Diego León-Müller
06. April 2013 Lesezeit ~ 4 Minuten

Die Stadt der Blinden

Literaturfotografie muss nicht zwingend die Handlung eines Werkes widerspiegeln; die Atmosphäre eines Buches einzufangen war mir in der folgenden Serie wichtiger.

In seinem Roman „Die Stadt der Blinden“ beschreibt der Literatur-Nobelpreisträger José Saramago eine durch eine Epidemie wie in ein weißes Meer gehüllte, erblindete Stadt.

Die Erblindeten werden in die Quarantäne einer verlassenen Irrenanstalt geschickt und als das Chaos ausbricht, stellt sich eine Frau, die sehen kann, der Anarchie entgegen. Als das System in der Abschottung auseinanderbricht und kein Soldat mehr da ist, der die wehrlosen Blinden zurückhalten kann, brechen die Blinden aus in eine blinde Welt, metaphorisch für eine Welt, die unfähig ist, Gut und Böse zu unterscheiden.

Die Bildserie zur „Stadt der Blinden“ wird, mit den vorliegenden, teilweise gekürzten Zitaten aus selbigem Buch, im Sommer auf einer Gruppenausstellung der Hochschule Hannover gezeigt.

1 - Diego León-Müller

Sollte es je dazu kommen, dass ein Soldat die verschossenen Kugeln zu rechtfertigen hat, dann wird er sicher bei der Fahne schwören, er habe aus Notwehr gehandelt, und hinzufügen, auch zur Verteidigung seiner unbewaffneten Kameraden, die in einer humanitären Mission unterwegs gewesen seien und sich plötzlich von einer Gruppe von Blinden bedroht sahen, die ihnen zahlenmäßig überlegen war. Am besten wäre es, die verhungern zu lassen, mit dem Tier stirbt auch das Gift.

Es gibt viele Arten, zum Tier zu werden, das ist nur der Anfang.

4 Diego León-Müller

Sie klopfte diskret an die Tür, zehn Minuten später war sie nackt, nach fünfzehn stöhnte sie, nach achtzehn flüsterte sie Liebesworte, die sie nicht mehr vorzutäuschen brauchte, nach zwanzig geriet sie ausser sich, nach einundzwanzig fühlte sie, wie ihr Körper vor Lust zerbarst, nach zweiundzwanzig schrie sie,
Jetzt, jetzt,
und als sie wieder zu Bewusstsein gelangte, sagte sie, erschöpft und glücklich,
Ich sehe noch immer alles weiß.

3 Diego León-Müller

Wie geht es Ihnen, Herr Doktor,
wir sagen dann
Gut,
dabei liegen wir im Sterben, das nennt man im Volksmund,
aus dem Herzen eine Mördergrube machen.

Wenn wir nicht in der Lage sind, ganz wie Menschen zu leben, dann sollten wir wenigstens versuchen, nicht ganz wie Tiere zu leben.

2 Diego León-Müller

Blind sein bedeutet nicht tot sein, aber tot sein bedeutet blind sein.

Wir würden uns schon beim ersten Gedanken kaum vom Fleck rühren, könnten wir immer alle Folgen unseres Handelns voraussehen, würden wir ernsthaft darüber nachdenken. Gute und Schlechte Ergebnisse unserer Worte und Werke verteilen sich über alle Tage der Zukunft, eingeschlossen auch jene endlosen, an denen wir schon nicht mehr hier sein werden.

5 Diego León-Müller

Dann drehte er sich zum Spiegel um, diesmal fragte er nicht,
Wie kann das sein,
er sagte nicht,
Es gibt tausend Gründe dafür, dass das menschliche Gehirn sich verschliesst,
er streckte nur die Hände aus, bis er das Glas berührte, er wusste, dass sein Abbild dort war und ihn anschaute, das Abbild sah ihn, doch er sah sein Abbild nicht.

6 Diego León-Müller

Die Augenlider aufgerissen, das Gesicht in Falten, die Augenbrauen jäh zusammengezogen, alles, jeder kann es sehen, durch Angst verzerrt. Mit einer plötzlichen Bewegung wird all das, was zu sehen war, hinter den beiden geballten Fäusten des Mannes verborgen, als wollte er noch im Innersten seines Hirns das letzte Bild festhalten, ein rotes, rundes Licht an einer Ampel.
Ich bin blind, ich bin blind.
Nichts, als wäre ich mitten in einem Nebel, als wäre ich in ein milchiges Meer gefallen.

