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05. Januar 2013 Lesezeit ~ 5 Minuten

Schrift und Bild

Schrift und Bild sprechen auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Wahrnehmungsweisen an. Das Bild ist visuell, die Schrift ist narrativ. Schrift hat eine klare Leserichtung, Bilder hingegen eine unstrukturierte Dichte an Informationen – kurzum: Es scheint sich um ein gegensätzliches Verhältnis zu handeln.

Doch was passiert, wenn beide Medien zusammentreffen?

Bilder und Schrift begegnen uns im Alltag immer wieder gemeinsam. Kein Lexikon verzichtet auf Bilder, keine Zeitung kommt ohne Text aus. Wir kennen die Illustrationen in Büchern oder die Sprechblasen im Comic. Ebenso normal erscheint uns die Tatsache, dass beinahe jedes Kunstwerk einen Titel hat, der uns erklärt, was wir sehen.

Doch wie verhält es sich intermedial in der Kunst? Genau dieser Fragestellung habe ich mich in den letzten Monaten im Zuge meiner Examensarbeit genähert. Literatur und Fotografie haben für mich schon immer eine starke Anziehungskraft gehabt und durch meine Fächerkombination Deutsch und Kunst habe ich auch in meinem Studium eine große Schnittmenge entdeckt. Darum habe ich die beiden Elemente Schrift und Bild fotografisch zusammengeführt, um ihre gegenseitige Wechselwirkung zu untersuchen.

Ich wollte durch meine praktische Arbeit und theoretische Reflexion herausfinden, wie sich der Text ins Foto einfügt, was für eine Beziehung er mit dem Bild eingeht und ob sich Schrift und Bild ergänzen, illustrieren, beweisen, widersprechen oder gar miteinander konkurrieren können.

Als Werkzeuge habe ich meine Kiev88, einige Handvoll abgelaufener Rollfilme und die SX70 benutzt und verschiedene Konzepte ausprobiert. Zuerst habe ich in den Schauplatz Schrift eingefügt. Dafür habe ich meinen Modellen Buchstaben und Wörter auf die Haut gemalt, gestempelt, gelegt oder projiziert, ihnen Schilder umgehangen oder Schrift in ihre Umgebung gebracht.

Diese erste Serie hat für mich einige Fragen zum wechselseitigen Verhältnis beantwortet und die Fotos haben durch die unvorhersehbaren Farbergebnisse und Scanfehler ihre ganz eigene Ästhetik entwickelt.

Liedtexte, Lyrik oder Literatur, oftmals ist es ein Text, der einen inspiriert und Einfluss auf das Foto hat. Warum also sollte diese Quelle nicht auch einmal selbst im Foto erscheinen?

Ob Magrittes berühmter Schriftzug „Ceci n’est pas une pipe“, der die Problematik von Sprache und dem bezeichneten Gegenstand aufzeigt, die niemals deckungsgleich sind oder Wallace Bermans Credo „Art is Love is God“. Ich habe mit Zitaten verschiedener Künstler gespielt und diese in meine Fotos integriert.

Im weiteren Verlauf habe ich begonnen, die Schriftelemente nachträglich ins Foto zu integrieren und ihnen damit eine ganz andere Autorität und Dominanz zukommen lassen.

Durch bedruckte Folien oder kleine Buchstabensuppe-Nudeln haben die Handabzüge in der Dunkelkammer textuelle Zusätze erhalten oder ich habe mit Etiketten, Prägeband und Tesafilm die Fotos mit Schrift versehen.

Polaroid-Lift-Transfer in Bücher oder Literaturausschnitte in Fotos, am Ende sind mir immer mehr Möglichkeiten eingefallen, die beiden Medien miteinander zu kombinieren.

Die Fotos nachträglich zu verändern, war für mich zudem eine ganz merkwürdige Erfahrung, da ich bisher bei meinen Bildern den Zufall immer als wegweisendes Element hatte und sehr selten meine Fotos bearbeitet habe. Doch indem ich ausschließlich analog experimentiert und bearbeitet habe, sind es am Ende doch wieder die zufälligen Fehler, die das Foto interessant und liebenswert machen.

