Melilla_Kwerfeldein-Artikelbild
25. Oktober 2012 Lesezeit ~ 5 Minuten

Fotoessay: „At The Wall Of Fortress Europe“

Vor einigen Jahren wurde ich durch die Band „Heaven Shall Burn“ auf die Grenzen Europas aufmerksam gemacht. In dem Song „Tresspassing the Shores of your World“ wird die qualvolle und für manche im Tod endende Reise vieler Migranten nach Europa thematisiert.

Migration von Menschen findet schon seit Jahrtausenden statt. Heutige Gründe für die Flucht und dass verlassen der Heimat sind, für die betroffenden Menschen, unter anderem Kriege und sich häufende Naturkatastrophen durch den Klimawandel.

Dafür sind sie unter menschenunwürdigen Bedingungen jahrelang unterwegs und zahlen Schleusern viel Geld um schnell nach Europa gelangen. Anstatt den Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren, wird mit allen Mitteln versucht, den bestehenden Wohlstand zu verteidigen und so wenige Menschen wie möglich in Europa aufzunehmen.

Einer dieser Orte, an dem versucht wird, sich zu verteidigen, heißt Melilla.

Melilla ist ein spanische Enklave an der Nordküste Marokkos und wurde während der Kolonisationszeit im Jahre 1497 von Spanien besetzt, um einen Handels- und strategischen Vorposten Europas auf dem afrikanischen Kontinent zu errichten. Diesen Status trägt Melilla heute immer noch.

Auf den ersten Blick wirkt Melilla wie eine typisch andalusische Stadt: In den Restaurants am Strand gibt es traditionelle Tapas zuhauf und im Zentrum der Stadt werden Vorbereitungen für die Feria, ein spanisches Volksfest, getroffen. Doch bei genauerem Hinsehen bemerkt man, dass etwas anders ist. Neben einer Statue des ehemaligen spanischen Diktators Francisco Franco sieht man viele Schwarzafrikaner, die vom Wüstenstaub bedeckte Autos waschen.

Verlässt man das Zentrum, so fällt auf, dass es dort viele militärische Einrichtungen gibt. Etwas weiter sieht man schon den sechs Meter hohen, von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex errichteten Grenzzaun. Es ist die Grenze Europas. Dreifach gesichert, überall sind Kameras und Stacheldraht zu sehen. Über meinen Kopf rast ein Helikopter der Guardia Civil, der spanischen Grenzpolizei. Es ist kaum zu glauben, dass es Menschen schaffen, diesen Zaun zu überwinden.

Im September 2005 kam es zu den ersten Todesfällen während eines Fluchtversuches. Hunderte von afrikanischen Flüchtlingen erstürmten mit selbstgebauten Leitern in der Nacht die Grenze. Das marokkanische Militär war mit der Situation völlig überfordert und schoss in die Menschenmenge. 14 Flüchtlinge aus Westafrika starben. Seitdem kommt es immer wieder zu Vorfällen am “perímetro (fronterizo)”, dem Grenzgebiet.

Es ist Ramadan, der islamische Fastenmonat. Viele marokkanische Grenzbeamte sind nicht im Dienst. Diese Chance nutzen die Flüchtlinge. Sie leben versteckt in den Wäldern des nahegelegenen Gurugú-Berges, ohne Zugang zu Wasser oder Lebensmitteln. Viele von ihnen sind junge Männer, die seit Jahren auf der Flucht sind.

Sie sind gut organisiert und wissen viel über den Grenzzaun – wann und wo es möglich ist, in die Stadt zu gelangen. In der Nacht zum 19. August 2012 passierte das, was viele in Melilla fürchten: 450 Flüchtlinge stürmten die Grenze, man hörte Schüsse und sah das Blaulicht der Guardia Civil.

Nur 60 Migranten, größtenteils aus der Sahel-Zone Zentralafrikas schafften es. Viele von ihnen sind erschöpft von den Strapazen der Nacht und ihre Körper gezeichnet von Schnittwunden des Zauns. Nach der Genfer Flüchtlingskonvention von 1967 hat jeder, unabhängig von seiner Herkunft, das Recht auf Asyl, sobald er europäischen Boden betritt.

