© Jörg Rüger
16. Mai 2013 Lesezeit ~ 3 Minuten

Die Schönheit des Verfalls

Das Fotografieren von verlassenen Orten ist gerade oder immer noch sehr en vogue. Das verstehe ich auch nur zu gut, geht doch von diesen Orten ein ganz besonderer Reiz aus. Betritt man einen solchen Ort, wird man gefangen genommen von der Atmosphäre, die dort herrscht.

Es ist das Licht, es sind die Gerüche, die für jeden offensichtlich das Besondere an diesen Plätzen ausmachen. Für mich kommt aber noch etwas anderes, weniger Offensichtliches oder Greifbares hinzu.

Normalerweise würde ich von mir sagen, dass ich eher dazu neige, nur Dinge im wahrsten Sinne des Wortes zu begreifen, die man auch sehen, anfassen, riechen oder schmecken kann oder für deren Existenz in anderer glaubhafter Weise ein Beweis angetreten werden kann.

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Hier ist es anders. Ich spüre irgendwie etwas, was die vielen Menschen, die an den unterschiedlichen Orten gelebt haben. Als hätte deren Wirken, Lachen oder vielleicht auch ihre Gefühle wie Schmerz, Trauer und Wut etwas hinterlassen, was untrennbar mit diesen Orten verbunden ist. Ihre Wände atmen förmlich spürbar diese gesammelten Erfahrungen der Menschen, die dort einst lebten.

Ich war einmal an einem Ort, einer ehemaligen sehr großen Kaserne, wo ich erst nach langem Durchwandern in einem Keller angelangte, der offensichtlich die Arrestzellen der Anlage beherbergte.

Niedrige Decken, wenig bis gar kein Tageslicht, einfache Holzpritschen, grob gezimmerte dicke Holztüren und die Wände voller eingeritzter Nachrichten derer, die an diesem Ort gezwungenermaßen Zeit zugebracht hatten.

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Leider waren diese Inschriften alle in Kyrillisch, so dass ich nicht verstehen konnte, was sie bedeuten. Aber das war auch nicht notwendig, denn die ganze Atmosphäre dort sprach auch ohne Worte ganze Bände.

Oder da war dieses Krankenhaus. Viel war dort nicht mehr zu finden. Aber auch dort war das nicht unbedingt notwendig, um nachzuspüren, dass es sich um einen besonderen Ort handelte. Alte Liegen, die verlassene Kinderstation, OP- oder Seziertische – so etwas wirkt schon im Normalzustand in besonderer Weise auf einen ein.

Oder da war dieses ehemalige Kraftwerk von monströsen Ausmaßen. Es wirkte in seinen Dimensionen fast einschüchternd. Aber auch dort waren die kleinen Dinge zu finden, die daran erinnerten, dass das alles von Menschenhand geschaffen wurde und dass dort einst Menschen täglich zur Arbeit gingen.

© Jörg Rüger

Bei den Besuchen dieser Orte geht es mir nicht darum, diese zu dokumentieren und in ihrem Gesamtzusammenhang darzustellen. Mir geht es viel mehr darum, das Besondere dieser Orte, ihre Atmosphäre einzufangen und wiederzugeben.

Mich interessieren oft auch nur bestimmte Details, die man vielleicht auch an jedem anderen Ort finden könnte, die aber genau an diesem in Verbindung mit der Umgebung zu etwas Besonderem werden.

Wenn ich mir so meine gesammelten Bilder verlassener Orte anschaue, dann fällt mir auf, dass es vor allem immer auch wieder Türen, Fenster und Treppen sind, die meine Aufmerksamkeit auf sich lenken. Oft sind es aber auch nur Farben im Zusammenspiel mit Licht und Schatten.

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Fotografisch betrachtet sind diese Orte oft eine Herausforderung. In Ermangelung künstlicher Lichtquellen, oftmals aber auch wegen teilweise verschlossener Fenster und Türen ist die Lichtsituation eher schwierig.

Oft sind es Motive mit großem Kontrastumfang, die abgebildet werden sollen. Vielfach komme ich für den Bildeindruck, den ich erzeugen möchte, nicht um Belichtungsreihen herum. Bei der Bearbeitung der Bilder achte ich jedoch darauf, möglichst eine dem normalen Sehen entsprechende Bildwirkung zu erzielen.

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Man sieht oft Bilder gerade von verlassenen Orten, die (in meinen Augen) im Übermaß bearbeitet wurden. Mir geht es darum, die Orte möglichst so zu zeigen, wie ich sie tatsächlich gesehen habe.