Ich habe erfahren, dass sich durch Schrift im Foto nicht nur neue Sinnzusammenhänge bilden können, auch wird die Schift manchmal der Schlüssel zur Botschaft oder sie gibt zumindest vor, ein Zugang zu sein.

Braille-Schrift, fremde Sprachen oder Schriften aus anderen Kulturen, manchmal wurde der Text nicht zu einer inhaltlichen Aussage, sondern zu einem eigenen ästhetischen Element im Foto. Konkrete Poesie oder Collagen aus Fotos und Wörtern, es gibt unzählige Möglichkeiten, künstlerisch mit Schrift und Bild zu arbeiten.

Am Ende meiner praktischen Arbeit hatte ich verschiedene Serien, die symbiotische, konkurrierende und erklärende Beziehungen von Schrift und Foto darstellen. Ich musste mich in der Examensarbeit für 20 Mittelformat- und Polaroid-Bilder entscheiden, die ich dann kunstwissenschaftlich analysiert habe und so zu verschiedenen Künstlern Verbindungen ziehen konnte.

Die Fotografinnen Shirin Neshat und Sophie Calle spielten dabei immer wieder eine Rolle, weil beide ganz eigene Zugänge zu dem Thema Schrift und Bild gefunden haben und für mich immer wieder Inspirationsquellen waren.

Sophie Calle beispielsweise baute einmal aus alten Briefen und Fotos beeindruckende Collagen und Shirin Neshat malte in „Women of Allah“ auf ihre Frauenportraits mit feinster Tusche persische Gedichte.

Die theoretische Reflexion der Arbeit, die wissenschaftliche Untersuchung von Schrift-Bild-Beziehungen in zeitgenössischer Kunst und die Grundsatzdiskussion um das Verhältnis von Sprach- und Bildwissenschaft konnte ich hier natürlich nur anreißen. Die Präsentation der fotografischen Ergebnisse soll im Mittelpunkt stehen und vielleicht inspirieren oder zum Nachdenken und Experimentieren anregen.

Für mich war die intensive Beschäftigung mit dem großen, aber fruchtbaren Komplex Intermedialität Schrift-Bild eine wichtige Erfahrung, die nicht nur eine Menge Arbeit und Spaß gemacht hat, sondern mir auch eines bewiesen hat: Schrift und Bild, keines durch das andere ersetzbar, aber jedes durch das andere bereicherbar. Denn das Gesamtkunstwerk ist ja bekanntlich mehr als die Summe seiner Teile – oder wie der Schriftsteller und Maler John Berger es treffend ausdrückt:

Die Fotografie, als Beweis unwiderlegbar, aber unsicher, was den Sinn angeht – erhält Sinn durch Worte. Und die Worte, die für sich allein nur eine allgemeine Aussage sind, erhalten eine spezifische Authentizität durch die Unwiderlegbarkeit der Fotografie. Zusammen sind die beiden sehr machtvoll; eine offene Frage scheint zur Gänze beantwortet zu sein.

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27 Kommentare

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  1. … interessantes Projekt, das durchaus zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung anregt.
    Aaaaaber : Indem man schlampig mit Analogmaterial umgeht, wird das nicht automatisch « Kunst » . Fussel, Wasserflecken etc sind für mich kein Zeichen künstlerisch reflektierten Umgangs mit den Materialien, sonder vielmehr einer ausgesprochen nachlässigen Arbeitsweise. Ist wie beim Film : Ist der Inhalt für die Tonne, machs 3D … Schade.

    • Danke !

      Wie du siehst sind ja auch nicht alle Bilder fusselig oder kaputt, es gibt durchaus sauber gearbeitete Fotos. Die Scans werden von mir schon sehr gezielt ausgesucht, ist mir ein Bild nicht clean genug oder passt es nicht zur Aussage etc., dann kann ich auch durchaus ordentlich mit dem Material umgehen. Es ist hier vielmehr ein gewähltes Mittel, wenn es denn passt !

