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15. November 2012 Lesezeit ~ 9 Minuten

So jung kommen wir nie wieder zusammen

Entwickeln mit uraltem Rodinal.

In der Fotografie gibt es immer wieder Fabeln und Legenden, die von vielen gern nacherzählt und in allerlei Publikationen verbreitet werden. Das reicht von der Robustheit mechanischer Nikon-Kameras, die angeblich zwei Weltkriege überstehen, über lebensrettende Leica-Kameras, bis hin zum angeblich unverwüstlichen Filmentwickler Agfa Rodinal.

Da kennt meist irgendwer immer irgendwen, der wen kennt, der aus sicherer Quelle weiß, dass in irgendeiner aufgelösten Dunkelkammer noch eine uralte, verstaubte und mit pechschwarzem Inhalt gefüllte Flasche Rodinal gefunden wurde und diese auch noch ganz normal entwickeln würde.

Die meisten dieser Geschichten lassen sich mit etwas Recherche überprüfen, so gibt es durchaus Menschen, die auch heute noch mit einer über fünfzig Jahre alten Nikon F fotografieren. Ebenfalls befindet sich im Leica-Museum in Wetzlar eine Kamera, an deren Gehäuse tatsächlich eine Gewehrkugel abgeprallt ist und dem Fotografen das Leben gerettet hat. Und wie steht es mit der so legendären Haltbarkeit von Rodinal?

Frisches Rodinal ist heutzutage leicht zu bekommen, die bekannten Versandhändler bieten das klassische Rodinal meist als R09 One Shot an und die Produktion wird wohl noch bis zum Sanktnimmerleinstag fortgeführt werden. Aber was ist mit altem, richtig altem Rodinal? Und damit meine ich nicht einmal Wiedervereinigungs- oder Flowerpower-Rodinal, sondern richtiges Weltkriegs- und Kaiser-Wilhelm-Zeugs. Vulgo: Echt alt halt.

Bei einem bekannten Auktionshaus sind die berühmten Dunkelkammerauflösungen zwar schon wieder selten geworden, mit etwas Geduld und Glück finden sich dort aber immer noch wahrliche Schätze. So war es mir möglich, eine geöffnete und benutze Glasflasche und sieben Plastikflaschen Agfa Rodinal zu ersteigern.

Die Plastikflaschen stammten aus den frühen neunziger Jahren und fristen nun ihr Dasein als mein normales Entwicklungs-Rodinal, die Glasflasche stammt aus den späten sechziger oder frühen siebziger Jahren. Schon gut alt, aber immer noch nicht wirklich meinen Vorstellungen entsprechend.

So wollte es wohl der Zufall, dass ich kurze Zeit später über einen vierundvierzig Jahre abgelaufenen Orwo-NP27-Rollfilm sowie eine Flasche Rodinal stolperte, deren Etikett verdächtig nach Jugendstil aussah und deren Innenleben offenbar komplett mit Sediment gefüllt war.

Kurzum, dies musste meine Flasche werden, auch auf die Gefahr hin, dass kein Tropfen Flüssigkeit mehr in der Flasche verblieben war. Um die Sache etwas abzukürzen: Die Flasche wechselte für einige kapitalistische Werteinheiten den Besitzer und die Vorfreude (oder Nervösität?) auf den Inhalt stieg mit jeder neuen Bearbeitung in einem Paketzentrum.

Im gut verschnürrten Paket und einem halben Quadratmeter Luftpolsterfolie fand die Flasche Rodinal dann alsbald den Weg zu mir und ein erstes zaghaftes und gespanntes Schütteln erzeugte das in diesem Moment süßeste Klimpern meines Lebens. Es war also flüssig! Zwischen diesen beiden Sedimentbergen am Boden und dem Verschluss war tatsächlich flüssiges Rodinal.

Jetzt drängte sich in mir natürlich ebenfalls die Frage nach dem Alter auf, für mich ja ein essentieller Bestandteil dieses Experiments. Man könnte ja einfach mal den Hersteller (oder was noch davon übrig ist… hüstel) befragen, aber meine Anfrage bei Agfa-Gevaert ist bis heute unbeantwortet und ich mag ihnen auch nicht sonderlich böse sein. Vermutlich wissen die für Anfragen zuständigen Halbtags-Studenten nicht einmal, was Rodinal überhaupt sein soll.

Dann also selbst suchen. Erster Anhaltspunkt: Das auf auslaufenden Jugendstil hindeutende Etikett der I.G. Farben. Die I.G. Farben wurde 1945 nach dem Krieg von den Alliierten aufgelöst, die Flasche dürfte damit zumindest aus Zeiten des Dritten Reiches stammen. Aber ein Etikett im Jugenstil auf einem Produkt eines Vorzeigeunternehmens vermaledeiter und jämmerlicher Herrenmenschen?