Vielleicht gelingt es mir ja, mit den Bildern ein bisschen die Atmosphäre dieser Orte zu transportieren und diese Eindrücke zu konservieren, denn viele dieser Orten gibt es heute schon nicht mehr.

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31 Kommentare

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  1. Schöne Bilder. Ich habe mich aber an verlassenen Orten in HDR mehr als satt gesehen. HDR ist grundsätzlich nicht so mein Fall. Ich arbeite selbst nur in Schwarzweiß und finde, so wird auch die Atmosphäre des Ortes sehr gut transportiert.

  2. Sehr tragisch, dass viele Urban Explonauten mit HDR arbeiten müssen. HDR ist die Panflöte in der Fußgängerzone der Fotografie. Verlassene Orte sind deshalb so reizvoll, weil sie auf eine Art natürlich und authentisch sind. Niemand außer die Zeit höchst selbst hat sie gestaltet. Das fotografisch zu dokumentieren ist der Reiz. HDR produziert allerdings alles andere als natürliche und authentische Fotos. Daher ein “gut so” an den Autor!

  3. im grunde sieht man bei jedem foto eindeutig das es bearbeitet wurde. am wenigsten allerdings bei den toiletten. dahingehend wäre also das ziel aus meiner sicht verfehlt.

    ich finde verlassene orte interessant, aber eigentlich auch nur dann, wenn man das menschliche dort sehen kann oder schon etwas anderes, z.b. die tier oder pflanzenwelt, begonnen hat das reich für sich zu beanspruchen.

    aber das ist natürlich meine ansicht der dinge. kann jeder sehen wie er möchte :)

    im übrigen finde ich HDR nur solange gut, solange man nicht erkennt das es HDR ist … hier sieht man es auf den ersten blick.

  4. Ich finde diese düsteren, geschichtsträchtigen Orte auch ganz anziehend im fotografischen Sinne, und ich kann auch hier und da die Notwendigkeit von HDR verstehen, obwohl ich zum Beispiel den Kinosaal schon wieder zu unnatürlich finde. Den Stuhl an den zwei Fenstern und auch die Toiletten finde ich wiederum ganz famos. Aber das ist nun wirklich rein subjektiv und absolute geschmackssache.
    Ich habe mit in meinem letzten Portugalurlaub auch mal die ganzen verlassenen und verfallenen Häuschen vorgenommen, die einem dort alle Nase lang begegnen. Und das tolle ist: immer genug Licht! ;-) Wenn es jemanden interessiert, die daraus entstandene Serie “Abandoned Algarve” habe ich auf meiner Website veröffentlicht.

  5. Ein toller Beitrag. Diese verlassenen Orte haben einen ganz besonderen und speziellen Reiz, den man nur schwer in Worte fassen kann. Allerdings muss auch ich zugeben, dass ich diese Bilder nicht wirklich gern als HDR-Aufnahmen mir anschaue. Eine gewisse Natürlichkeit ist immer von Vorteil.

  6. Fotografen, die Techniken wohldosiert einsetzen können, sind so nötig und selten wie Menschen, die Parfum dosieren können. Das hier erfreut mich, denn insbesondere für Übersichtsaufnahmen solcher Orte find ich HDR eigentlich nicht unangemessen. Das Bild mit dem Sessel wirkt so immer noch sehr stimmungsvoll, aber hat ein Bißchen was außerweltliches. Fein.

  7. Lost Places sind ja für viele Fotografen reizvolle Leckerbissen.(Vielleicht wäre eine Antwort auf die Frage “Warum eigentlich?” mal ganz spannend…)
    Ein schöner Artikel mit schönen Fotos.
    Ich bin auch kein Freund hochstilisierter HDR`s. Sie wird in der Tat diesen Ort nicht gerecht. Daher gefällt mir die zarte Bearbeitung dieser Aufnahmen.

  8. Ah… hört BITTE endlich auf mit diesen HDRs! Wenn man den Bildern sofort ansieht, dass es HDRs sind, dann sollte man es lieber lassen.
    Es darf manchmal ruhig available light sein, das soll ja auch ganz interessant sein…

  9. Die Aufnahmen sind schön, ganz klar, aber es gibt so viele davon.

    Was mich mehr als HDR (davon habt ihr mehr Ahnung als ich) stört, ist das “drapieren”. Jedenfalls sieht es für mich stark nach Arrangement aus und weniger nach “so wurde es tatsächlich vorgefunden”. Find ich für dieses Thema völlig unnötig. Die Räume würden auch so wirken…ohne Arbeitskittel auf dem Stuhl.

