aus der Ausstellung: Ego
21. Juni 2013 Lesezeit ~ 9 Minuten

Im Spiegel des Narziss

Sind Selbstportraits ein moderner Spiegel von Narziss?

Was sagt ein Selbstportrait über die Persönlichkeit des Fotografen oder bildenden Künstlers aus? Sind Selbstportraits Ausdruck einer narzisstischen Selbstinszenierung? Sind Künstler narzisstischer als andere? Oder ist nicht jeder ein bisschen narzisstisch?

Narzissmus zieht sich von antiken Überlieferungen über literarische Abhandlungen sowie Darstellungen in der Kunst durch die Menschheitsgeschichte. Der Mythos um Narziss ist beispielsweise zentraler Gegenstand in Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Grey“ und Salvador Dalis „Metamorphose des Narziss“.

Auch heute hat das Thema Narzissmus nichts an seiner Aktualität verloren. Aktuelle Studien zeigen beispielsweise, dass Narzissmus in westlichen Kulturen ansteigt.1

Tatsächlich aktualisieren viele Internetnutzer im wöchentlichen Rhythmus ihr Profilbild bei Facebook oder portraitieren sich täglich im Rahmen von „365-Tage-Projekten“ bei Flickr. Dieser Drang zur Selbstinszenierung wird im allgemeinen Sprachgebrauch häufig mit Narzissmus in Verbindung gebracht.

Personen, die eine höhere Anzahl an Posts und Fotos auf Facebook aufweisen, zeigen tatsächlich höhere Narzissmuswerte als Personen, die weniger aktiv auf Facebook in Erscheinung treten.2 Aber sind Künstler, die sich häufig selbst portraitieren, tatsächlich narzisstischer als andere, die lieber Blumen, Tiere oder Landschaften abbilden?

Ego © Ampelio Zappalorto

Im folgenden Beitrag möchte ich dazu einladen, mich bei der Beantwortung dieser Frage zu begleiten.

Was ist eigentlich Narzissmus? Narzissmus wird von Laien am ehesten mit Selbstverliebtheit oder Egozentrismus in Verbindung gebracht, umfasst heute als psychologisches Konstrukt jedoch mehr: Narzissmus ist ein Persönlichkeitsmerkmal aller Menschen, das bei einer Person mehr und bei einer anderen weniger vorhanden ist.3

Bei milderen Ausprägungen an Narzissmus spricht man von „normalem“ oder „subklinischem“ Narzissmus. Erst bei hohen Ausprägungen an Narzissmus spricht man von einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung, die mit starkem Leidensdruck einhergeht und behandlungsbedürftig sein kann.4

Personen mit hoher narzisstischer Merkmalsausprägung zeichnen sich unter anderem durch Willensstärke, eine hohe Selbstwertschätzung und Leistungsorientierung aus.5

Dies ist allerdings nur eine Facette des Phänomens, denn häufig zeigen Narzissten im Vergleich zu anderen Personen ein geringeres Einfühlungsvermögen, eine nach außen demonstrierte Unabhängigkeit sowie ein ausgeprägtes Anspruchsdenken.6

Diese vermeintliche Stärke steht jedoch auf einem wackligen Gerüst: Narzissten benötigen die Bewunderung ihrer Umgebung zeitweise zur psychischen Stabilisierung.7 Reagiert das Umfeld nicht in ausreichendem Maße auf dieses Bedürfnis, so reagieren sie mit Ärger und Aggression.8

Selbstportraits zählen zu den klassischen Genres der Kunst. Sie lieferten den bildenden Künstlern Informationen über die menschliche Physiognomie und strapazierten im Gegensatz zu Modellen den Geldbeutel nicht.

Während Portraits den Blick des anderen widerspiegeln, der für das Modell weniger steuerbar ist, sind Selbstportraits maximal gestalt- und manipulierbar. Selbstportraits und Selbstbildnisse sind daher mehr als andere Werke vom Vorwurf betroffen, einer narzisstischen Fotografen- oder Künstlerhand zu entspringen.

Ego © Katja Schrader

Selbstportraits können jedoch mehr sein als die blanke Selbstdarstellung: Nämlich ein starkes Mittel, um mit sich selbst ins Gespräch zu kommen und Klarheit über Gefühle, Wünsche und Bedürfnisse zu gewinnen, die sich an der Grenze des Sagbaren bewegen. Dies ist insbesondere deshalb interessant, weil nicht alles, was Personen umtreibt, leicht in Worten auszudrücken ist.