Wohl kaum, zumal ein Treffer im Forum eines bekannten Versandhändlers eine Flasche Rodinal aus dem Dritten Reich zeigte, die neben einem sachlicheren Etikett offenbar auch mit einem Schraubverschluß ausgestattet ist. Meine Flasche hatte entweder einen Gummipfropfen oder einen Korken als Verschluß.

Nach weiterer Recherche dann eine alte Rodinal-Anzeige mit einem pompösen Adler im Etikett, einer völlig anderen Flaschenform und einer Jahresangabe um 1900, aber wirklich sachdienliche Hinweise waren es nicht. Aileen aus der hiesigen Redaktion half mir sehr mit einem Eintrag im Flickr-Forum der Rodinal-Gruppe und meine Vermutung wurde dort bekräftig: Die Flasche stammte aus den zwanziger oder dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Es konnte also gar nicht besser werden und mit allen zugedrückten Augen sowie etlichen mitgedrückten Hühneraugen war es also sogar Kaiser-Wilhelm-Zeugs.

Der für diesen Versuch ausgewählt Rollfilm war weitaus unspektakulärer, ein im August 1968 abgelaufener Orwo NP27 mit 400 ISO aus der DDR. Die von Mäusen aus Berlin angeknabberte und leicht muffige Verpackung lies erahnen, dass dieser Film seine besten Tage schon hinter sich hatte.

Wieviel Empfindlichkeit mag ein Film noch haben, der vermutlich über vierzig Jahre ungekühlt in irgendeinem alten Keller herumgelegen hat? In diesem Fall von einem Grauschleier zu reden, wäre sicher schon an der Grenze zur Obszönität, aber das sollte mich nicht davon abhalten, zu tun, was getan werden musste.

Nun ein paar Worte zur Kamera für dieses Experiment: Da ich sehr wenig im Mittelformat arbeite und ein Spiegelreflexsystem daher für mich wenig Sinn macht, ist meine Mittelformatkamera eine Adox Golf 63 S aus den fünfziger Jahren. Prontoverschluss, 75mm f/6.3 Adoxar-Objektiv und ein winziger, nur wenige Milimeter kleiner – naja – Sucher.

Optisch zwar schon etwas mitgenommen, aber sie funktioniert einwandfrei und liefert erstaunlich scharfe Bilder. Welche sechzig Jahre alte Kamera kann das schon von sich behaupten? Drahtauslöser und Stativ sind in diesem Fall per se obligatorisch, mehr als ISO 50 traute ich der Emulsion nun wirklich nicht mehr zu und selbst da quoll mein unbändiger Optimismus bereits links und rechts aus allen Poren heraus.

Zählt man einmal das Alter des Entwicklers, der Kamera und des Films zusammen, so dürften die drei insgesammt um die einhundertneunzig Jahre alt sein. Da drängt sich doch etwas der Gedanke auf, die zwölf Belichtungen des Films in einer ebenfalls betagten Umgebung zu verschießen.

Wie es der Zufall so will, liegt quasi vor meiner Haustür eine zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gebaute und seit vielen, vielen Jahren stillgelegte Eisenbahntrasse. Alte überwucherte Gleise, modrige Prellböcke, ein verkommener Bahnhof und ein über einhundertdreißig Jahre alter Tunnel schienen mir ein überaus passender Rahmen für die ganze Aktion zu sein.

An einem Sonntag im April wurde der Film schließlich in einigen Stunden auf der eben genannten Eisenbahntrasse und unter Zuhilfenahme einer Nikon D3 als Entfernungs- bzw. Belichtungsmesser belichtet. Wieder in meinen vier Wänden angekommen, ging es alsbald daran, an das kostbare Rodinal zu gelangen, ohne die Flasche zu zerstören. Ein erster Versuch, den Verschluss durch Drehen und Ziehen zu öffnen war erfolglos, ein zweiter ebenfalls.

Schnell wurde mir bewusst, dass der Stopfen nicht aus Kork, sondern aus Gummi war und er mit dem sedimentierten Rodinal bombenfest zusammenklebte. Die einzig sinnvolle Lösung schien mir zu sein, mit einem kleinen Bohrer ein Loch durch den Verschluß und durch die feste Sedimentschicht zu bohren, die für eine Standentwicklung benötigte Mindestmenge tropfenweise zu entnehmen, diese zu filtern und die Flasche dann wieder luftdicht mit Wachs zu verschließen.