    • Das ständige dekorieren und drapieren geht mir auch zusehends auf die Nerven. Kaum ein Ort wo nicht irgendein Hansel meint er hätte das Zeug zum Innendesigner. Fällt mir hier vor allem Negativ bei dem Bild mit dem Hörer und der Arbeitsjacke auf dem Stuhl auf. Wobei ich im Netz und vor Ort noch viel schlimmeres gesehen hab: Ein Klassiker sind die halb eingeschränkten Weingläser und komplett Gedeckte Tische (da bekomm ich echt den Hass)

      Die Bilder find ich eher mäßig, was wohl nicht zuletzt dem Tonemapping geschuldet ist… ich kann’s einfach nicht mehr sehen.

  10. Hm…klärt mich als Newbie doch bitte mal auf… woran erkennt man denn nun, wie da bearbeitet wurde, bzw. dass es HDR ist? (ich weiss dank Wiki so knapp, was HDR überhaupt ist :-))
    Auf mich wirken die Bilder jedenfalls nicht “überbearbeitet” – so, wie man oft völlig überstrapazierte Farbgebungen sehen kann.

    Vielleicht kann ja der Autor mal was dazu sagen?

    • Hallo Lieber “Newbie” !
      HDR ist ursprümglich dazu gedacht, den Dynamikumfang der Bilder zu erhöhen, da die Kamera i. d. R. nur einen gewissen Teil des Lichts was wir sehen gleichzeitig auf ihrem Sensor aufnehmen kann. Wenn ich mich nicht täusche, irgendetwas um die 10 Blendenstufen Unterschied …
      Woran man nun ein HDR erkennt?
      Das ist halt die Frage… Ein schlechtes HDR erkennt man an z. B. deutlicher Übersättigung,
      und vor allem diesen schrecklichen weißen Rändern – genannt Halos! Als Faustregel kann man sagen, dass man die Finger von HDR lieber lassen sollte, wenn die Bilder “überbearbeitet” aussehen.
      Ich selbst verwende oft und gerne HDR, allerdings wandert der beliebte Tonemapping – Regler niemals über 35% ;-)

      Dass HDR keine Fotografie mehr sei, halte ich in meinen Augen für Quatsch, denn es geht – wie oben beschrieben darum – den Dynamikumfang zu erhöhen. EIn gutes HDR entspricht also exakt dem, was wir mit dem menschlichen Auge auch sehen können.
      Keine agesoffenen und keine übersteuerten Bildbereiche.

      Ich hoffe, es war einigermaßen verständlich, Grüße,
      Sebastian

  11. “Man sieht oft Bilder gerade von verlassenen Orten, die (in meinen Augen) im Übermaß bearbeitet wurden. Mir geht es darum, die Orte möglichst so zu zeigen, wie ich sie tatsächlich gesehen habe.”

    :D Oja.. daher auch das wunderbare Tonemapping und die ach so natürlich gestagten Szenen. Was UE Fotografie angeht hab ich schon viel besseres gesehen.

  12. Blogartikel dazu: Wochenrückblick #42 » ÜberSee-Mädchen

  13. Blogartikel dazu: Lost Places - eine faszinierende Fotografie-Richtung | Pyrolirium

  14. Blogartikel dazu: Die Schönheit des Verfalls - kwerfeldein -...

  15. Hallo Jörg,

    so manch einen Kommentar hier solltest Du ignorieren.
    Beim Thema Fotografie kommt es auf viele Aspekte an, die Sichtweise, den Bildaufbau, dass Erkennen, dass Umsetzen, den Geschmack des Fotografen, und den des Betrachters…
    Deine Fotos sind in Punkto Fotografie 1a!! HDR und der Rest ist Bildbearbeitung, also eine abrundete Maßnahme…Melde Dich mal bei mir, denn ich bin den Ruinen auch verfallen ;-) gut Licht, und viele Grüße Jörg aus ERZ.

    • Sattsehen. Es ist doch tatsächlich so, dass bestimmte Moden irgendwann tot sind – weil dasjenige, was vorher die Wahrnehmung elektrisierte und irritierte, nach einiger Zeit automatisiert wahrgenommen wird. So ein HDR-Bild nehme ich kaum noch wahr. Ich empfinde dabei nicht mehr sehr viel. Vor einigen Monaten machten mich Bilder dieser Art nostalgisch und oft sentimental im Angesicht der sich notwendig einstellen Veränderung, der Endlichkeit menschlichen Tuns und Schaffens. Doch nach der Rezeption vieler Bilder stellt sich dies nicht mehr ein. Anderes ist das bei der Musik: Bei Bach zum Beispiel erhöht sich der ästhetische Genuss mit der Häufigkeit des Hörens. Vielleicht liegt dies daran, dass die(se) Musik die Fotographie an Komplexität übertrifft.
      Besten Gruß

      Markus