Dieses Gesetz wird regelmäßig von der Guardia Civil gebrochen. Immer wieder berichten Flüchtlinge, dass sie direkt nach ihrem Fluchtversuch an die marokkanischen Grenzschutzpolizei übergeben werden, obwohl sie bereits in Melilla waren. Dort haben sie keine Aufenthaltsrechte und keinen Anspruch auf eine medizinische Behandlung.


Das Flüchtlingslager in Melilla, auch genannt C.E.T.I. (Centro de Estancia Temporal de Inmigrantes) wurde für die Aufnahme von maximal 350 Migranten gebaut. Dennoch ist es auf Grund des großen Ansturm völlig überfüllt. Aus Platzmangel schlafen viele von ihnen unter freiem Himmel. Auch gibt es viele Jugendliche, die den langen Weg nach Melilla angetreten und im Centro de Menores untergebracht sind – dem Kinderheim für Flüchtlinge.

Erst vor einigen Jahren baute die Stadt einen Golfplatz direkt vor den Toren des C.E.T.I. – es wirkt, als wolle man den Menschen im Flüchtlingsheim zeigen, wie gut es den Europäern in Melilla geht. Ein Großteil der Bevölkerung Melillas arbeitet im staatlichen Sektor, wie dem Polizei- oder Militärdienst. Als Beamter verdient man aufgrund des extraterritorialen Status ca. 20 Prozent mehr als auf dem Festland, zudem gibt es keine Steuern auf Tabakwaren und Alkohol.

Momentan scheint die Lage aussichtslos für viele Migranten. In Spanien wird krampfhaft versucht, durch einen massiven Sparkurs die wirtschaftliche Situation des Landes auf Vordermann zu bringen. Immer häufiger kommt es zu spontanen Abschiebungen der Migranten durch die spanische Grenzpolizei.

Oft kommen sie nachts in das Flüchtlingsheim, um weniger Aufsehen zu erregen. Nachdem die Flüchtlinge an die marokkanischen Beamten übergeben werden, droht vielen der Abtransport in die Grenzregionen des Landes inmitten der Sahara. Aus Angst vor Abschiebung schlafen viele außerhalb des Flüchtlingsheims im Freien.

Erst kürzlich wurde bekannt, dass Frontex damit begonnen hat einen weiteren Grenzzaun zu errichten. Dieser wird gerade in der Nähe des Evros gebaut, dem Grenzfluss zwischen Griechenland und der Türkei. Dort kommen ca. 80 Prozent der illegalen Einwanderer nach Europa. Auch dort werden die Kameras, bewaffneten Grenzbeamten und der Stacheldraht zu sehen sein, aber das eigentliche Probleme wird auch dort nicht gelöst werden können.

Ganz gleich wie hoch, gesichert und bewacht die Grenze ist, den Willen der Menschen, die täglich ihr Leben für eine bessere Zukunft auf’s Spiel setzen, wird sie nicht stoppen können. Denn zu verlieren haben sie nichts mehr.

Weitere Informationen findet Ihr auf dem Blog (Spanisch) von José Palazón Osma, dem Präsidenten der Menschenrechtsorganisation Prodein in Melilla.

  • Sigma Banner

18 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

  1. … mir fehlen Bilder. Du schreibst von unter freiem Himmel Schlafenden wegen des Platzmangels, von viel Sicherheitsmassnahmen und Sicherheitskräften, einem Kinderheim, von unglaublichen Umständen um den Gurugú … Ich weiss, es ist sehr, sehr schwer und fixer für ein solches Unterfangen zu finden dürfte auch kein Zuckerschlecken sein ; aber es hätte den Unterschied gemacht zwischen ‘ordentlich geschrieben’ und ‘richtig gut gemacht’.
    Mes 10 Centimes.