Das äußerst mühselige Bohren durch das alte Gummi ging nur sehr langsam voran, in meinem Hinterkopf war auch weiterhin die Sorge, der Bohrer könnte vielleicht verkanten und die Flasche oder den Flaschenhals sprengen. Nach einigen Minuten stieß der Bohrer aber unfallfrei durch das Sediment und der Entwickler konnte in Zeitlupe durch die winzige Öffnung tropfen.

Bei der von mir gewählten Standentwicklung brauchte ich 4,85 ml Rodinal. Da durch das Bohren und das schiere Alter der Entwickler allerdings sehr mit Gummiresten und Kristallen verunreinigt war, würde ich alles vor der Verwendung filtern müssen und dabei etwas Verlust erzeugen. Mit 10 ml sollte ich auf der sicheren Seite sein, lieber etwas zu viel als zu wenig.

Trotz kräftigen Schüttelns setzte sich das kleine gebohrte Loch immer wieder rasch mit Sediment und Bohrresten zu, sodass ich am Ende über jeden kleinsten Tropfen froh war und ich nach etwa zwanzig Minuten knappe 10 ml Rodinal aus der Flasche gewinnen konnte.

Für die anschließende Filtrierung spaltete ich ein Papiertaschentuch in seine einzelnen Lagen und ließ den Entwickler dadurch in einen Messbecher laufen. Aus 10 ml Entwickler wurden so knappe 6 ml reines Rodinal.

Nicht viel, aber es langte für eine Entwicklung. Das Loch in der Flasche verstopfte ich grob mit einem zurechtgeschnittenen Ohrenstöpsel, später versiegelte ich noch alles mit Kerzenwachs, auf dass es das alte Zeug noch weiter konserviere.

Die Entwicklung verlief ohne Zwischenfälle, nur meine Anspannung und Nervosität stiegen nach dem Stoppen, Fixieren und Wässern in quasi astronomische Höhen. Dose auf, Spule raus, Spule öffnen, Film raus und ich sah nichts. Ein tropfnasser, blanker Streifen Rollfilm? Sollte etwa alles für die Katz gewesen sein? Noch einmal ganz, ganz genau hinschauen: Was ist das, was sind das für Schemen?

Im Gegenlicht meiner Badezimmerlampe und unter Zuhilfenahme eines weißen Blattes Papier erkannte ich schwach, ganz schwach die Orte und Motive der Eisenbahntrasse! Die ersten Belichtungen waren kaum zu sehen, die späteren, weitaus längeren Belichtungen sind vor einem hellen Hintergrund als schwache Schatten erkennbar. Es hatte tatsächlich funktioniert! Jetzt in Ruhe trocknen lassen, abfotografieren und schauen, was mit moderner Bildbearbeitung noch aus diesen Negativen zu machen ist.

Das Digitalisieren des störrischen und sperrigen Films entwickelte sich zu einer größeren Aufgabe, der Autofokus konnte kaum Strukturen finden und ein optimaler Fokus erwies sich mehr als reine Glückssache. Eine geschlagene Stunde später ging es dann per Photoshop weiter, Farben invertieren, spiegeln und dann die Tonwerte grob zurechtschieben. Aus den fast komplett grauen Bildern schälte sich langsam ein Bild heraus, in der Bildmitte sogar von ganz passabler Qualität.

Der letzt Feinschliff erfolgte dann per Lightroom und die Aufnahmen sehen am Ende wunderschön kaputt, zerstört und alt aus, aber trotzdem detailliert und lebendig. Der Film hatte einfach eine Menge Zeit und Folter hinter sich, Battlescars, wenn man so möchte.

Für mich aber ein voller Erfolg und ein weiterer Grund für das Erlebnis der analogen Fotografie. Kein Photoshop-Filter, keine Lightroom-Vorgabe und kein Hipstamatic-Filter wird so etwas optisch simulieren können. Und erst recht nicht das Gefühl dabei.

Der Mythos des unkaputtbaren Entwicklers hat für mich seine Bestätigung gefunden. Wären alle Rodinal-Vorräte der Welt aufgebraucht, ich würde keine Sekunde zögern, wieder zum Bohrer greifen und es Tropfen für Tropfen aus der alten Flasche heraustropfen lassen.

Aber jetzt entschuldigt mich, ich habe da noch einen 1951 abgelaufenen Eisenberger, bei dem ich nicht einmal die Empfindlichkeit weiß, laut Hersteller aber völlig lichthoffrei und feinkörnig. — Pah, das werden wir ja sehen!