      • … wenn es zur Aussage des Bildes passt, ja. Aber genau das erkenne ich hier nicht. Oder anders : es will sich mir einfach nicht erschliessen, was Fussel im Kontext von Schrift und Bild bedeuten, welchen erweiternden Beitrag sie liefern ( sollen ).

        Mit einer undichten Kiev, mit Sofortbild oder einer Vollplastikkonstruktion zu arbeiten, mit abgelaufenen Filmen, fehlende oder bewusst missachtete Farbkorrektur, Fehlbelichtungen entweder mit voller Absicht oder aufgrund des überlagerten Materials, Kornballungen nach dem Entwickeln, kleinere Kratzer oder Ausreisser wegen im Nasszustand überempfindlicher Emulsionen, überforderte Scanner mit Streifenbildung, bewusstes Zerkratzen … alles in Ordnung, wenn es das Thema, den Zyklus, das Projekt, was auch immer unterstützt und trägt.
        Aber diese Flusen ? Die mogeln sich nicht « eben mal so » zwischen Film und Abtastoptik des Scanners. Die sind auch nicht « zufällig » im Vergrösserer. Das ist der Alptraum in jedem Labor, für jeden Scanner. Ein unsauberes Umfeld. Effekthascherei ganz allgemein nach dem Motto : Guckt alle her, das ist analog ( und um das sozusagen doppelt zu unterstreichen wird es auch noch einmal ausdrücklich erwähnt, dass mit technisch sagen wir « nicht ganz einwandfrei funktionierendem Material » hantiert wurde ), voll Retro. Das ist toll, das ist so irre authentisch, das sagt was, das ist jetzt Kunst.

      • Es geht mit auch nicht um einen erweiterten Beitag, sondern um eine eigene fotoimmanente Ästhetik. Die Bildfehler haben hier nicht spezifisch einen Einfluss auf das wechselseitige Schrift-Bild-Verhältnis, sondern rein formal gefallen sie mir an bestimmtem Stellen. Ein großes weißes Haar, das sich im Rückenbild über ihre Schulter geschlichen hat, hat zufälligerweise die ungefähre Form der Malen-nach-Zahlen-Muttelmal-Linie. Natürlich hätte ich den Scanner putzen und das Negativ nochmal scannen können, aber das wollte ich nicht, denn jetzt unterstützt das weiße Haare die Windungen im Bild. Solche Dinge kann ich nicht planen, das Haar war einfach da, und hatt die perfekte rundung und lag an der perfekten Stelle, um es Teil des Bildes werden zu lassen. Es geht mir nicht darum jedes Bild möglichst schmutzig und kaputt zu machen, sondern wenn es auftritt, es zuzulassen und die Schönheit darin zu erkennen. Für mich sind diese kleinen Brüche das was Roland Barthes als ‘punctum’ bezeichnet, eine Irritations- und Haftstelle für den Betrachter, die Zündschnur, das zusätzliche Detail.

  2. Hochinteressant die Wechselwirkung zwischen Bild + Text. Für mich besonders die verschiedenen Möglichkeiten, Schrift in die Fotos zu integrieren. Das geht über eigene Ansätze weit hinaus. Deine künstlerischen Bilder sind zu Zeiten rattenscharfer Digitalfotografie schon aussergewöhnlich.

  3. Wow! Wirklich interessant, deine verschiedenen Herangehensweisen sind toll. Ich hatte auch schon immer einen Hang zu Sprache und auch der Fotografie, habe auch immer wieder über Kombinationen von beidem nachgedacht auf einige Ideen bin ich aber noch gar nicht gekommen. Inspiriert mich gerade total :)

  4. Es ist spannenden sehen, wie hier Text und Bild zusammengeführt werden. Die Bilder laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Manche muss man sich fast schon “erarbeiten”.
    Ich muss aber Hauke zustimmen, die Flusen und Flecken sind mir auch negativ aufgefallen.