    • Man kann eben nicht in jeder Situation alles fotografieren. Manchmal sollte man die Kamera auch einfach unten lassen.
      Vielen Dank für diesen tollen Bericht. Wirklich sehr bewegend.
      Auch wenn dein Musikgeschmack abscheulich ist ;-)
      Die Toten Hosen haben auch mal ein Lied drüber gemacht. Es heißt “Europa”.

      Die wenigen Flüchtlinge die es schaffen nach Eurpa reinzukommen werden hier in überfüllte, Menschenunwürdige Sammellager gesteckt. bekommen nur Gutscheine zum Einkauf und dürfen den Landkreis nicht verlassen. Teilweise werden sie sofort wieder abgeschoben. Andere bekommen einen unsicheren Duldungsstatus, den sie teilweise alle drei Tage erneuern müssen. Fast keiner von ihnen darf arbeiten – aber bleiben dürfen sie nur mit Arbeit.
      Dazu kommen Angriffe und Diskriminierungen von Nazis (Allein im letzten Monat 3 Angriffe auf Flüchtlingsheime in Deutschland). Aber auch der strukturelle Rassismus der Behörden und der deutschen Gesellschaft macht ihnen zu schaffen.

      Über dieses Thema gäbe es noch so viel mehr zu berichten.

      Vielen Dank Martin, dass du diesen Bericht geschrieben hast.

  2. Ich finde es immer etwas verlogen zu behaupten (oder suggerieren) die häufigste Ursache für Migration wären Naturkatastrophen, politische Verfolgung oder Kriege. Das ist schlicht falsch. Die meisten Migranten fliehen vor Armut. So lange es auf der Welt gravierende Wohlstandsgefälle zwischen Ländern gibt, wird es auch Migration geben.

  3. Von den Bildern her hätte man sicherlich mehr daraus machen können. Aber ob man das muss, ist eine andere Sache. Was man sicherlich hätte machen dürfen, ist die menschenrechtswidrige Rolle von Frontex und hunderten ertrunkenen oder verdursteten Flüchtlingen im Mittelmeer kurz anzusprechen. Oder etwas Kritik an der Festung Europa zu äußern. Es ist schade, wenn Reportage bei ‘hier sind die Bilder’ stehen bleibt. Allerdings find ich es gut, dass ihr euch der Thematik gewidmet habt und vor sowas nicht ‘zurückschreckt’.

    • Wenn man nur die Bilder betrachtet, sieht man normal gekleidete Leute. Einer am Kiffen, einer eine Wunde am Bein und einige sehen aus wie hier die Wartenden beim Arbeitsamt. Ganz ohne den – übrigens gar nicht mal unknapp populistischen – Text, sehen die Typen nicht wirklich so aus, als würden sie ohne meine Aufmerksamkeit Probleme auf welchem weiteren Weg auch immer haben. Insofern passen die (guten) Bilder eher zu einer anderen, eher weniger traurigen Geschichte. Ist zumindest meine Meinung.

  4. Ich finde das Thema des Essays sehr interessant. Bin aber auch wie Hauke der Meinung, dass die Dramatik der Situation aus der Bildern nicht ganz ersichtlich wird.
    Gut ist, dass der Autor seinen Bericht richtigerweise als Essay und nicht als Reportage bezeichnet, denn mit dem zweiten Absatz wird klar, dass die notwendige Neutralitaet, welche fuer Letztere notwendig waere, hier fehlt.

  5. Man kann ja generell die Frage aufwerfen, ob Inhalte dieser Art ein Thema für ein Fotomagazin sind. –
    Wichtig ist, dass darüber informiert wird und dass darüber auch mit Bildern berichtet wird. Immer und immer wieder. Und es müssen auch nicht immer die “schlimmen” Bilder sein: Der adrette Golfer inmitten von Zaunanlagen bringt es auch.
    Danke für den Artikel

  6. Interessante Sichtweise! Nur das die Grenze nicht die Ursache des Problems ist, sondern einfach das extreme Wohlstandsgefälle.

