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30. April 2012 Lesezeit ~ 4 Minuten

Die fünf besten Bilder, die ich nie gemacht habe

Neben meinen konzeptionellen Arbeiten, in die ich lange Zeit für die Planung und Umsetzung investiere, genieße ich es, gelegentlich spontan und ohne Vorbereitung zu fotografieren. Dazu füttere ich dann ein oder zwei meiner Kleinbildmaschinchen mit Filmfeinkost und gehe auf der Straße auf Momentejagd.

Stets gilt es dann, den Geist anzuspitzen für subtile Außerordentlichkeiten, ungewöhnliche Bewegungsabläufe und bizarre Szenen. Es passiert natürlich auch gern mal, dass ein perfekter Moment einfach frech an einem vorbeizieht.

Um solch einen Moment einzufangen, muss man vorausahnen, was gleich passieren könnte. Immer dann, wenn man ein Bild sieht, ist es eigentlich schon zu spät, um es noch rechtzeitig festzuhalten.

Und genau darum soll es hier nun gehen. Es handelt sich um eine kleine Auswahl an Bildern, die mir in der Erinnerung geblieben sind und die ich versuchen werde in Worte zu fassen – die fünf besten Bilder, die ich nie gemacht habe.

# 1

Hinter den Pappeln die Bahngleise. Ich laufe durch eine Gartensparte. Grienende Gartenzwerge, geordnetes Gebüsch und akkurat beschnittenes Blattwerk säumen meinen Weg. Ein sommerlich leicht bekleidetes älteres Pärchen spaziert mir mit seinem kleinen Enkel vermutlich auf dem Weg zur Laube entgegen. Die Vögel zwitschern grün von den Obstbäumen. Die Szene ist friedlich.

Plötzlich ein gutturaler Fluch aus der Sparte rechts vor mir, einhergehend mit einem gequetschten Fauchen. Sekundenbruchteile später fliegt eine Perserkatze in hohem Bogen über die Begrenzungshecke des Grundstückes. Der Enkel ruft aufgebracht: “Schau mal Opa, eine fliegende Katze!”

Ich bin selbst so überrascht, dass ich nur glotzen und kichern kann. Das war nun wirkich kein Moment, den ich hätte vorausahnen können.

# 2

Morgens in Berlin. Ich laufe durch den Kiez. Von den Häusern bröckelt der Putz, aus dem Gehweg blutet gleichgültige Alltäglichkeit und kriecht langsam in die Gosse. Ich biege scharf um eine Hausecke und vor mir steht mit dem Rücken zu mir ein Mann in blauen Arbeitshosen.

Im Erdgeschoss des Hauses vor uns legt ein schwarzer Schäferhundmischling seine Vorderpfoten auf die Brüstung und lässt, die aufgerichteten Ohren voran, seinen Kopf aus der Loggia wachsen. Der Hund bellt, der Mann zuckt zusammen, ich nestle nach meiner Kamera und bin eine halbe Sekunde zu langsam. Der Hund bellt noch einmal pflichtbewusst, bevor er nach drinnen zu seinen Häppchen verschwindet.

# 3

Sommer in Berlin, wieder Kiez. Das Kopfsteinpflaster dampft. Ich laufe die Straße hinunter. Eine Kreuzung weiter haben sie gerade die Straße aufgerissen. Ein Bagger schaufelt emsig eine Grube, wo sonst Anlieger parken.

Das Baufahrzeug schwingt soeben eine Portion Sand auf den Gehweg, als ein Mann mit seinem Spitz vorbeispaziert. Der Spitz erschreckt sich und bellt schrill nach dem Bagger. Das Gerät trägt die Aufschrift CAT.

Und meine Kamera baumelt träge am Handgelenk. Mist.

# 4

Hochsaison im Tiergarten. Auf dem Mittelstreifen der Straße des 17. Juni stehen fünf Teilnehmer einer vermutlich koreanischen Reisegruppe in Reihe hintereinander. Sie stehen ob der Höhe ihres Fotomotivs – der Siegessäule – mit dem Oberkörper gleichermaßen leicht nach hinten gebeugt in etwa gleichem Abstand zueinander und geben in dieser Formation ein vortreffliches Motiv ab.

Wäre ich nicht im Auto vorbeigefahren, würde es dieses Bild jetzt geben. Die beste Geschwindigkeit zum Fotografieren ist eben die Schrittgeschwindigkeit.

# 5

Frühling in Sizilien. Es ist Abend. In Syrakus werden die Bürgersteige nacheinander hochgeklappt. Eine Verkäuferin steht vor ihrem Juweliergeschäft. Mit der linken Hand hält sie ihr Mobiltelefon am Ohr und tauscht Neuigkeiten über die Nachbarschaft aus.

Auf der rechten Handfläche balanciert sie unbewusst theatralisch eine Flasche Fensterputzmittel, während zwischen Zeige- und Mittelfinger lässig ihre zur Hälfte aufgerauchte Feierabendzigarette klemmt. Ihre Worte untermalend gestikuliert sie leicht.

Ehe ich das Bild in seiner Komplexität erfassen kann, bin ich für den Bildausschnitt meines 50mm-Objektivs schon viel zu nah dran. Ich laufe vorbei und überlege, ob ich kurz umkehren soll, um noch einmal an ihr vorbei zu laufen. Aber nein, das ist dann doch zu albern. Der Moment ist ohnehin passé.

