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03. September 2012 Lesezeit ~ 8 Minuten

Die Antwort ist: Inspiration

Als ein Kunstschaffender werde ich oft gefragt: Woher hast Du so verrückte Ideen? Wie findest Du die Leute, die da mitmachen? Wo findest Du die Zeit und die Energie dafür? Die Antwort ist nur ein einziges Wort: Inspiration.

Inspiration ist von höchster Bedeutung, denn ohne sie können wir nichts kreieren. Es ist der Impuls, der eine Idee in Gang bringt. Der Ausgangspunkt, bevor man überhaupt zur Kamera greift. Offen für Inspiration sein, heißt, morgens aufzuwachen und die Aufregung zu fühlen, überhaupt zu leben. Die Welt als ein Ort zu sehen, der voll ist mit unendlichen Gelegenheiten und auch die Energie und den Schwung zu haben, ihnen zu folgen. Inspiriert sein ist wie verliebt sein – es bewegt und verändert Dich.


„The Agonist“ – Hinter den Kulissen, mit Video (Englisch).

Bevor ich weitermache, erlaubt mir, mich kurz vorstellen. Ich bin ein 25-jähriger, autodidaktischer Fotograf, der nach einer Trennung im November 2007 sehr spontan in die Fotografie eintauchte. Zu dieser Zeit arbeitete ich in einer Goldmine in den öden Wüsten von Winnemucca, Nevada und beschloss, dass es eine hervorragende Ablenkung wäre, Fotos vom wunderschönen Nachthimmel zu machen. Die Reise begann mit einer Fahrt zum Wal-Mart.

Vor Kurzem kündigte ich meinen Job als Mineningenieur, um meiner Leidenschaft nachzugehen. Ich würde mich selbst nicht als Experten bezeichnen, deshalb ist das, was nun folgt, viel mehr eine Meinung. Trotzdem ist es meine große Hoffnung, dass diese Worte Dir helfen werden, Deine eigenen Wünsche anzuregen und zu inspirieren.

Was, wenn ich nicht inspiriert bin?

Die Antwort scheint einfach zu sein: Werde inspiriert.

Die Wahrheit ist, dass niemand ständig inspiriert ist. Nicht ich und wahrscheinlich auch nicht die Künstler, zu denen Du aufsiehst und die geniale Meisterwerke anfertigen. Leidenschaftliche Menschen sind sogar besonders verflucht, da ihre Wellen von Hochs und Tiefs stärker als gewöhnlich schwanken. Das berauschende Hoch, das man von ständigem Kreieren bekommt, führt zu einem gewaltigen Tief oder Enttäuschung, wenn das letzte Projekt nicht den eigenen Erwartungen entspricht.

Was die Künstler, die aus der Masse herausstechen von denen unterscheidet, die untergehen, ist, dass sie ihre verfügbare Zeit verwalten, weiterhin kreieren und inspiriert werden – allen Widrigkeiten zum Trotz.

Wie wird man inspiriert?

Jeder hat seinen oder ihren eigenen Weg, inspiriert zu werden. Ich persönlich denke, dass der beste Weg, inspiriert zu werden ist, das Leben zu leben. Geh raus, triff neue Leute und hör zu. Jeder hat eine einzigartige Geschichte und in den meisten Fällen lösen diese Erzählungen Emotionen aus, die Dich inspirieren können.

Zum Beispiel zeigt das nächste Bild das Ergebnis eines Treffens mit einem Fan auf einen Kaffee und einer Brainstorming-Sitzung. Während wir gequatscht haben, hat sie sich mir langsam geöffnet und sichtbar wurde eine Bürde von Schmerz und Traurigkeit, hervorgerufen durch den Tod geliebter Menschen.

Diese bloße Emotion verwandelte sich in ein Konzept, das zu einem Fotoshooting wurde. Es wäre für mich unmöglich gewesen, diese Idee allein zu entdecken. Ich habe auch nie ihre Erfahrungen gefühlt, denn sie war eine Fremde. Trotzdem, indem ich es darauf ankommen ließ und ihr zuhörte, konnte ich sie auf eine kreative Weise festhalten.


Kollaboration mit Chester Van Bommel via artsome.be

Alternativ kann der nach innen gerichtete Blick ebenso überraschende Ergebnisse liefern. Emotionen waren für mich immer eine großartige Muse für Kreativität. Ein gebrochenes Herz war insbesondere immer eine erstaunliche Quelle für Neues. Ich vermute, es kämpft gegen meine Ablehnung, durch ein Ende gelähmt zu werden, an. Also schiebe ich mich in die entgegengesetzte Richtung und nehme es als einen Neuanfang an.