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44 Kommentare

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  1. Wow, wirklich faszinierendes Experiment!
    Die Leidenschaft und Spannung wird beim Lesen spürbar!
    Und die Ergebnisse lassen sich doch sehen! Sehr schön.
    Ich persönlich hätte dafür allerdings keine Geduld, um so wichtiger, dass es Menschen gibt, die solche aufbringen können!

    Lg

  2. *lautes Lachen* Groooßartig, ein genialer Artikel, wunderschön geschrieben, untermalt mit richtig interessanten Bildern!!

    Da werd ich auch weiterhin immer mal ein Auge in Deine Arbeit werfen und ich hoffe sehr auf weitere Gastartikel, die folgen mögen!!

    Hut ab von meiner Seite, vielen Dank für diesen tollen Artikel und weiter so!! :)

  3. Inhaltlich möchte ich zu dem Artikel nichts sagen. Die Analog-Faszination, vor allen Dingen mit “defekten” Produkten entzieht sich mir. ABER: Großes Lob an den Autor. Trotzdem habe ich den Artikel gerne gelesen und immer wieder über die Beschreibungen / Formulierungen schmunzeln müssen. Und das wollte ich dann doch noch loswerden =)

  4. Nette Sache, das, und vor allem unterhaltsam geschrieben.
    Allerdings hätte ich für die flüssige « Kostbarkeit » einen frischen Film verwendet und nicht etwas, bei dem sowieso nicht bekannt ist, ob da mit aktuellen Lösungen überhaupt noch was passiert. Klar, s/w Negativmaterial ist nun wirklich anspruchslos, aber wie Du schon selber schreibst : von 400 so Pi mal Daumen auf 50 ASA runter, Belichtungszeiten nach « Hahn bei Mitternacht gegen den Neumond nach links finkeln » auswürfeln und dann mal gucken … ;)
    Soll so ein Experiment noch einmal gelingen : Vor dem Wiederversiegeln der Buddel hast da Gas reingetan, ja ? Nicht, dass am jetzt hinzugekommen Sauerstoff die lustige Oxidation anfängt und dem Zeug definitv ein Ende bereitet ;) ( Das käme mir dann so vor wie die Geschichte vom teuersten Essig der Welt … als bei falscher Lagerung der Korken der Rotweinflasche aus dem 17. Jhdt das Schrumpfen lernte )
    Über den « störrischen Film » und D3 und « Autofokus hat nichts gefunden zum festbeissen » habe ich herzlich gelacht.

    H

    • Nein, kein Schutzgas. Die Flasche war ja in ihrem bisherigen Leben bereits geöffnet worden und ich hätte sowieso keinen Hauch Schutzgas durch das kleine (sowieso ständig verstopfte) Loch bekommen. Und überhaupt, ich habe das Zeug mehr oder weniger aus der Flasche herausgeschüttelt, vielleicht habe ich jetzt sogar ein kleines Vakuum drin. ;)

  5. Hallo Oliver,
    schön geschriebener Artikel. Ich musste an einigen Stellen sehr schmunzeln. Ich bin vor 15 Jahren in die Fotografenausbildung gegangen. Recht großes Studio mit eigenem Fachlabor. Ich kann mich noch sehr gut an das Lager mit den unterschiedlichsten Chemikalien und Entwicklern erinnern. Der Ladeninhaber war seinerzeit schon um die 80 Jahre alt und daher “von der ganz alten Schule”. Da stand Zeugs rum, von dem ich bis heute keine Ahnung habe, was es eigentlich war. Heute mache ich nichts mehr analog, denke aber immer noch gerne daran zurück. Dein Text hat so manche Erinnerung wach gerufen. Danke dafür.

    Viele Grüße
    Jens

  6. Ich finde es immer wieder spannend und interessant zu lesen, wie Menschen viel Zeit und Energie für die Entwicklung von alten, analogen Fotos, geschossen mit alten, analogen Kameras verwenden, um dann ihre alten, analogen Fotos zu haben.

    Ich kann mich in die Spannung und den Spaß des Autors beim Fotografieren und Entwicklen ein Stück weit einfühlen. Es ist sicher auch eine Herausforderung, mit diesen alten Chemikalien und Gerätschaften eine Foto auf das Papier zu bringen.

    Trotzdem möcht ich an dieser Stelle auch etwas (vielleicht auch nicht 100% konstruktive, aber aus meiner Sicht berechtigte Kritik anbringen):

    Was soll das Ganze? Ich meine, ist ja schön, dass sich jemand soviel Mühe macht und hier davon berichtet. Aber was bringt das dem Leser? Oder was kann ich jetzt daraus lernen? Soll mich das zum Nachmachen animieren?