~

Bei all diesen Bildern handelt es sich um unwiederbringliche Augenblicke, gleichermaßen aber auch um Klischees, denn Sehen ist Urteilen. Wenn man ein Bild sieht, so befindet man sich doch immer in einem Zustand des Beurteilens. Was sehe ich, was halte ich davon und wie setze ich mich selbst dazu in Beziehung?

Wie kann ich die Elemente, die ich sehe, angemessen in einen rechteckigen Rahmen hineinkomponieren? Bewusst ein Foto zu machen, heißt, eine immense Menge an Entscheidungen zugleich zu treffen. Je schneller man sich entscheidet, desto mehr Erfolg hat man bei der Momentejagd auf der Straße.

Optimal wäre natürlich, wenn man sich schon entschieden haben könnte, bevor man ein potentielles Bild überhaupt sieht. Aber das ist wohl eher etwas für Fortgeschrittene …

Nun, es gilt jedenfalls, ob der Verluste gelassen zu bleiben und zu üben, üben, üben. Glücklicherweise vermag auch ein nicht gemachtes gutes Bild in Erinnerung zu bleiben und – wer weiß – vielleicht lässt sich ja mal ein Artikel darüber schreiben …

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19 Kommentare

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  1. Sehr interessanter Artikel. Es passiert mir auch wirklich häufig, dass ich gerade die richtig guten Bilder verpasse. Da ärgert man sich doch immer und mittlerweile schleppe ich überall meine Kamera mit hin zur Sicherheit. Aber manchmal muss man eben auch schnell sein.

    Mein bestes Bild, das ich nie schießen werde:
    Rom, Piazza del Populo.
    Ein als Gladiator verkleideter Römer lehnt an einem sehr schicken Mofa, stützt sich auf seinem Schwert ab und unterhält sich mit dem Fahrer in Lederjacken-style. Als ich gerade abdrücken will, bemerken sie mich und die Situation ist vorbei. Tragisch.

    Liebe Grüße
    aotearoa
    http://www.welten-bummler.blogspot.com

  2. Das beste an diesem Artikel ist die wundervoll bildhafte Sprache, die das erlebte lebendig werden lassen. Da braucht man keine Bilder :-)
    “aus dem Gehweg blutet gleichgültige Alltäglichkeit” – grandios.

  3. Dein Schreibstil ist unbeschreiblich schön. Bist Du Dir sicher, dass Du Fotograf bist und nicht doch eher Autor? Naja, man kann ja auch viele Talente haben… und sie kombinieren? Reiseerlebnisse… Geschichten und Fotos von Straßenbegegnungen… Illustration von Kurzgeschichten durch Fotos… Kunstkritiker (obwohl – die schreiben nicht schön, sondern nur abgehoben)… Dir auf jedenfall viel Spaß im Leben! Ist bestimmt aufregend, wenn man so einen schönen Blick auf die Welt hat!

  4. Traurig, dass es mit #3 nicht geklappt hat. Das wäre sicher ein tolles Bild geworden.

    Mein schlimmster verpasster Moment aller Zeiten war vor etwa 10 Jahren. Ich war damals in Russland beruflich tätig und streifte oft durch Moskau. So kam ich eines Morgens bei Fotoaufnahmen für eine Hochzeit vorbei.
    Das Paar stand am Ufer des Moskva-Flusses und der Fotograf dirigierte sie in kleinen Schritten weiter weg von sich… bis plötzlich der Absatz des rechten Schuhes der Braut über die Kante der Ufereinfassung hinausgeraten war.
    Sie versuchte sich noch an ihrem Bräutigam festzuhalten, riss aber auch ihn mit ins Wasser (was nur recht schmutzig ist, aber nicht tief oder reißend).
    Der Gesichtausdruck im Moment des Fallens ist unvergesslich. Ich wünschte, ich hätte meine Kamera in diesem Moment auf sie gerichtet gehabt.

    Viele Grüße,
    Günter
    http://www.fotobuchgutschein365.de

  5. hallo zusammen,

    am schönsten daran ist es doch, daß einem gerade diese Bilder viel stärker in Erinnerung bleiben als die anderen die man oft hat, niemals wieder ansieht und auch vergisst.

    Die verpassten Motive wecken die Sehnsucht und schaffen den Antrieb weiter nach dem “perfekten” Bild zu suchen.

    Und oftmals bleibt das Gefühl, so geht es mir zumindest, man hätte immer nur das zweitbeste Bild erwischt, den perfekten Moment jedoch verpasst.

    Liebe Grüße

    Thomas Wilden
    Koblenz

  6. “aus dem Gehweg blutet gleichgültige Alltäglichkeit und kriecht langsam in die Gosse”

    Ups… das ist schon heftig im Stil. Ich habe noch nie auf den Straßen von Berlin an Blut gedacht, außer im Geschichtsunterricht (1848, 1918 usw.). Echt mal, und so genannte “Gossen” in Berlin gibt es auch nicht mehr… Frage mich, wo Du da unterwegs warst :-(

    LG aus Berlin Jörg

    P.S.: Die Gosse ist ursprünglich die gemauerte, gemuldete Abwasserrinne in der Straßenmitte von mittelalterlichen Städten. Mittels der Gosse wurden alle Formen von Abwasser aus der Stadt herausgespült. Diese Abwasser verursachten Geruchsbelästigungen. Mit dem Aufkommen von unterirdischen Kanalisationen (Anfang des 20. Jahrhunderts) wurden die Gossen entfernt.