Es ist nicht einfach, aber wenn Du Dich dazu zwingst, morgens aufzustehen und Dich darauf zu konzentrieren, Deine Gefühle in Kunst umzuwandeln, dann wirst Du überrascht sein von den Dingen, die du kreieren kannst. Es ist sinnlos, Dich an etwas festzuhalten, was Du nicht ändern kannst.

Während es absolut fantastisch für die Kreativität sein kann, sich in diesem Zustand zu befinden, willst Du vermutlich nicht den Rest Deines Lebens mit einem gebrochenen Herzen verbringen. Der Schlüssel, denke ich, ist es, zu lernen, wie Du den gleichen Kreativitätsausbruch haben kannst, während Du in einem Zustand von Glück und Frieden bist.

Wie auch immer Dein spezieller Fall geartet sein mag und wie wenig Du vielleicht an Dich selbst glaubst: In Dir selbst liegt der Schlüssel, um Deine Inspiration freizusetzen. Du musst nur danach suchen.


„Water Demons“ – Hinter den Kulissen, mit Video (Englisch).

Immer noch nicht inspiriert?

Beginne damit, Dich mit leidenschaftlichen Menschen zu umgeben.

Es gibt da etwas unglaublich Ansteckendes an Personen, die für das brennen, was sie tun. Finde Leute, die schonungslos danach streben, Sachen zu machen und ihre Ziele zu erreichen, denn ihr Antrieb und ihre Hingabe, durchzuhalten, wird auf Dich abfärben.

Kürzlich habe ich ein Crowd-Funding für eine Reise quer durch Europa gemacht und hatte dort die Chance, einige von diesen sehr leidenschaftlichen Individuen zu treffen. Bei einem Stopp habe ich ein Shooting für Dave Reynolds, dem Regisseur von The Underwarter Realm, organisiert.

Im Alter von 26 Jahren hat Dave nicht nur eine ganze Crew um sich versammelt, um ohne Bezahlung eine Serie von Unterwasser-Kurzfilmen zu drehen, über 100.000$ für sein Projekt gesammelt, sondern hat auch neues Equipment und Techniken entwickelt, um den ganzen Prozess von Unterwasseraufnahmen zu vereinfachen.


„The Underwater Realm“ – Hinter den Kulissen (Englisch).

Ein anderer großer Moment war das Treffen mit Andrey DAS, einem der Pioniere des Feuerspuckens in Paris, Frankreich. Er hat die letzten neun Jahre seines Lebens damit verbracht, eine Gemeinschaft von Pyrotechnikern aufzubauen, neue Spucktechniken zu entwickeln und sie vollkommen unentgeltlich mit den Leuten um sich herum zu teilen.

Beide Künstler finden Inspiration in der Kunst. Sie haben einen angeborenen Trieb, die vorhandenen Möglichkeiten auszuloten, ihre Grenzen zu überschreiten und ihre Talente voll auszuschöpfen. Konzepte und Ideen gedeihen in Teams und solche, die zu träumen wagen, können uns helfen, unsere Träume wahr zu machen.


„Epic Pyrotechnician“ – Hinter den Kulissen, mit Video (Englisch).

Alles klar, kapiert! Ich habe die brillianteste Idee überhaupt. Und nun?

Überzeuge die Leute, die bei Deinem Projekt mitmachen sollen davon, dass Deine Idee unbestreitbar die brillianteste Idee überhaupt ist! Ein paar Tipps, die Dir auf dem Weg dahin helfen können:

  • Glaube an Dein Projekt. Leute springen auf diese Leidenschaft auf und fahren mit. Wenn Deine Augen vor Enthusiasmus und Zuversicht, dass es das Projekt des Jahres ist, glänzen, werden Leute davon mitgerissen. Wenn Du vom Erfolg Deines Projektes überzeugt bist, zeige es.

  • Zeige eine gute Erfolgsgeschichte. Stelle vergangene Projekte aus, die zu guten Ergebnissen geführt haben. Es macht nichts, wenn sie etwas unzusammenhängend sind; Leute suchen nach Belegen dafür, dass Du ihre Zeit nicht verschwenden wirst. Wenn Du erst anfängst und noch nicht viel zu zeigen hast, dann zieh in Betracht, klein anzufangen. Bau Dir Deine Erfolgsgeschichte erst auf.

  • „The Ballerinas of Bratislava“ – Hinter den Kulissen, mit Video (Englisch).

  • Mach es über sie. Während Dein Projekt natürlich fantastisch sein mag, werden Leute wissen wollen, was für sie dabei drin ist. In kreativer Zusammenarbeit geben Dir Leute ihre Zeit und ihr Talent und werden dafür etwas im Gegenzug erwarten. Was auch immer Du ihnen anbietest – sei es eine einmalige Erfahrung oder ein Stück für ihr Portfolio – stelle sicher, dass Du betonst, was sie für ihr Engagement bekommen.