    Zumal auf dem/den mühsam entstandenen Foto/s einfach mal NICHTS drauf ist. Und mit NICHTS, meine ich NICHTS. Da ist kein Motiv, keine Komposition, kein Spiel mit Licht und Schatten, nicht Interessants, Aufwühlendes, Ansprechendes… einfach nichts.

    Ich kann den Reiz daran, soviel Aufwand für ein Foto zu machen, welches hinterher weniger als „Grandios und fantastisch“ ist, nicht nachvollziehen. Oder war das einfach ein Test?

    Mir drängt sich der Gedanke auf, dass hier allein der Prozess des Entwickelns das „Geile“ an dieser ganzen Sache sein soll. Das Foto ist egal, Hauptsache alter Film, alte Kamera, alte Chemikalie, analog.

    Ich möchte mal eine These in den Raum stellen:
    Fotografie wird nicht dadurch aufgewertet, dass jemand viel Zeit und Mühe in den Prozess gesteckt hat. Es kommt aus meiner Sicht einzig und allein auf das Ergebnis an. Wenn nach einer solchen Arbeit „nur“ (in Anführungszeichen) so ein Foto bei herauskommt, hat sich die Arbeit dann gelohnt? Aus meiner Sicht: Nein!

    Wo wir wieder beim Thema Kunst wären: Vermutlich ist das Kunst. Bei Kunstobjekten steckt auch meist ein riesiger Schaffensprozess dahinter, auch wenn man das Motiv oder Gebilde nicht versteht und es nicht danach aussieht.

    Ich würde mir wünschen, Kwerfeldein mehr über Fotografie „an sich“ und weniger über Kunst berichten, die vermutlich nur wenigen zugänglich ist.

    Für mich bleibt nach dem Lesen dieses Artikels halt nur das eine Wort hängen: „Verschwendet.“

    • Ich glaube, Du siehst den Artikel in einem falschen Licht. Es ist nicht “Kunst”, von der hier berichtet wird, sondern es sind “Hobbie” und “Leidenschaft” (vor allem letzteres). Und gerade das ist es, was diesen Artikel auch so wichtig und lesenswert macht und was Kwerfeldein auch von so vielen anderen Magazinen oder Foren oder Blogs unterscheidet. Wenn man erfahren will, will man mit seiner Kamera umgeht, dann gibt es gute Bücher. Wenn man sehen möchte, wie dieses oder jenes Foto entstanden ist, dann gibt es namenhafte Video-Tutorials oder Blogs in Hülle und Fülle. Hier aber geht es um etwas ganz anderes, und zwar um die Leidenschaft zu fotografieren – was alles mit einschließt, weil eben auch der Weg wichtig (und für manche sogar das Ziel ist). Jeder hat so sein Sujet und seine besondere Sichtweise, was ein gutes Bild ist und was nicht – ich finde es hervorragend und vor allem motivierend, die Erfahrungen, den Spaß und den Enthusiasmus anderer bei Ihren Projekten durch einen Artikel miterleben zu dürfen. Fotografie “an für sich” ist natürlich auch wichtig und gut, aber nicht immer der Kern des Ganzen. Nicht jeder will immer dem perfekten Bild hinterherlaufen, sondern viele wollen einfach nur Spaß an Ihrem Hobbie haben. Der Autor dieses Artikels schien eine unglaubliche Menge Spaß gehabt zu haben (und auch mit weiteren Projekten zu haben), also hier keine Verschwendung in Sicht :)

    • Zum Nachmachen animiert der Artikel schon, wie ich finde.

      Nein, der ich denke auch nicht, dass der Hauptinhalt dieses Artikels das resultierende Foto ist. Ja, es wohl tatsächlich (zumindest ein Stück weit) der Entwicklungsvorgang an sich – oder mehr die Neugier, ob es denn gut ausgehen wird.

      Ich kann das sehr gut nachvollziehen, denn auch ich habe schon ein paar Mal alte, Jahrzehnte überlagerte Filme in noch viel älteren Kameras belichtet, nur um zu sehen, ob da am Ende noch irgendwas drauf sein wird. Von daher kann ich die beschriebenen Gefühle sehr gut nachvollziehen. Ich vermute, da spielt mehr der Forscherdrang, als der Sinn nach Ästetik eine Rolle (zumindest ging es mir so).

