© Christian Schweiger
17. Mai 2013 Lesezeit ~ 5 Minuten

Der Nordlandvirus

Ja, ich habe mich angesteckt, bin infiziert von einer heimtückischen, aber wohl harmlosen Krankheit. Der Nordlandvirus hat mich erwischt! Die Aussichten, Therapiemöglichkeiten? Ich habe mit anderen darüber gesprochen, Reisenden, oben in der Arktis in Norwegen und in Island. Leidensgenossen, die bereits seit vielen Jahren mit dem Virus leben.

Festzustellen, dass man nicht allein damit leben muss, ist erst einmal schon sehr beruhigend. Sie sagten mir, das werde ich nie wieder los, damit müsse ich leben. „Arrangiere Dich einfach damit!“ Diesem Rat werde ich folgen und freue mich darauf…

Winter Wonderland © Christian Schweiger

Reisen in den Norden haben mich schon immer ganz besonders fasziniert. Ich war schon immer tief beeindruckt von den atemberaubenden Landschaften nördlich des Polarkreises. Von den endlosen Weiten und der dort vorherrschenden Stille. Von dem Gefühl, sich ganz klein, unbedeutend und eins mit der Natur im Angesicht der grandiosen arktischen Landschaften zu fühlen.

Begeistert von den wie mit einem Pinsel auf Leinwand gehauchten Pastellfarben am Himmel der kurzen Tage im winterlichen Lappland. Sprachlos bei dem Anblick von Eisbären auf ihren unendlichen Wanderungen über das Packeis um Svalbard. Überwältigt von den Naturgewalten auf Island. Bewegt bei dem Anblick einer Bärenmutter mit ihren Jungen im finnisch-russischen Grenzgebiet.

Only A Beautiful Arctic Day © Christian Schweiger

Dass der Norden unweigerlich zu meinem Leben gehört, ist mir eigentlich erst richtig bewusst geworden, als ich nach einer sehr turbulenten und nervenaufreibenden Zeit in meinem Job als Personalreferent mal ein paar Tage mit meiner Partnerin ausspannen wollte. Einfach eine entspannte Weihnachtszeit verleben.

Meine Partnerin setzte die Auswahlkriterien fest: Ein ruhiger Ort sollte es sein, keine Hektik, irgendwo, wo auch endlich mal Schnee liegt, eine schöne Unterkunft mit Kamin, Wellnessbereich und Poollandschaft. Ich nahm mich also der Sache an und durchstöberte das Internet nach Zielen, die besagte Kriterien erfüllten.

Ich wurde auch sehr schnell fündig: Alles Orte, die die Vorgaben erfüllten. Kitzbühl, Garmisch-Partenkirchen, St. Moritz und… und ganz oben auf den Stapel von Ausdrucken legte ich das, wie ich fand, perfekte Angebot – eine Hütte im finnischen Lappland.

Lost in Norway © Christian Schweiger

Das Angebot war doch genau das, was sich meine Partnerin vorstellte: Ein bisschen Schnee, eine Rauchsauna, die garantiert als Wellnessbereich durchgeht, mit dazugehörigem Eisloch. Ein Eisloch ist ja auch irgendwie ein Pool. Vorsichtshalber druckte ich das Lapplandangebot natürlich noch in Farbe aus und die anderen Angebote nur in Schriftgröße sechs – Präsentation ist eben alles.

Siegessicher präsentierte ich das Ergebnis meiner Recherche und man hörte meine bessere Hälfte sagen: „Hmm, Lappland, das klingt ja mal interessant.“ Na bitte, perfekt, jetzt heißt es, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, also Laptop raus und fünf Minuten später war die Reise auch schon gebucht.

Just For A Moment... © Christian Schweiger

Das Motto war ja entspannen, der Hektik des Alltags entfliehen. Ich packte also eine halbe Bibliothek Bücher in meinen Koffer. Und die Kamera? Mitnehmen oder hier lassen? Dort oben gibt es ja sowie nicht viel zu sehen, dachte ich zu diesem Zeitpunkt noch.

Ich entschied mich dann doch für’s Mitnehmen, besser ist das, sagte ich mir. Könnte ja auch sein, dass ein Einbrecher während unserer Abwesenheit meine schöne Canon entwendet, da ist sie doch bei mir im Rucksack viel besser aufgehoben.

Das Stativ? Brauche ich nicht… oder? Was ist mit Polarlichtern? Was ist, wenn der grünliche Schleiertanz am Polarhimmel beginnt und ich ohne Stativ dastehe? Entsetzlicher Gedanke! Also Bücher wieder raus, Stativ in den Koffer und ab in Richtung Finnland.