Die Bedeutung eines Selbstportraits lässt sich genau an der Grenze markieren, an der eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person in einen Dialog mit dem anderen übergeht.

Selbstportraits können in diesem Sinne andere dazu anregen, über sich selbst nachzudenken. Stattdessen betrachten wir Kunstwerke häufig mit einem Scheinwerfer der Rationalität. Susan Sontag wendet sich in ihrer Abhandlung „Against Interpretation“ gegen diese Tendenzen, ein Kunstwerk ausschließlich rational erfassen bzw. verstehen zu wollen. Sie spricht von Interpretation als Zähmung der Kunst, da durch sie das Kunstwerk auf einen bestimmten Inhalt reduziert wird.9

Kunst besitzt jedoch nach Aristoteles die Fähigkeit, nicht notwendigerweise bewusste Emotionen herbeizuführen und im Sinne eines kathartischen Empfindens zu beruhigen.

Empirischen Studien zufolge betrachten Museumsbesucher ein Kunstwerk im Schnitt elf Sekunden lang10 – vermeintlich zu kurz, um ein Kunstwerk vollends auf sich wirken zu lassen. Stattdessen scheinen die Biografie des Künstlers und die Interpretation des Audioguides für manchen Museumsbesucher interessanter zu sein als die Kunstwerke selbst.

Was sagt das Portrait über die Persönlichkeit des Künstlers aus? Wenn man bei der Betrachtung eines Kunstwerks die Persönlichkeit des Künstlers ergründen will, dann sitzt man nicht selten einem Phänomen auf, das man in der Psychologie den fundamentalen Attributionsfehler11 nennt.

Heider argumentiert, dass Menschen häufig als „naive Wissenschaftler“ oder „Alltagspsychologen“ fungieren, die motiviert sind, das Verhalten anderer zu erklären. Der fundamentale Attributionsfehler bezeichnet die Tendenz von Menschen, von gezeigtem Verhalten (zum Beispiel das Selbstportrait) auf die Persönlichkeit eines Menschen (beispielsweis die des Künstlers) zu schließen. Dabei wird die Bedeutung anderer Faktoren (beispielsweise der Intention des Künstlers) unterschätzt.

Bei der Diskussion um Narzissmus und Kunst werde ich oft gefragt, ob Künstler eigentlich narzisstischer sind als andere Personen. Die Frage nach der „Fotografen- bzw. Künstlerpersönlichkeit“ kann nicht hinreichend mit empirischen Befunden beantwortet werden.

Es gibt jedoch Befunde, die darauf hindeuten, dass sich Personen mit Narzissmus insbesondere in solchen Berufssparten wiederfinden, in denen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen und die Möglichkeit haben, ein gewisses Maß an Macht auszuüben.12

Ego © Oliver S. Scholten

Der Beruf des Künstlers gibt Personen eher selten die Möglichkeit, im Rampenlicht zu stehen, daher könnte man die Ansicht vertreten, dass sich Personen mit einer hohen Ausprägung an Narzissmus eher in anderen Berufen wiederfinden.

Einige wenige ältere Studien scheinen diese Hypothese tatsächlich zu untermauern. Zwar zeigen Künstler eine geringere Ausprägung an Beziehungsorientierung, andererseits scheinen sie introvertierter und empathischer zu sein als andere Personen.13

Diese Persönlichkeitsmerkmale stehen der klinischen Beschreibung von Narzissmus entgegen. Narzissmus scheint ebenso nicht mit (höherer) künstlerischer Kreativität assoziiert zu sein – obgleich die Selbsteinschätzung von Personen mit hohem Narzissmus von der realen Performanz abweicht.14

Zumindestens könnte man mutmaßen, dass Narzissmus bei Künstlern nicht höher ausgeprägt ist als Narzissmus bei Automechanikern – und wer einen Blick auf die letzte Rechnung seiner Autowerkstatt wirft, mag darüber eigene Hypothesen bilden.

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Fazit: Meiner Ansicht nach ist die Frage nach Narzissmus von Künstlern nicht von zentralem Interesse. In jedem Fall kann man Fotografen und bildenden Künstlern nicht Narzissmus zum Vorwurf machen, wenn sie sich mit sich selbst auseinandersetzen.

Dass Künstler auf manche „anders“ erscheinen, mag vielleicht eher daran liegen, dass sie mutig genug sind, sich berufsbedingten Widrigkeiten zu stellen und mühseligere Wege zu gehen, die sozialen Normen entgegenstehen.