      Du kannst den Reiz daran also nicht nachvollziehen? Das sei Dir verziehen. Vielleicht würde es sich sogar ändern, wenn Du zufällig auch mal in eine ähnliche Situation kommen solltest, vielleicht auch nicht. In beiden Fällen schmälert es die Aktion und das Ergebnis in meinen Augen keinen Millimeter. Schlimmstenfalls kannst Du es immernoch als Unterhaltung ansehen, die Dich vielleicht nicht wirklich weitergebracht, aber dennoch unterhalten hat, ansehen (ähnlich einem Kurzfilm oder einer Geschichte).

      In diesem Sinne, danke Oliver.

      Beste Grüße, Klaus

    • Ich finde es ja immer lustig wie hier mit dem Wort “Kunst” umgegangen wird. Als wäre das etwas total verwerfliches und abartiges was nichts mit Fotografie zu tun hat. Aber im Grunde ist doch der ganze Prozess der Fotografie und selbst das Endergebnis, egal mit welchem Hintergedanken es gemacht wurde, Kunst. Kunst muss ja nicht zwingend einen tieferen Sinn zum Betrachter transportieren, denn schon allein, weil sich eben dieser Betrachter Gedanken darüber macht, wurde etwas erreicht was Kunst beinhaltet: Den Betrachter anregen egal in welchem Sinn.

      Meiner Meinung nach sollte man daher das Wort “Kunst” nicht so abwertend verwenden wie es hier häufig geschieht. Kunst wird nämlich nicht nur durch den Satz “Ist das Kunst oder kann das weg?” definiert… Und wenn einem irgendwas nicht gefällt, muss man auch nicht gleich nach dem Motto “Kunst? Das ist mir zu hoch, versteh ich nicht.” angelaufen kommen, hat eben jeder andere Sichtweisen und selbst derjenige mit diesem Motto, wird irgend eine Art der Kunst schön finden.

      Insofern ist Kunst nicht nur irgendein “Kampfwort” sondern das was der Betrachter draus macht und damit meine ich nicht die beschriebene ablehnende Haltung.

      Und was schon andere gesagt haben: Es geht hier eben nicht in erster Linie um die Technik und dergleichen, sondern auch einfach um das Hobby selbst, mit all dem Spaß den es bringen kann. Ein Artikel wie dieser kann auch dazu dienen andere zu motivieren ihren Ideen und co. doch nachzugehen. Das gehört auch zur Fotografie, wie ich finde.

    • Hm, du findest es spannend und interessant zu lesen, kannst dich in die Spannung und den Spaß einfühlen und die Herausforderung erkennen, und fragst dennoch, was das Ganze soll?
      Sind Spannung und Spaß denn kein erstrebenswerter Lohn aus deiner Sicht?

      • Ich frag einfach nochmal: Was soll hier näher gebracht werden?
        Ist es Forschergeist um des Forschens willen?

        Ich will es mal aus meiner Perspektive erklären: Wenn ich mich mit den ganzen Analog-Techniken, den Fixierern, Chemikalien und dem allen beschäftigen würde, dann bräuchte ich ein Ziel „wozu“ ich das tue. Bei Fotografie tue ich das ganze für ein geiles Foto… ein Foto, was rundum gelungen ist und wo ich hinterher sagen kann: Da habe ich viel Arbeit reingesteckt und es hat sich gelohnt. Aber Forschen, um den Forschens willen – ohne (vorzeigbares) Ergebnis? Was ist daran lohnenswert?

        Spaß und Spannung habe ich auch beim Spielen von Computerspielen, die haben auch keinen tieferen Sinn und kein Ziel. Aber wenn es um so etwas wie Fotografie geht, was für den einen Lebensunterhalt, für den anderen fröhliches Hobby ist – braucht man da keine Ziele und keine Sehnsucht nach einem Ergebnis… nach einem Erfolgserlebnis am Ende des Schaffensprozesses?

        Es wäre mir persönlich zu wenig, den schwierigen und herausfordernden Prozess des Entwicklens analoger Fotos ohne dieses Ziel am Ende überhaupt durchzuführen. Hier wird es (ein bißchen) so dargestellt, als wäre das das Geilste von der Welt.

        Bisher konnt mir auch noch keiner so richtig Erklären, was an analoger Fotografie überhaupt so geil ist… und ich lese fast jeden Artikel hier, vor allem auch zu dem Thema. Es ist teuer, aufwändig, schwierig, mit Hindernissen verbunden, resourcenintensiv und die Ergebnisse sind selten „besser“ als das digitale Pendant, sondern nur anders. Trotzdem tun es viele. Was begeistert daran bitte so sehr? Wenn mir das jemand erklären könnte, finde ich vielleicht sogar einen Zugang.

        Bis dahin stelle ich die These auf:
        Alles was analog möglich ist, kriege ich auf digitalem Wege mindestens genauso gut hin. Alles. Nur der Schaffensprozess ist ein anderer (ohne Wertung!)