    Den Flüchtlingen Zuflucht zu gewähren ist meiner Meinung nach der falsche Weg. Und das schreibe ich nicht, weil ich ein Rassist bin, sondern weil ich es einfach nicht richtig finde, dass Menschen ihre Heimat verlassen. Gerade gebildete Menschen wie Ärzte oder wichtige Arbeiter oder generell junge Menschen verlassen den Kontinent und das schadet den Menschen, die nicht flüchten können und es schadet auch den afrikanischen Ländern, die dadurch keine funktionierende Gesellschaft aufbauen können. Eine offene Grenze und damit ein Migrationsanreiz verschlimmert meiner Meinung nach das Wohlstandsgefälle und man macht es sich zu einfach, wenn man das als Lösung des Problems sieht (was ich aber nicht unterstellen möchte).

    • Ja, du hast recht. Die Lösung des Problems wäre Kapitalismus abschaffen. Aber solange dieses Ziel noch nicht eingetroffen ist freue ich mich über jeden Flüchtling der/die es über die Grenzen schafft. In meiner Stadt zuhause gibt es Initiativen an denen man sich beteiligen kann. Diese helfen Flüchtlingen hierher zu kommen. Hier bleiben zu können und ein halbwegs würdiges Leben zu führen. Oftmals ist das Legal (Behördengänge etc.), teilweise aber auch illegal (Verstecken etc.) oder etwas dazwischen (Essengutscheine in echtes Geld umtauschen…)

      Schön, dass es hier bisher keine rassistischen Kommentare gab (oder diese nicht freigeschaltet wurden). Eine sehr angeneme Atmosphere hier.
      Macht weiter so.

    • Naja, das Problem heißt Kapitalismus. Das wird noch immer von vielen als linker Kampfbegriff abgetan, aber… so isses. Unser Wohlstand basiert auf der Ausbeutung anderer und ich verzichte lieber auf einen Teil von diesem, als dass ich Wirtschaftsflüchtlinge (was allerdings auch nur einen Teil ausmacht) in ein Leben in Elend ausweise.

  7. Passend zur aktuellen Sinti- und Roma-Lage bzw. zur Zeit neuer “Flüchtlingsströme”, die angeblich über Deutschland “hereinbrechen” sollen (wenn auch natürlich etwas dramatischer). Schön!

    Ich finde diese Serie (im Gegensatz zu den meisten anderen) überaus gelungen! Wie bereits gesagt wurde: Man muss nicht alles zeigen, der Text ist dafür ja um so deutlicher.
    Diese “scheinheiligen” Fotos, die (vordergründigen) “Schön-Wetter-Aufnahmen”, die sich aber erst bei genauerem Betrachten als brutal erweisen, mag ich sehr! Das Landschaftsbild am Ende ist der Hammer!
    Es ist dieser eben der KOntrast zwischen auf den ersten Blick harmlosen Fotos und der harten Kost des Textes, die mich reizt. Diese Bild-Text-Kombination funktioniert! Danke!

    Bitte mehr Reportage/Doku bei Kwerfeldein!!!

  8. Ich kann dazu nur wärmstens das Buch “Bilal: Als Illegaler auf dem Weg nach Europa” des grosartigen Italienisch Enthüllungsjournalisten Fabrizio Gatti empfehlen. Unter anderem schleuste er sich in das berüchtigte Flüchtlingslager auf Lampedusa ein und durchquerte auf der Sklavenroute die Sahara.

  9. Gerade nach längeren Betrachten der Bilder 2und 3 muß ich sagen, ganz stark. Genau hier sieht man förmlich “the Distance between us”.
    Die Distanz zwischen Armut und Reichtum, zwischen Elend und der Suche nach dem Glück, zwischen Unsicherheit und Hoffnung aber auch zwischen Arroganz und Hilflosigkeit.
    Für mich braucht es da gar keinen dramatischen Bilder, die Distanz zwischen Fotograf und
    Portraitierten bringt es für mich auf den Punkt.

  10. Blogartikel dazu: browserFruits April #4 - kwerfeldein - Fotografie Magazin