Vattenfall © Holger Weber
18. Juni 2013

Vattenfall, Greenpeace und interaktive Fotografie



Als wir die Anfrage von Greenpeace bekamen, ein Kubikfoto zum Thema Braunkohletagebau zu produzieren, war das natürlich extrem cool. 
Man denkt sofort an riesige Maschinen, gigantische Löcher in der Landschaft, trashige Dörfer und skurrile Bewohner – ein gefundenes Fressen für jeden Fotografen!
 Da unsere Produktionen extrem konzeptabhängig sind und jede Szene mit anderen Szenen verknüpft werden muss, steht vor der Fotografie (ja, ist natürlich immer so) sehr pingelige Recherche.

Kubikfotos sind übrigens auf Fotos und Film basierende, wirklich interaktiv erlebbare Welten, durch die sich der Betrachter nahezu frei bewegen kann. Wir haben dafür ein eigene Software entwickelt, die es uns erlaubt, auch sehr große und komplexe Projekte zu realisieren und alles an Funktionalitäten des Web 2.0 einzubinden.

Aber zurück zum Anfang. Da Greenpeace ebenfalls extrem genau und wahrheitsgemäß arbeiten muss, verbrachten wir die ersten Tage vor dem Rechner, dann weitere Tage vor Ort, um zu gucken, wo man was fotografieren kann, welche Leute etwas sagen wollen und wie das Thema überhaupt aussehen kann.


Und plötzlich waren da keine tollen riesigen Maschinen mehr, sondern stählerne Monster, keine gigantischen Löcher, sondern die totale Zerstörungen einer wunderschönen Landschaft, keine trashigen Dörfer, sondern uralte gewachsene Kulturen und keine skurrilen Bewohner, sondern liebenswerte Menschen, die um ihre Heimat kämpfen müssen und das gegen die Regierung, eine steinreiche Lobby und die Behörden.

© Holger Weber
Der Tagebau Welzow-Süd, ein Ende der Grube sucht man am Horizont vergeblich.

Vattenfall © Holger Weber
Kein Tornado. Diese Katastrophe ist dauerhaft, allein in den drei Kraftwerken in der Lausitz werden jährlich über 52 Millionen Tonnen Braunkohle zu CO2 verwandelt.

Welzow Süd © Holger Weber
Kippengelände: Hier wird über viele Generationen kein Mensch mehr leben können.

© Holger Weber
Eines von vielen Dörfern, die durch den Tagebau zum Geisterdorf werden.

Atterwasch © Holger Weber
In Atterwasch wurde die Installation einer Solaranlage auf einem unter Denkmalschutz stehenden Gebäude nicht genehmigt – ist ja auch verständlich – allerdings soll das gesamte Dorf inklusive der über 700 Jahre alten Kirche nebst Friedhof dem Tagebau weichen.

Proschim © Holger Weber
Proschim setzt schon lange und voll auf nachhaltige Energien und kann mit Solar-, Wind- und Biogasanlagen komplett die umliegenden Dörfer und Städte mit Strom versorgen. Proschim kommt natürlich auch unter den Bagger. Nein, das ist leider kein Witz.

Nochten © Holger Weber
Der Tagebau Nochten mit dem Kraftwerk Boxberg. Was aussieht wie ein Acker sind mehrere Meter hohe und kilometerlange Kippenfurchen.

Jänschwalde © Holger Weber
Der Tagebau Jänschwalde. Würde man die Förderbrücke aufstellen, würde sie den Eiffelturm um 180 m überragen.

Verockerung © Holger Weber
Das Rot kommt nicht aus Photoshop, sondern zeigt die durch den Tagebau entstehende extreme Verockerung, die sich auf den Spreewald zubewegt und alles Leben im Fluss über Jahrzehnte vernichtet.

Weißwasser © Holger Weber
Mitten im Märchenwald: Der Weißwasserurwald. Die Naturfotografen werden ihn kennen. Wer ihn sehen will, kann das nur noch hier, weil …

© Holger Weber
… er direkt hinter uns abgeräumt wurde. Diese Eiche war locker 300 Jahre alt.