Dort oben angekommen, war alles perfekt: Die Hütten sehr schön eingerichtet mit Sauna und Kaminofen, wirklich empfehlenswert. Das Wetter ließ allerdings zu wünschen übrig, jede Menge Schneefall, keine Sicht. Auch hatten wir zugegebenermaßen nicht wirklich mit einer Außentemperatur von -38°C gerechnet.

Blue Hour © Christian Schweiger

Den ganzen Tag nur in der Hütte, das geht natürlich auch nicht. Wir unternahmen also unsere erste Schneeschuhwanderung. Nach gut zwei Stunden hatten wir irgendwie unsere eigene Spur im Tiefschnee verloren. Wie das passieren kann? Weiß ich nicht, aber es kann. Kein Problem, sagte ich, GPS! Und holte mein Smartphone aus der Jackentasche. Dass es bei -38°C nur für ein kurzes Aufblitzen meines vollgeladenen Hightech-Kommunikationsgerätes aus Kalifornien reichte, war schon etwas enttäuschend.

Jetzt hieß es, Souveränität zu zeigen! Schließlich hatte ich jede Menge Nordlanderfahrung, beruhigte ich meine Begleitung. Nach einer kurzen – ich betone: ganz kurzen – Phase des Selbstzweifels habe ich dann auch glücklicherweise unsere Spur wiedergefunden.

Genau an der Stelle, an der ich auf unsere Spur gestoßen bin, sah ich vor uns ein wunderschönes Landschaftsbild mit einem Bach, der sich durch den Tiefschnee schlängelte. Leider waren die Wetterbedingungen alles andere als für ein Foto geeignet. Ich den Moment wusste ich, dass ich dieses Foto haben musste und die Stelle bei besserem Wetter aufsuchen möchte.

Kiilopää-Lapland © Christian Schweiger

Das Wetter wurde in den darauffolgenden Tagen großartig und ich hatte nur das eine Ziel: Ich musste diese Stelle wiederfinden und auf einer Speicherkarte festhalten. Dies war aber leider einfacher gesagt als getan.

Unsere Wanderungen durch den Tiefschnee in den Tundralandschaften bei bis zu -40°C wurden immer länger und anstrengender. Nachts ging ich bei schwachem Polarlicht allein auf die Suche nach diesem kleinen Bach. Nachts bei Vollmond in absoluter Stille und bei hohen Minusgraden allein in der Wildnis zu stehen, ist ein unbeschreibliches Gefühl, auch wenn mir manchmal etwas mulmig wurde.

Am vierten Tag der Suche fanden wir dann endlich diesen Bach wieder. Bei der Überquerung des Bachlaufs bin ich dann vor lauter Aufregung in das Eiswasser gerutscht, konnte aber glücklicherweise
mit einer reflexartigen Bewegung den Fotorucksack retten.

Fragile World © Christian Schweiger

Ich nahm mir viel Zeit für mein langersehntes Foto, die Kälte habe ich nicht mehr gespürt. Dieses Foto zählt auch heute noch zu meinen Lieblingsbildern. Vielleicht auch deshalb, weil ich weiß, wie viel Anstrengungen es mich gekostet hat, um es zu bekommen.

Die Eindrücke dieser Reise waren für uns beide trotz der körperlichen Anstrengungen unbeschreiblich. War das Wellness? Laut Lexikon steht Wellness für Methoden, die das körperliche, geistige oder seelische Wohlbefinden steigern. Also, für uns war es eindeutig ein Wellnessurlaub.

Landmannalaugar Iceland © Shristian Schweiger

Am Ende lässt sich sagen: Ja, ich habe den Nordlandvirus und das ist gut so. Er wird mich auch mein ganzes Leben lang begleiten. Heilung ausgeschlossen. Und noch etwas ist mit klar geworden: Der Nordlandvirus ist hochgradig ansteckend, denn meine Partnerin hat zumindest einen akuten Nordlandinfekt.

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26 Kommentare

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  1. Respekt für´s Handwerk. Aber das überschreitet für meinen Geschmack deutlich die Kitschgrenze. Und schade ist, dass es eher nach Computergrafik aussieht. Als wärst du nie wirklich dort gewesen…

    • Volle Zustimmung!

      Schon wieder “Bonbons”… Ich kann’s auch nicht mehr ab! Terragen http://planetside.co.uk/ in selbstverständlich handwerklicher Perfektion… Oder auch im www google/terragen/bilder… Nein Danke.