  5. Grundsätzlichen gute Idee. Aber – in meinen Augen – schlecht umgesetzt. Wieso wird nicht auch bei Film sauber gearbeitet? Die schlechte Qualität der Bilder verleidet es mir ein bisschen, mich gerne damit auseinander zu setzen…

  6. “Diese erste Serie hat für mich einige Fragen zum wechselseitigen Verhältnis beantwortet und die Fotos haben durch die unvorhersehbaren Farbergebnisse und Scanfehler ihre ganz eigene Ästhetik entwickelt.”

    Das empfinde ich auch so. Die Fussel und Fehler unterstützen vor allem bei zwei Bildern für mich die Wirkung: zum einen Beim Buchstaben-Rückentatoo :-) Dort finde ich auch etwas Abstraktes in dem Foto, fast als wäre man im Weltraum mit Planeten und einer Karte, die ein Buchstabensternzeichen abträgt.
    Dann auch das Vogelfoto. Die Fehler unterstützen hier für mich die Rindenstruktur des Baumes. Schöne Sache!

    • Danke für deinen Kommentar :-)

      Ich sehe das genauso, Fussel und Fehler natürlich sind kein grundsätzliches Mittel, sie können aber zufällig enstanden ein interessantes Nebenprodukt sein, das auch seinen Reiz hat, wenn es an der richtigen Stelle auftritt.

  7. Vielen, vielen Dank für diesen faszinierenden Bericht. Fotos und Text – wirklich außergewöhnlich. Die Flusen und Fehler stören mih jetzt nicht so doll, aber man hätte diese sicherlich auch recht leicht verhindern können – Der Bildwirkung hätte dies kein Abbruch getan, im Gegenteil.

  8. Sehr interessanter Artikel und dazugehörige Werke die positiv anders sind als die vielen anderen Fotos die man täglich zu Geischt bekommt. Sie laden zum Nachdenken an, an denen man länger verweilt als an manch anderen Werken! Das Thema interessiert mich wirklich sehr, würde mich über einen weiteren Artikel von Dir freuen :-)

  9. Ich finde deine Fotos wirklich schön und einzigartig, Flusen hin oder her. Dein Text erscheint mir jedoch weniger besonders. Ich selbst befasse mich mehr mit der Malerei als der Fotografie und wäre dennoch imstande eine solche Beurteilung zu schreiben. Ich glaube nicht, dass es einer besonderen Untersuchung bedarf um festzustellen, dass Wörter oder Texte die Ausstrahlung bzw. die Bedeutung eines Fotos unterstreichen (wenn man denn so will) oder im Gegenteil, in die Irre führen. Ich gebe dir zwar Recht, bezweifel aber die Besonderheit deines Artikel.

    • Ich habe 70 Seiten über Sprachtheorie und Bildtheorie, verschiedene Künstler und vergleichende Beispiele aus diversen Genres und Epochen, und natürlich über diese (und die restlichen ) Fotos geschrieben.

      • nja mit ner nagelschere über nen film zu kratzen um dann rhetorisch aus scheiße gold zu machen (immerhin 70 seiten) verdient in meinen augen kein applaus und erst recht keinen abschluss. war beim rundgang in dd und es schien als sei das niveau ein anderes als das hier gezeigte.

      • Deine Anmerkung scheint mir ziemlich unreflektiert und vorallem unangemessen. Keines der Bilder ist in solch einer Weise entstanden, ich habe keine Ahnung wie du darauf kommst. Und da du meine Examensarbeit gar nicht gelesen hast frage ich mich ernsthaft, wie du in irgendeinerweise über den wissenschaftlichen Gehalt urteilen kannst!? Übrigens bin ich mit einer ähnlichen Auswahl wie dieser an der Akademie angenommen worden. Also überlass das Urteilen besser meinen Professoren.