Selbstportraits sind nur bedingt Ausdruck einer narzisstischen Selbstinszenierung des Fotografen oder bildenden Künstlers. Ein Selbstportrait ist lediglich ein Ausschnitt der Persönlichkeit eines Menschen und kann inszeniert, überzeichnet, versteckt oder verzerrt werden.

Insbesondere dann, wenn Selbstportraits die Grenze der Selbstinszenierung überschreiten und einen Dialog ermöglichen, tritt meiner Meinung nach die Frage nach Narzissmus in den Hintergrund. Letztlich braucht es Mut, mit sich selbst ins Gespräch zu kommen.

 

Der hier vorliegende Text wurde in Form eines Vortrages auf einer von Oliver S. Scholten kuratierten Fotografieausstellung gehalten. Die abgebildeten Fotografien der Künstler Oliver S. Scholten, Ampelio Zappalorto und Katja Schrader wurden in der Ausstellung „EGO“ in der Fotogalerie Friedrichshain (Berlin, 17. Mai – 21. Juni 2013) ausgestellt.

 

Quellen und Literatur

  1. Twenge, J. M., Konrath, S., Foster, J. D., Campbell, W. K., & Bushman, B. J. (2008). Egos inflating over time: A cross-temporal meta-analysis of the Narcissistic Personality Inventory. Journal of Personality, 76, 875-902.
  2. Buffardi, L. E., & Campbell, W. K. (2008). Narcissism and social networking websites. Personality and Social Psychology Bulletin, 34, 1303-1324.

    Mehdizadeh, S. (2010). Self-Presentation 2.0: Narcissism and Self-Esteem on Facebook. Cyberpsychology, Behavior, and Social Networking, 13, 357-364.

  3. Cain, N. M., Pincus, A. L., & Ansell, E. B. (2008). Narcissism at the crossroads: Phenotypic description of pathological narcissism across clinical theory, social/personality psychology, and psychiatric diagnosis. Clinical Psychology Review, 28, 638-656.
  4. American Psychiatric Association (2000). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, 4th ed. American Psychiatric Association, Washington D.C.

    Miller, J. D., & Campbell, W. K. (2008). Comparing clinical and social-personality conceptualizations of narcissism. Journal of Personality, 76, 449-476.

  5. Bogart, L. M., Benotsch, B. G., & Pavlovic, J. L. (2004). Feeling superior but threatened: The relation of narcissism to social comparison. Basic and Applied Social Psychology, 26, 35-44.

    Bosson, J. K., Lakey, C. E., Campbell, K. W., Zeigler-Hill, V., Jordan, C. H., & Kernis, M. (2008). Untangling the links between narcissism and self-esteem: A theoretical and empirical review. Social and Personality Psychology Compass, 2/3, 24.

    Morf, C. C., & Rhodewalt, F. (2001). Unraveling the Paradoxes of Narcissism: A Dynamic Self-Regulatory Processing Model. Psychological Inquiry, 12, 177-196.

  6. Fan, Y., Wonneberger, C., Enzi, B., de Greck, M., Ulrich, C., Tempelmann, C. et al. (2011). The narcissistic self and its psychological and neural correlates: an exploratory fMRI study. Psychological Medicine, 41, 1641-1650.

    Ritter, K., Dziobek, I., Preißler, S., Rüter, A., Vater, A., Fydrich, T. et al. (2011). Lack of empathy in patients with narcissistic personality disorder. Psychiatry Research, 187, 241-247.

    Morf & Rhodewalt, 2001.

  7. Campbell, W. K., & Green, J. D. (2007). Narcissism and interpersonal selfregulation. In J. V. Wood, A. Tesser, & J. G. Holmes (Eds.), Self and relationships (pp. 73–94). New York: Psychology Press.

    Morf & Rhodewalt, 2001.

  8. Besser, A., & Priel, B. (2010). Grandiose narcissism versus vulnerable narcissism inthreatening situations: Emotional reactions to achievement failure and interpersonal rejection. Journal of Social and Clinical Psychology, 29, 874-902.

    Bushman, B. J., & Baumeister, R. F. (1998). Threatened egotism, narcissism, self-esteem, and direct and displaced aggression: does self- love or self-hate lead to violence. Journal of Personality and Social Psychology, 75, 219-229.

  9. Sontag, S. (1961). Against Interpretation and Other Essays. New York: Farrar, Straus and Giroux.
  10. Tschacher, W., Greenwood, S., Kirchberg, V., Winzerith, S., van den Berg, K., Tröndle, M. (2012). Physiological correlates of aesthetic perception in a museum. Journal of Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 6, 96-103.