  • Delegiere. Es kann überwältigend sein, wenn man zu viele Einzelteile zusammenhalten muss. Versuche, Verantwortung aufzuteilen und gib Leuten zusätzliche Aufgaben, um Dir beim Projekt zu helfen. Das wird nicht nur Deine eigenes Arbeitspensum erleichtern, sondern auch dazu führen, dass die Leute sich eingebunden und anerkannt fühlen.

  • Bleib dran. Auch, wenn Leute wegen Deines Projektes enthusiastisch werden, musst Du Dich daran erinnern, dass Du derjenige bist, der das ganze Ding zusammenhält. Sorge dafür, dass Du bei Deinen Künstlerkollegen nachhakst, damit Du sicher sein kannst, dass sie immer noch dabei sind. Es ist Deine Aufgabe, die Aufgeregtheit aufrecht zu erhalten. Lass sie an der Entwicklung teilhaben, um den Schwung am Leben zu erhalten.


„Epic Medieval“ – Hinter den Kulissen, mit Video (Englisch).

Ein paar letzte Worte…

Ich hoffe, dass meine Worte Dich inspirieren werden. Ich denke, dass der Schlüssel, um etwas anzufangen einfach ist, es anzufangen. Menschen haben die Angewohnheit, Dinge „später“ zu tun und dann werden sie nie getan. Wenn Du eine Idee im Kopf hast, gib Dir selbst eine Deadline und setze sie um.

Mach Dir keine Sorgen darum, es sofort perfekt zu machen – Du wirst Fehler machen, garantiert! Du wirst auch an irgendeinem Punkt scheitern, also akzeptiere diese Realität und versuch es trotzdem. Was auch immer Du in Deinem Leben erreichen willst: Fang heute damit an. Warte nicht, bis Du alt bist und Dein Leben eine Serie von „Hätte ich doch“s wird.

Benjamin von Wong hat diesen Artikel auf Englisch verfasst, Aileen hat ihn für Euch auf Deutsch übersetzt.

~

Wem bei all diesen technisch aufwändigen und ausgefeilten Fotos nun eben jene technische Seite fehlt, dem sei von Wongs Blog wärmstens ans Herz gelegt. Dort gibt es tonnenweise Blicke hinter die Kulissen sowie Informationen zum verwendeten Equipment, Lichtaufbau und vielem mehr. Und viele Videos wie dieses hier:

  • Sigma Banner

20 Kommentare

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  1. Große Klasse! Seine Worte sprechen mir aus der Seele! Vorallem der Part mit dem “Ein gebrochenes Herz war insbesondere immer eine erstaunliche Quelle für Neues.” trifft sehr gut zu.

    Hut ab. Klasse Bilder und klasse Charakter hat dieser Herr!

  2. wow. Bewundernswerter junger Mann! Er hat viel Risiko auf sich genommen um sein Leben zu leben wie er es sich erträumt hat. Und es hat geklappt, das gibt ihm recht.
    Allerdings schreibt es sich sehr einfach “lebe dein Leben etc.”. Dabei darf man nicht vergessen, dass viele die versucht haben ihre Träume zu leben gewaltig auf die Fresse geflogen sind (entschuldigt die Ausdrucksweise). Es gehört gewaltig Mut dazu, aus seinem alltäglichen Leben auszubrechen und danach zu streben wovon man träumt. In unserer heutigen Gesellschaft sind die Voraussetzungen dafür meiner Meinung nach leider ungeeignet.
    Man darf einfach nicht vergessen, dass es auch sehr viele “Sicherheitsmenschen” gibt, ich meine also Menschen, die sich durch einen “vernünftigen” Job finanziell absichern wollen, Träume in die Freizeit verlegen oder gar träume Träume sein lassen.
    Naja, das sind alles Lebensfragen über die man sich ewig unterhalten könnte. Ich glaube ich bin eher so ein “Sicherheitsmensch”. Vielleicht bereue ich das im Alter, aber trotz dem einen oder anderen “Ausbruchsgedanken” bin ich so glücklich. Das eine muss das andere also nicht ausschließen.

    Lg, Jonas

  3. Salut !

    Erstmal möchte ich AILEEN für die Übersetzung ins Deutsche danken.

    AILEEN 1000xBEDANK BEI DIR ! ! !

    Nach dem Lesen des Artikel und dem daraus resultierenden OFFENEN MUND bin ich doch direkt auf BENJAMIN VON WONGs Site/HP geschlichen und . . . und wurde nicht ENTTÄUSCHT.

    DieOberGeileVollfetteKrassheit – I’m very, very impressed by his work !