      • Ich habe auch keine negative Meinung zu Kunst. Vielleicht ein etwas anders Verständnis davon. Aber es soll hier nicht so rüberkommen, als würde ich Kunst abwerten. Mir geht es wirklich um das „Nicht-verstehen-können“ …

    • Was können die analoge Fotografie und die analogen Fotografen dafür, dass jemand keinen Zugang dazu findet? Das ist halt manchmal so und das muss man dann akzeptieren. Das ist aber kein Maßstab für deren Daseinsberechtigung und für den Sinn solcher Artikel. Rauszufinden, ob ein fast 100jähriger Entwickler noch arbeitet, ist doch absolut spannend. Man braucht halt Neugier und Forscherdrang. Ich fotografiere auch nicht analog, aber ich fand das Experiment fesselnd und nachvollziehbar, warum man so was macht. Und gut geschrieben ist der Artikel auch noch. Das Ziel beschreibt er im ersten Absatz: “Und wie steht es mit der so legendären Haltbarkeit von Rodinal?”

      • Ok, ich stelle die Frage anders:
        Welche Relevanz hat die Haltbarkeit von uraltem Rodinal für das Thema Fotografie und einen Großteil der fotografischen Leser?

        Ich akzeptiere, dass der Artikel vielleicht nicht unbedingt für mich geschrieben wurde. Trotzdem lese ich ihn und hinterfrage kritisch, weil ich schon seit langem versuche einen Zugang zum Thema „Analoge Fotografie“ zu finden… aber bisher keinen sehe.

        Und wenn man nicht das Ziel hat, andere von einer Sache, die man gerne macht, zu begeistern, warum dann überhaupt über so etwas schreiben? Nur für die drei oder fünf Enthusiasten? Wie gesagt, ich wills verstehen, deswegen habe ich kommentiert.

      • Hallo Sam, ich glaube, du gibst dir die Antwort zum Teil schon selbst. Wir stellen Sachen vor, die uns begeistern und schlagen dabei hier sehr oft auch aktiv einen Weg abseits der ausgetrampelten Pfade ein. Richten uns also immer mal wieder gerade nicht an den Großteil der Leser, sondern loten die Nischen aus. Wenn ein Beitrag also drei oder fünf Enthusiasten erreicht oder drei oder fünf Menschen zu neuen Enthusiasten inspiriert, ist alles in Butter.

  7. Puh, als ‘Analogie’ habe ich da aber schon einige Kritikpunkte. Aber erstmal: Schön geschrieben der Artikel, hat Spaß gemacht, ihn zu lesen. Das sollte nicht zu kurz kommen.

    Was ja schon angesprochen wurde: Der Orwo war sicherlich nicht der Film der Wahl… ich hätte auch erstmal frisches Material zum Testen bekommen. Auf der anderen Seite sind alte s/w-Filme durchaus langlebig, mein ältester war ein Adox KB17, in den 60ern abgelaufen, der sah noch richtig knackig aus. Allerdings schauen die Ende 80er-Jahre Orwos schon reichlich mitgenommen aus.

    Dann aber noch Einwände aus chemischer Sicht:
    Rodinal ist zwar ein Konzentrat, die entwickelnden Elemente liegen aber trotzdem in wässriger Lösung vor. Diese haben sich aus der Mutterlauge auskristallisiert, sodass du im Prinzip viel zu wenig Entwickler hattest – das würde erklären, warum dein Negativ kaum Zeichnung hat. Ansonsten müsste Rodinal sehr, sehr langlebig sein, da chemisch kaum was passiert – außer eben der Auskristallisierung. Falls du nochmal entwickelst, versuch alle Kristalle zusammenzukratzen, mit Wasser aufzufüllen, etwas zu erwärmen und die mit einem Rührer zu lösen… falls es dir nicht zu umständlich ist.
    Und mit dem guten Negativ gehts dann in die Dunkelkammer ;)

    • Ich wollte Anfangs sogar einen frischen KB-Film nehmen, ich habe mich nur dann entschieden, dem ganzen mit dem alten Rollfilm und der alten Kamera noch eine besondere Würze zu geben. Und unter uns, wenn es den uralten Orwo noch irgendwie entwickeln kann, wird’s wohl auch was frisches entwickeln. Sollte ich die Flasche noch einmal aufmachen, kann ich gerne noch einige frische Filmergebnisse nachreichen.

