in vielen Fällen also mehr darum, sich selbst darzustellen und das mit meist ziehmlich hohlen, flachen längst abgenutzten Worten. Das Ganze gibts natürlich auch 10 mal multipliziert, wenn ein Deutscher auf einem Deutschen Blog die englische Sprache benutzt, weil man glaubt, dies verleihe den Worten einen besonderen Nachdruck. Darf ich kurz sagen, dass das fetter Bullshit ist ?


Schleim-Poesie

Auch wenn es hier "nur" um ein paar Worte geht, um einen Austausch von Meinungen. Die meisten Kommentare sprechen leider zu laut, dass dahinter überhaupt keine Meinung ist sondern die höchste Form des "Einschleimens ohne Interesse an der Sache".

Die Pervertierung des Kommentierens beschäftigt mich schon eine lange Weile. Denn ich entdecke auch bei mir komische Ansätze WARUM ich denn einen Kommentar hinterlasse.

Was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem Andern zu. Altes Sprichwort – für mich immer noch gültig. Auch im www und vor allen wenn es darum geht, sich zu äussern. Klar, wenn mir ein haufen oberflächige Kommentare was geben – hau rein -, aber ich stelle immer mehr fest, dass ehrliche Kritiken vor allem dann zurückkommen, wenn ich sie selbst anderen gebe.

Man ist stolz darauf, wenn in der Kommentaranzeige :
Comments [45] steht. Was dadrunter ist, interresiert eingentlich nicht. Natürlich sehe auch ich einen Zusammenhang zwischen der Qualität oder Aussagekraft eines Bildes und der Anzahl der Reaktionen. Das lässt sich nicht leugnen. Und dennoch möchte ich behaupten, dass ich lieber 1 einzigen Kommentar auf einem Bild habe, welcher ehrlich ist und ich sehe, dass sich derjenige wirklich mit dem Bild ausseinandergesetzt hat – als 100 Techno[sorry für den Vergleich]-Kommentare wie "Wonderful" oder "Ass-Kickin" oder "Man, thats so awesome". [Dass es Momente gibt, bei denen einem wirklich nichts anderes einfällt, ausgenommen].

Der Wert des Bildes
Ich möchte hier wirklich keinem auf die Füsse treten, aber mal ganz ehrlich : Wie lange schauen wir uns denn wirklich ein Bild an ? Hier spreche ich im Besonderen diejenigen an, die selbst täglich den Auslöser drücken und denen Feedback eigentlich wichtig ist. Gerade weil das Internet komplett überfüllt ist mit Bildern glaube ich an den Wert des Einzelnen und plädiere für ein authentisches Kommentieren.

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Dies ist ein Artikel von Martin Gommel.

Als Herausgeber von KWERFELDEIN sinnt Martin hier mit Autoren, Gesprächspartnern und Lesern in Wort & Bild der Fotografie nach. Meist mit einer gesunden Prise Skepsis, dem Ziel, den kreativen Horizont zu erweitern und einem Augenzwinkern. ;-)

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Kommentare

  1. tom sagt:

    Die meisten Bilder die man im Internet sieht, sind schön oder sehr schön. Er (oder sie) der das Bild publiziert, weiß das auch. Ich finde es nicht immer einfach, mehr über ein Bild zu sagen als “Sehr gut”, oder “Tolles Bild”, also sage ich in den meisten Fällen nichts, und versuche nur etwas hinzufügen wenn ein Bild mir wirklich gefällt, und ich das auch (vielleicht detailliert) begründen kann. Die Kehrseite ist: Sollte jeder das machen, würde man keine Kritiken bekommen und sich fragen, ob man der Einzige ist der das Bild mag.

    Was man leider niemals sieht (oder: nicht oft – ich habe es jedenfalls noch nicht gesehen, außer das Flickrbild hieroben), sind Leute die sagen wenn sie das Bild NICHT so gut finden (z.B. “Rule-of-Thirds” zu perfekt verwendet, oder vielleicht sind die Farben zu “clean”). Klar, man will niemand beleidigen, aber man kann es auch auf eine nette Weise sagen und begründen. Selber habe ich noch niemals ein Bild negativ kritisiert, aber habe manchmal gedacht “Schön, aber…”. Aber sind deine Bilder soviel besser, dass man Bilder von Anderen negativ kritisieren darf? Oder darf/soll man auch kritisieren wenn deine Bilder nicht besser sind?

    Dein Beitrag war etwas um über nach zu denken. Danke dafür. Grüße,

    Tom.

    PS: Ich habe daran gezweifelt, aber meine URL doch hinzugefügt. Ohne URL sieht es anonym aus.
    PPS: Deutsch ist nicht meine erste Sprache; hoffe trotzdem, dass was ich geschrieben habe, sinnvoll ist.

  2. Martin sagt:

    Auf jeden Fall, Tom. Danke für Deine Ausführungen und für Deine Ehrlichkeit. Wie gesagt, ich finde es nicht grundsätzlich schlecht, eine URL anzufügen, dafür ist ja auch das Kästchen gedacht.Was bei mir einfach komisch ankommt ist, wenn ich merke, das sich jemand einfach keine Gedanken macht zu dem was er schreibt, sondern einfach nur “verlinken” will ;)

  3. sven sagt:

    du hast schon recht, martin. das ist eben mittlerweile der allgemeine tenor, den man im internet nahezu nur noch findet.
    schleimpoesie hin oder her- darf ich dir sagen, dass mich das neue design sehr anspricht? sieht wirklich schoen aus; ganz ehrlich gemeint!! ,)

  4. Martin sagt:

    Danke Sven ! Hab ne lange Weile nach was passendem gesucht ;) Grüße

  5. Götz sagt:

    Hallo Martin,

    das ist mir auch schon oft aufgefallen.
    Vielleicht kommentiere ich deswegen auch generell eher wenig.

    Masse ist oft eben nicht alles. Lieber weniger/seltener kommentieren, dafür aber besser, finde ich.

    Grüße,
    Götz

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