    ___ ! WOW ! THUMBS UP ! HIGH 5 ! ___

    REINSCHAUEN, ES LOHNT – euer lichtbildwerfer

  4. Tolle Bilder und toller Artikel. Aber eins möchte ich noch sagen: ich glaube nicht, dass es jedem gegeben ist, sich inspirieren zu lassen, auch nicht wenn er sich mit interessanten Menschen und Dingen umgibt. Diese Fülle an Ideen, die aus diesem Artikel heraussprudeln, kommt dadurch zustande, dass Benjamin von Wong ein großes Talent hat, das die meisten sowieso nicht erreichen. Trotzdem können auch Nicht-Kreative gute Fotografen sein – auf ihrem Gebiet. Ich kenne Fotografen, die minutiös Tiere fotografieren, indem sie sich auf die Lauer legen und warten. Das fotografische Handwerk behersschen sie, haben aber nicht die “Bohne” an Phantasie. Das ist keine Kritik and Tier- und Landschaftsfotografen, jedem das seine, aber es gibt nun mal unterschiedliche Begabungen und da hilft es auch nicht, sich ein inspirierendes Umfeld zu verschaffen.

    • Ich teile deine Meinung, denn Freier Wille ist trivial, Benjamin Wong kann nicht anders.
      Ob unser Wille nun wirklich frei ist oder nicht, ändern würde die Erkenntnis nichts.

      Ich persönlich halte den wahren freien Willen für undenkbar. Unser Gehirn reagiert nur auf Informationen, die es bekommt. Es ist mehr eine Art antrainiertes Verhalten was aus Erfahrung und Erlebnissen zurückzuführen ist. Ein freier Wille, welcher unbeinflusst in der Lage ist unabhängige Entscheidungen zu fällen, das hört sich für mich nach einem Wunschdenken des Menschen an.

      Wir, die Menschen, leben nun schon seit Ewigkeiten mit unserer Art und Weise des denkens und kommen damit gut aus. Die Freiheit von diesem Willen ist doch unerheblich, es würde nichts an unseren Fähigkeiten ändern.
      Wir bewegen uns mit unseren Beinen fort, aber wir fangen doch nicht an anders zu gehen, nur weil wir wissen, wie unser Bein im Detail funktioniert?

      Der Mensch will eine Entscheidung fällen, doch die Würfel sind längst gefallen: Forscher haben anhand der Hirnaktivitäten sieben Sekunden vor der vermeintlich bewussten Wahl vorhergesagt, wofür sich ein Mensch entschieden hat. Ist der freie Wille nur eine Illusion?

      • Hey Nina, thank you for your input! I’m relying on a translation here so I’m going to try my best to comment back!

        I think that even the landscape and wildlife photographers have to be inspired to create the work that they do.

        It takes passion and love for nature to wake up at 4 in the morning and hike up a mountain to be at the perfect place at the perfect time. Perhaps because the mountains inspire a moment of peace, of tranquility.

        It takes more than just talent to capture that perfect moment where the mother of a baby gorilla tenderly cups the head of her child. Perhaps days of laying in wait, thousands of shots later to get that one perfect shot… because they feel inspired by the beasts that they surround themselves with.

        Those that will immerse themselves in an environment to produce beautiful work don’t get nice shots simply because they are good photographers. It is because they feel inspired by them, passionate for them. It is a different type of creativity :)

        Sebastian,

        We definitely cannot change who we are, but we can make the best out of who we happen to be. We do have the choice to push ourselves in various directions within those constraints. A dog will always be a dog but can be trained to be either vicious or docile… to a certain extent. We are the same :)

    • Hey Nina, thank you for your input! I’m relying on a translation here so I’m going to try my best to comment back!

      I think that even the landscape and wildlife photographers have to be inspired to create the work that they do.

      It takes passion and love for nature to wake up at 4 in the morning and hike up a mountain to be at the perfect place at the perfect time. Perhaps because the mountains inspire a moment of peace, of tranquility.

      It takes more than just talent to capture that perfect moment where the mother of a baby gorilla tenderly cups the head of her child. Perhaps days of laying in wait, thousands of shots later to get that one perfect shot… because they feel inspired by the beasts that they surround themselves with.

      Those that will immerse themselves in an environment to produce beautiful work don’t get nice shots simply because they are good photographers. It is because they feel inspired by them, passionate for them. It is a different type of creativity :)

  5. “Was auch immer Du in Deinem Leben erreichen willst: Fang heute damit an. Warte nicht, bis Du alt bist und Dein Leben eine Serie von „Hätte ich doch“s wird.”

    Genau das ist meine rede …

    Super Artikel und spitzen Fotos. Danke fürs zeigen.

  6. Blogartikel dazu: Inspiration: An Interview with Von Wong by Von Wong | Fstoppers

  7. Blogartikel dazu: browserFruits September #3 - kwerfeldein - Fotografie Magazin

  8. Blogartikel dazu: Past the end of the world, into 2013 | Benjamin "Von Wong" | Montreal Photographer