8 Diego León-Müller

Da kommt der Nachbar am Arm geführt, aber keine kam darauf zu fragen,
ist Ihnen etwas ins Auge gekommen, das fiel ihnen nicht ein, und so konnte er auch nicht antworten,
Ja, ein milchiges Meer.
In dieser Nacht träumte der Blinde, er sei blind.

Ich hörte, dass es Menschen gibt, die erblindeten, da dachte ich darüber nach, wie es wohl wäre, wenn auch ich erblindete, ich schloss die Augen und probierte es aus, und als ich sie öffnete, war ich blind.

7 Diego León-Müller

Er versuchte sich vorzustellen, wie der Ort, an dem er sich befand, aussah, für ihn war alles weiß, leuchtend, strahlend, die Wände waren es und der Boden, den er nicht sehen konnte, und er ertappte sich bei dem absurden Gedanken, dass das Licht und das Weiß dort stanken.
Wir werden hier noch vor Entsetzen verrückt.
Er wusste, dass er schmutzig war, schmutzig wie wohl noch nie in seinem Leben.
Die Welt ist ganz hier drin.

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Nachfahren von José Saramago.

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23 Kommentare

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  1. Das ist irgendwie nicht mein Stil und trotzdem finde ich es gut, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, dieses zu interpretieren und dann in eine gewisse Bildsprache, die sich in den Gedanken abspielt, umzuwandeln. Auch die Technik, die hinter den Bildern steckt finde ich interessant. Aber es ist nichts, wo ich sage, dass ich das nun auch mal ausprobieren möchte oder würde.

  2. Nicht als Herabwürdigung verstehen, aber besteht moderne, kunstvolle Fotografie mittlerweile nur noch aus S/W Bildern, welche möglichst fehlerhaft sein müssen? Oder farbigen Aufnahmen, die “instagrammt” wurden, auf dass jeder Fotograf der 70er Bauchkrämpfe kriegen dürfte?

    • Ich halte solche Aussagen für sehr grenzwertig. Das die Kamera des Fotografen keineswegs zum Service muss, erkennt man bei einem Blick auf dessen Homepage. Es wird immer wieder fotografische Sujets geben die sich einer abstrakten Formgebung bedienen, in diesem Fall hat Diego diesen Weg gewählt, um für sich selbst eine Möglichkeit zu finden, dieses komplexe Thema des Autors zu erfassen. Das Ergebnis kann man gut finden, oder auch nicht, allerdings finde ich, wie bereits anfangs erwähnt, deinen zweiten Satz unangebracht.

  3. Die Umsetzung ist stimmig und gefällt mir sehr gut .

    “Fehlerhaft Fotografie” kann es bei der bildlichen Erschließung eines literarischen Werkes m.E. nicht geben. Dies könnte nur der Fall sein, wenn es ein Ziel der Fotografie wäre, die Welt möglichst “fehlerfrei” und “objektiv (?)” abzubilden. Aber bei diesem Sujet geht es ja um die Umsetzung des subjektiven Eindrucks eines literarischen Werkes auf den Fotografen in einen bildhaften Ausdruck, also um reine Subjektivität, die sich den Kategorien “falsch vs. richtig” bzw “fehlerhaft vs. -frei” verschliesst. Ich bin der Meinung, hier kann ich nur eine Aussage treffen, ob mir die Umsetzung gefällt und ob ich sie dem literarischen Werk als angemessen empfinde.
    Die benutzten Stilmittel sind natürlich zeitabhängig und sind einer bestimmten Ästhetik verhaftet.

    Langer Rede kurzer Sinn: Mir gefällt es!

    • Mein erster Kommentar… und es war mir in diesem Fall ein Bedürfniss. Nur die Bilder allein zu sehen bringt es diesem speziellen Fall ja nicht wirklich, oder? Es geht um Bilder, die zu einem bestimmten, literarischen Werk gehören. Warum sollen die denn so aussehen, wie die Bilder, die sich andere an die Wand hängen oder bei flickr / 500px posten? Brauchen sie ja gar nicht.
      Sie sollen die Stimmung zu einem bestimmten Text vermitteln. Was für meinen Geschmack super funktioniert hat. Ja, ich habe sogar geschaut, wo ich dieses Buch kaufen kann. amazon, 9,99€… Achja, zum Thema warum immer nur s/w.. Gedruckte Bücher sind in der Regel immer s/w und die Abbildungen darin demzufolge auch. Also passen die hier wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.
      Vieleicht wäre es ja auch mal wieder spannend, nicht nur Bildbände anzusehen, sondern hin und wieder sogar mal ein Buch mit Schrift in die Hand zu nehmen und dann den Kopf selbst Bilder malen zu lassen. Die dürfen dann auch gern in Farbe und gestochen scharf sein ;-)