      Die Kristalle zusammenkratzen wäre ein Ding der Unmöglichkeit. Auf dem Bild mit dem ungefilterten Zeug sollte man erkennen, daß die Gummi-Reste und die Kristalle einfach zu viel und zu klein sind, als daß man die zusammenklauben könnte. Übertreiben wollte ich es eh nicht und Chemiker bin ich auch nicht, also wird wie immer gefiltert.

  8. Warte noch auf den Digital-Oldie der sich aus den diskreten Optosensoren der 1893er Baureihe und handentsaugten Verstärkerröhren in mundgeblasenen Glasblasen durch fußgeschliffene Kristalllinsen sein Bild der Welt macht.

    Is ja nicht so dass nur analog eine Vorgeschichte hat…

    Und was die Kritiker anbelangt, nein, Mühsal-Ergebnisse sind nicht per se Kunst. Sollte man vielleicht einen Begriff aus der Taufe heben der das “fast Kunst” verbildlicht. Schlage hiermit “Kunts” vor. Oder “Knuts”. :-)

  9. Der Kernsatz im nächsten kwerfeldein-Highlight „So jung kommen wir nie wieder zusammen“ war für mich deine Bemerkung: „An einem Sonntag im April wurde der Film schließlich (…) unter Zuhilfenahme einer Nikon D3 als Entfernungs- bzw. Belichtungsmesser belichtet.“

    Das ist genau die richtige Einstellung! Freude an völlig verschiedenen Bildaufnahmeverfahren aus diversen Zeiten. Mich hat dein Artikel sofort an meinen Beitrag in der photoscala erinnert. OK, der Film war nicht ganz so alt und die SW-Entwicklung wurde – Schande über mich – im Allerweltlabor in Auftrag gegeben. Aber die Spannung war die gleiche! Liest du hier:

    http://www.photoscala.de/Artikel/Eine-Kamera-mit-Geschichte

    Mit der Brownie fotografiere ich nicht, aber ich lege immer mal wieder einen Farbrollfilm aus meinem schwindenden Vorrat abgelaufener Filme in eine 6×9 AGFA Clack. Das hindert mich aber in keiner Weise daran Berichte wie „Zweiter Monatsbericht vom iPhone-Projekt“ genauso toll zu finden, um selbst mehr mit dem iPhone zu experimentieren bis hin zu solchen Sachen:

    http://www.youtube.com/watch?feature=player_detailpage&v=adgK1GJw4Zc

    Glückwunsch zu deiner Einstellung und Danke für deinen schönen Beitrag in kwerfeldein!

    Ralf

  10. ein sehr schöner beitrag. man spürt darin die leidenschaft und freude am fotografischen prozess. fotografie ist eben mehr als aufs knöpfchen drücken. mehr als bite und bytes. und als jahrzehntelanger rodinaljunkie (nie intravenös :-) !) ist der bericht nochmals doppelt so stark. wer nie den geruch von fixer in den haaren hatte und die fotografie nur im digitalen kennt wird das nie nachvollziehen können. danke und hoffentlich auf mehr solche beiträge.

  11. Da sieht mans, analoge Fotografie ist nicht nachvollziehbar, wenn man es nicht selbst ausprobiert hat. Hut ab vor soviel Mut mit uraltem Rodinal einen total abgelaufenen Film mit einer uralt Kamera zu belichten. Ich finde es toll, das Ergebnis ist hervorragend, aber noch toller finde ich das Fläschen. Ich hoffe du hattest ein solches Hochgefühl, als du dieses Fläschen in der Handhattest, wie ich es mir gerade vorstelle.

    Deinen Spaß den du dabei hattest, kann man auf jeden Fall gut nachvollziehen.

    Auch ich hatte großen Spaß diesen bericht zu lesen. Vielen Dank dafür.
    Viele Grüße Jürgen

  12. Oh je, solche Artikel finde ich absolut toll – Zum einen, weil du diese Geschichte, diesen Prozess, wirklich sehr spannend geschrieben hast und zum anderen, da es sich um so altes ‘Zeug’ handelt und du dir offensichtlich sehr viel Mühe gemacht hast. Ich beneide dich – auch wenn ich noch nie selbst entwickelt habe und deshalb nie den “Geruch von Fixer in den Haaren” hatte (wie es Martin so schön geschrieben hat) – Dieser Artikel hat mich begeistert, danke!

  13. Danke für dieses tolle Experiment, Oliver!
    Ich hätte wahrscheinlich zu viel Mitleid mit der unangetasteten Flasche gehabt, der Forscherdrang hat in Deinem Fall anscheinend gewonnen. Das nächste Mal könnte man ja probieren, Film in 80 Jahre altem Kaffee (-> Caffenol) zu entwickeln… :)