Warme Hände © Holger Weber
Schön warme Hände sind garantiert, wenn man mit Stahl- und Alustativen arbeitet.

© Holger Weber
Beim ersten Locationcheck bei -12 °C ohne Türen in der Cessna.

Betreten verboten © Holger Weber
Für einige der Bilder haben wir uns tief in das „Betreten verboten“-Gelände gewagt, aber die Mitarbeiter von Vattenfall haben uns meistens sehr großzügig übersehen.

Die Produktion lief über ein gutes halbes Jahr mit mehreren Aufnahmeterminen vor Ort. Wir haben insgesamt 271.000 MB Rohmaterial und 12.550 Dateien produziert, die wir zu einer 80 Szenen, 350 Dateien und 264 MB umfassenden Welt zusammengebaut haben. Das Ergebnis ist jetzt unter www.braunkohle.info explorierbar.

  • Sigma Banner

29 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

  1. Tja: Wirtschaft, Wirtschaft über alles …

    Dazu fällt mir nur ein inzwischen etwas abgedroschener Satz ein, den angeblich mal ein Indianer gesagt haben soll: “Erst, wenn der letzte Baum gefällt ist … werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.”

  2. Tolles und wahnsinnig aufwendiges Projekt. Schön zu sehen das es immer noch Firmen gibt die so etwas finanzieren. Bin im August auch in der Lausitz zum fotografieren unterwegs. Werde auf meiner Webseite berichten wie ich es Vorort empfand.

  3. Die Serie verbreitet echte Endzeitstimmung :) Ich glaube das Geheimnis der ganzen Sache ist, hier defintiv den Betrachter am Schlafittchen zu packen !!! Das tut ihr und dies unheimlich gut. Die ersten Bilder sind noch rein technisch perfekt, aber beim Rest der Serie vermischt sich dann die Technik auch noch mit für mich persönlich beklemmender Direktheit !! Ausgezeichnet.

    Grüße Poli

  4. Respekt! Hammercooles Projekt. Ich würde auch gern viel mehr Reportagen im Umwelt-Bereich machen.

    Mir war gar nicht klar, wie extrem das da aussieht und was für Auswirkungen das auf die Natur hat. Ich hatte das gar nicht richtig auf dem Schirm… Traurige Szenerie.

    Aber wie immer ein zweischneidiges Schwert. Irgendwo muss ja auch der Strom für unsere Kameras her kommen.

    • Aber nicht aus Kohle, Atom etc.

      Die Technik ist doch schon viel weiter. Nur die Politik nicht. Und solange sich mit einer Sache, egal wie Umwelt schädlich diese auch sein mag, noch Geld verdienen lässt werden Menschen dies ausnutzen. Das Problem heißt Kapitalismus.

  5. Eine interessante Serie. Das Braunkohlerevier in der Lausitz besuche ich auch gelegentlich und bin nachhaltig beeindruckt von der Zerstörung, gleichwohl aber auch von der nicht immer geglückten Renaturierung der Landschaft. Fotografisch ist das allerdings oft sehr interessant. Fotografie und Naturschutz sind eben nur bedingt kompatibel. Bei einigen Bildern finde ich die Personen darauf überflüssig. Sie lenken von der Landschaft ab. Weshalb die da stehen kann ich auch nicht recht nachvollziehen. Aber egal, mir gefallen sie trotzdem.
    Vielleicht noch ein Anmerkung zum Schluss: Biogasanlagen, wie in Proschim, sind ökologsich äußerst fragwürdig. Wer mal durch die Lande fährt wird sehen, das sich auf den Feldern Monokultur breitmacht. “Brennstoff” für die Biogasanlagen wird eben besser bezahlt als Korn fürs Brot oder als Futter für die Tiere. Artenvielfalt sieht anders aus. Und alles was hier nicht angebaut wird, muss von weit her importiert werden. Das nur mal so am Rande.
    Henry