      Ralf

      (Mit jahrzehntelangen (Ver)Bindungen nach Schweden und allen (fotografischen) Möglichkeiten im Norden. Aber statt früher Kodachrome, Auhellblitz und “Blauer Stunde” heute maximal UND maßvoll Photoshop “Tiefen und Lichter”. Bei HDR tränen mir die Augen – aber nicht vor Rührung…)

  2. Also ich finde die Fotos super, besonders “Only a beautiful arctic day”. Wie Computergrafiken wirken die Bilder ganz und gar nicht.
    Auf jeden Fall wecken Artikel und Fotos dieser Art immer ein gewisses Fernweh, muss ich sagen…

  3. Hallo Christian,
    vielen Dank für deinen sehr schönen Bericht aber auch für die grandiosen Bilder. Dein “Bachbild” habe ich auch gleich ins Herz geschlossen. Gut das du so zielstrebig warst und die Location wieder gesucht hast.

    Der Virus hat mich schon vor mind. 10 Jahren befallen, doch leider bin ich bisher noch nicht über den Polarkreis hinausgekommen. Das wird sich zum Glück im nächsten Jahr mit einer grossen Nordlandrunde ändern – freu ;-)

    Nochmal Danke für Bericht und Bilder.
    LG Hans

  4. Wow. Beeindruckende Bilder und ein toller Beitrag!
    Wenn mir bei diesen Minustemperaturen nicht immer so schnell kalt werden würde, dann wäre ich wohl auch infiziert. :)
    Und es gab keine abgefrorenen Finger oder Zehen? ;)

  5. btw. ist es möglich, mehr über das Angebot mit der Hütte im finnischen Lappland zu bekommen? :)
    Würde nicht nur mich erfreuen, sondern auch meine Freundin. Aber ich müsste die Präsentation wohl nicht so trickreich anstellen. :)

  6. Ein lesenswerter und interessanter Bericht, der Lust auf mehr macht. Den Trick, mit dem Du Deine Partnerin von Lappland überzeugt hast, werde ich mir merken; dieser lässt sich sicherlich auch auf andere, exotische Orte anwenden :-).

    Die Bilder finde ich bez. Motivwahl herausragend. Das Postprocessing bleibt natürlich reine Geschmackssache (und das ist gut so).

  7. Sehr schöner Bericht mit wunderbaren Fotos. Ein prägendes Erlebnis. Ich fahre diesen Juni erstmals mit Medien Wohnmobil in Richtungn Norden und bin gespannt wie es uns gefällt!

    VG Jan

  8. Blogartikel dazu: Potpourri 20. KW: Von Adobe CC und noch mehr Canon - nopublica

  9. Als infizierter Mitpatient kann ich dir attestieren, dass deine Bilder hervorragend geworden sind.

    Vom Stil her sehr schön, der Text auch witzig zu lesen und fernweherweckend-
    da bleibt mir nichts anders übrig, als die nächste Reise in den Norden in Gedanken schon mal durchzugehen, um den Puls und die Schweissausbrüche etwas zu beruhigen ;)

  10. Hallo,

    also das mit dem Virus kann ich nur bestätigen, war letztes Jahr in Island und es hat mich voll erwischt.
    Dieses Land hat mich dermaßen in den Bann gezogen wie noch kein anderes Land das ich bereist habe.
    Danke für die Diagnose an der ich “leide” und die schönen Bilder.

    Uwe Roos

  11. als Mitleidender verstehe ich deine Formulierungen so, wie wenn es meine eigenen wären.
    Der Text ist süffig zu lesen und es macht richtig Spass!
    An einzelnen Stellen (verschiedene Bilder) habe ich dem Leiden auch schon ein Ende gesezt, an andere werde ich es hoffentlich noch schaffen.
    PS: die Ansteckung lohnt sich!
    Dionys

  12. Vielen Dank für diesen unterhaltend und frisch verfassten Bericht.

    Solche Bilder lassen das eigene Fotohandwerk mal wieder ziemlich verblassen. Man sucht nach qualifizierter Kritik, findet aber aber nichts gescheites. Man ist fast versucht eine neidvolle Kritik zu schreiben. Aber das wäre etwas billig.
    Nein, ich freue mich ab derart gelungenen Bilder und verschlinge diese gierig. Die weiteren Bilder und die diversen Auszeichnungen auf der Webseite ‘belegen’ auch dem letzten Zweifler eine gekonnte, kontinuierliche Qualität.

    Mir gefallen Deine Arbeiten grandios.
    Weiterhin viel Erfolg

  13. Blogartikel dazu: Fotografie und Technik Blog | Christian Schweiger (D) – Landschafts-/Reisefotograf