    Rauterberg, H. (2012). Wirkung von Kunst: Und die Herzen schlagen höher. [Beitrag zur Wissenschaftlichen Tätigkeit von Martin Tröndle und Kollegen] (Erscheinungsdatum: 20.4.2012; Aufruf der Webseite: 18.6.2013)

  11. Heider, Fritz (1958). The psychology of interpersonal relations. New York: Wiley. deutsch: Psychologie der interpersonalen Beziehungen. Klett: Stuttgart 1977
  12. Kets de Vries, M. F. R., & Miller, D. (1985). Narcissism and leadership: An object relations perspective. Human Relations, 38, 583-601.

    Judge, T. A., Piccolo, R. F., & Kosalka, T. (2009). The bright and dark sides of leader traits: A review and theoretical extension of the leader trait paradigm. The Leadership Quarterly, 20, 855-875.

  13. Cross, P. G., Cattel, R. B., and Butcher, H. J. (1967). The personality pattern of creative artists. British Journal of Educational Psychology, 37, 292-299.
  14. Goncalo, J. A., Flynn, F. J., & Kim, S. H. (2010). Are two narcissists better than one? The link between narcissism, perceived creativity, and creative performance. Personality and Social Psychology Bulletin, 36, 1484-1495.

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6 Kommentare

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  1. Vielen Dank für den interessanten Artikel. Ich selber spiele schon lange mit dem Gedanken, Selbstporträts zu machen, u.a. deshalb weil ich vlt. später mal sehen oder auch zeigen will, wie ich “früher mal ausgesehen habe” bzw. mich verändert habe.

    Bisher fehlte mir der Mut aus Sorge, für selbstverliebt, ego-zentrisch oder eben narzistisch gehalten zu werden. Ich gebe auch zu, dass mir dieser/s Vorwurf/Vorurteil bei jedem Selbstporträt eines anderen schnell in den Sinn kommt.

  2. Blogartikel dazu: Sternchen-Seiten: Das ganz dicke Link-Paket | Pyrolirium

  3. Ich fürchte zwar, dass kritische Anmerkungen hier neuerdings ausgemerzt werden, aber ich versuch’s :
    Der Aufsatz läßt mich als Laien an einigen Stellen ratlos zurück:
    Wärne Abgrenzung gegen die logischen Nachbarn, wie z.B. eine “gesunde Eitelkeit” und einen “krankhaften Exibitionosmus” nicht hilfreich gewesen um den zu klärenden “Ismus” ein wenig einzuzirkeln?
    Die Ausgangsannahme, dass der Künstler vergleichsweise wenig Möglichkeiten habe, sich in die Öffentlichkeit zu begegeben, ist doch nicht richtig – die allgemeine Öffentlichkeit ist seine Zielgruppe und die Selbstvermarktung gehört nicht erst in der Moderne dazu.
    Das Fazit, dass das gewählte Thema überhaupt “nicht von zentralem Interesse” sei, ist eine höfliche Umschreibung von “uninteressant” und steigert meine Ratlosigkeit .
    Ich bitte ich um Aufklärung.

    Freundliche Grüße
    Andreas V.

  4. endlich mal ein artikel, der dieses thema nicht so oberflächlich behandelt, sondern auf die mehrdeutigkeit des begriffes “narzissmus” als definitionsgrundlage eingeht. denn daraus resultieren meiner Meinung nach heutzutage die größten mißverständnisse: daß es einen “gesunden Narzissmus” gibt, der jedem menschen innewohnt und der auch eine wichtige rolle während der kindlichen Entwicklung spielt, das wissen die wenigsten. und so wird jeder, der sich mit sich selbst auseinandersetzt, selbstportraits anfertigt, gleich in die Schublade “eitel, eingebildet, narzisstisch” gesteckt, was doch eher negativ behaftet ist. ein großer Fehler und zugleich sehr schade, wie ich meine, aber dies wird in diesem Beitrag sehr gut klargestellt. einziger kleiner kritikpunkt: eingangs werden facebookuser, die häufig ihr profilbild wechseln und selfs bei facebook hochladen auf die selbe stufe gestellt mit Künstlern, die sich im rahmen ihrer künstlerischen Arbeit mit dem Thema auseinandersetzen. an dieser stelle sollte man meiner Meinung nach auch etwas vorsichtiger sein und unterscheiden: nicht jeder, der sich selbst fotografiert, ist automatisch ein Künstler. ansonsten: dickes lob von mir!