  6. wie ruedi eingangs schon sagte: wahnsinnbilder! und erschreckend noch dazu…..ich habe heute sehr lange auf der entsprechenden webseite verbracht. der begriff “tagebau” ist mir schon einige male zu ohren gekommen, aber was das wirklich in aller brutalität für die menschen vor ort bedeutet, das habe ich bis zum heutigen tag nicht gewußt. ich hoffe, dem kann in zukunft einhalt geboten werden….eine schande ist das, was mit den menschen und der landschaft dort gemacht wird….es geht auch anders. dessen bin ich mir ganz sicher. toller artikel!

  7. hallo, bin auf die seite gegangen und bin schockiert, was da in Deutschland läuft. hat mich sehr berührt, ihr habt das wahnsinnig gut gemacht, war auch sehr beeindruckend wie ihr das technisch hin bekommen habt, hut ab, großes kino. hätte mir nur noch von greenpeace da ne hilfestellung gewünscht, was man dagegen tun kann außer natürlich Greenpeace spenden und die seite weiterempfehlen, weil dieses gefühl der hilflosigkeit gegenüber dieser Lobbyübermacht bleibt. hätte gerne gleich im anschluss eine petition dagegen unterschrieben, damit ich meinen teil dafür tun kann, damit dieser wahnsinn aufhört. ihr habt auf jeden fall einen gigantisch guten job gemacht. nochmal: chapeau!

  8. Es ist schon immer wieder erstaunlich wie skrupellos der Mensch seinen eigenen Lebensraum so verändert und zerstört ohne dabei auch nur ein bisschen nachhaltig und voraus zu denken.

    Wunderbares Projekt, danke!

  9. Blogartikel dazu: Der Wirtschaftsteil | GLS Bank-Blog: Geld ist für die Menschen da!

  10. Sehr eindrucksvolle Dokumentation – technisch anspruchsvoll umgesetzt. Ziel erreicht – so macht man eine wirklich gute Kampagne! Jetzt müssen es nur genügend viele sehen- begreifen und handeln.

  11. Solar und Windenergie sind ja gut und schön, aber im letzten dunklen Winter mussten die Braunkohlekraftwerke öfter mit Volllast (das heißt höchste Kapazität) gefahren werden , weil weder Wind noch Sonne Energie lieferten. Und die ökologischste Art Strom zu produzieren ist für mich immer noch das Pumpspeicherwasserkraftwerk. Und apropos CO2: wenn nicht jeder einzeln auf Arbeit fahren würde und weil sein unökologisches Einfamilienhaus ja nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar ist, dann können wir auf alle anderen Industriebetriebe meckern, die bekanntlich auch teilweise viel CO2 produzieren, und auf alle Versandhäuser die eure im Internet bestellten Waren durch die Gegend fahren.

  12. Danke für die tollen und gleichzeitig erschreckenden Einblicke. Ich bekomme das Gefühl, dass man selbst mal vor Ort gewesen sein muss, um die Dimensionen begreifen zu können.

  13. Thank you for your work.
    And, wow, so U.S. is not only place with huge open pit coal mines (I am in California, U.S.).
    These are indeed global times and global problems.
    I say a prayer for us all.

  14. Habe selber die Abbaugebiete Garzweiler 1 und 2 fast vor der Tür. Ich bin immer wieder erschrocken welche nachhaltige Zerstörung beim Braunkohleabbau angerichtet wird. War schon bei einigen Foto-Touren im Abbaugebiet dabei, aber eure Fotos sind wirklich der Hammer, denn man sieht mehr als “schöne” große Maschinen. Danke das ihr auch das umsiedeln ganzer Dorfgemeinschaften erwähnt, denn das finde ich ebenfalls (neben der Zerstörung der Natur/Umgebung) am schlimmsten. Vielen Dank noch einmal für die tollen Fotos !
    Gruß
    Heike