  4. ich finde die serie ausgesprochen interessant. nicht nur die bildnerische annäherung an literatur, sondern auch das thema blindheit in ein visuelles medium zu übertragen ist gewagt und lässt viel spielraum für eigene gedanken. die kombination aus textlesen und bildbetrachten ist eine große aufgabe, und das herstellen von sinnzusammenhängen spielt sich wohl in jedem kopf anders ab und ist gerade deshalb so spannend. zu dem thema fällt mir direkt sophie calles ‘les aveugles’ von 1986 ein, indem die künstlerin blinde menschen fragte was für sie schönheit sei. und genau dieses geheimnisvoll schöne assoziiere ich auch mit deinen arbeiten. einfach gut.

  5. Nachdem ich mich gestern gegen dieses zwanghafte Schärfen ausgesprochen habe, muss ich heute ja jubeln – das tue ich auch gerne und aufrichtig. Ich bin begeistert von dieser impressionistischen Lichtmalerei. Geht doch gar nicht besser ! Die extreme Unschärfe ist thematisch begründet und keine Maniriertheit. Die Bilder helfen, sich in den Zustand der Blindheit ein wenig hineinzudenken, bleiben aber auch ohne diese Vehikelfunktion selbstständige Bildwerke in denen man sowohl zufälliges als geplantes und gestaltetes zu finden glaubt.
    Ganz toll !

  6. Hey, danke für den Artikel und die Bilder. Find ich echt interessant.
    Aber:

    DU SOLLST NICHT ANARCHIE MIT CHAOS VERWECHSELN!

    Du meinst Anomie. Anarchie bezeichnet eine soziale Ordnung ohne Herrschaft. Während das eine also Chaos und Schrecken ist (Anomie) verkörpert das andere eine soziale Gesellschaftsform die es in der GEschichte immer mal wieder geschafft hat (für meist nur kurze Zeit) erfolgreich zu funktionieren und zu ordnen (Anarchismus)

    • Jup, da geb ich dir Recht. Umgangssprachlich muss Anarchie leider immer wieder als Synonym für Chaos und großes Durcheinander herhalten, obwohl das gar nicht die eigentliche Bedeutung bzw. Aussage ist.

      Für die meisten ist es jedoch nicht vorstellbar, dass eine Gesellschaft ohne Herrschaft wirklich auf längere Sicht funktioniert.
      Das Ganze finde ich aber sehr spannend und wie du sagst, gab es ja immer mal wieder für kleine Zeitspannen in meist kleinen Regionen eine Ordnung, die sich als Anarchie bezeichnen lassen kann. In Teilen Spaniens war das, glaube ich, sogar gegen Mitte des 20. Jahrhunderts der Fall.

      Über die Frage, ob Anarchie tatsächlich “im großen Stil” klappen kann, hab ich mir schon öfter Gedanken gemacht. Wie gesagt, sehr interessant.

  7. Ich finde es Klasse das Kwerfeldein sich mit den kompletten Spektrum der Fotografie befasst, es ist gut mal seinen Horizont zu erweitern. Aber mit dieser Art der Fotografie kann ich nichts anfangen. Für mich ist die Fotografie eher was Dokumentierenes, Landschaft Menschen etc.

  8. Anhand der Kommentare hier, merkt man, dass vieles einfach unreflektiert rausposaunt wird.
    Ich möchte niemanden hier persönlich angreifen, aber manche Kommentare sind einfach unangebracht.
    Die Frage, ob heutige Fotografien nur noch s-w und fehlerhaft sein müssen ist einfach nicht erforderlich. Man richtet sich nach seiner Idee bzw. dem Konzept etc. Die Frage lautet eher: Brauche ich die Farbe? Ist sie wichtig? Stört sie? etc. Daher ist diese Argumentation brüchig. Es ist eine Frage, durch welche Technik ich zu meiner Kunst komme. Es sollte nicht um die Technik selbst gehen, wie mir bei manchen Kommentaren es erscheint.

  9. An der Kunst scheiden sich die Geister. Diese Bilder sind nicht “schön” im klassischen Sinne. Aber sie drücken auf eine faszinierende Weise die Verwirrung und Unsicherheit, aber auch die aufglimmenden Momente der Schönheit aus. “Die Stadt der Blinden” mit dem unverwechselbaren Schreibstil Saramagos verstört. Genau deswegen passen die Bilder so gut dazu. Chapeau!