fadetoblack
29. März 2012 Lesezeit ~ 4 Minuten

Das perfekte Portrait

Ursprünglich hatte ich die Idee, Besucher am Abend der Eröffnung einer Solo-Ausstellung zu fotografieren, mich dann in eine eigens vor Ort eingerichtete Dunkelkammer zurückzuziehen, um den Film sofort zu entwickeln und Handabzüge anzufertigen, die ich dann nass an die Wände der Galerie hängen würde.

Ich malte mir aus, wie lustig verstört der ein oder andere Besucher wohl schauen würde, wenn er nach Einstimmung, Sekt und vielleicht musikalischer Begleitung feststellen würde, dass unter den schwarzen Verhüllungen keine Bilder hängen bzw. etwas später das eigene Antlitz plötzlich an der Wand bewundert werden kann. 

Leider musste ich mir jedoch eingestehen, dass eine solche Aktion wohl erst möglich ist, wenn der ausstellende Fotograf so bekannt ist, dass auch genügend (mindestens zwölf, um wenigstens einen Mittelformatfilm voll zu kriegen) Besucher garantiert sind und dass diese gewillt sind, entsprechend lange auf die große Schau zu warten. 

Diese Idee mit Polaroids umzusetzen, erschien mir zu einfach und nicht spannend genug. Als Susann mir vom Fade-To-Black-Sofortbild-Film erzählte (und mir später einen schenkte), kam mir sofort der Gedanke, eine solche Aktion anzugehen, jedoch mit der Erweiterung um die Variante, dass die Bilder nicht nur während der Ausstellungseröffnung entstehen sollten, sondern auch nur an eben jenem Abend angeschaut werden könnten. 

Der Film (entwickelt vom Impossible-Project-Team, das auf die Besonderheit des Films wohl durch einen Produktionsfehler stießen) soll angeblich innerhalb von 24 Stunden schwarz werden. Es sei denn, man unterbricht die Entwicklung vorher. Schwarz geworden sind die Bilder leider nicht (ich sollte vielleicht eine neue Packung verlangen), Spaß gemacht hat die Aktion dennoch. 

Die Reaktion einiger Besucher und vor allem einiger Portraitierter war heftiger, als ich erwartet hatte. Einige Leute haben mich entsetzt gefragt, ob ich tatsächlich vorhabe, die Bilder schwarz werden zu lassen und wollten mich dazu bringen, die Entwicklung zu unterbrechen. Ein Portraitierter äußerte auch schlicht das Unbehagen über die Vorstellung, dass das eigene Abbild noch am selben Abend „vergehen“ würde. Vielleicht führte dies dem ein oder anderen eindrücklich vor Augen (was wohl die meisten Menschen so weit es geht von sich wegschieben), dass auch sie eines Tages „vergehen“ werden. 

Durch diese Aktion wollte ich mir außerdem eine These beweisen, mit der ich mich damals beschäftigt habe. Nämlich, dass man „gute Portraits“ auch machen kann, wenn man ohne viel Arrangement, durchdachte Komposition und Erfassen des „richtigen Moments“ einfach „draufhält“.

Folglich habe ich versucht, eine denkbar ungünstige Situation zu schaffen und meine SX-70 mit Stativ in einem Hinterraum (einem mit Leergut vollgestellten Flur) der fehre6 (Berlin) aufgebaut. Die „Modelle“ habe ich willkürlich „überfallen“ und ohne viel Gerede vor die Kamera gesetzt (außer Daniel, ihn hatte ich vorher schon einmal getroffen). Dann habe ich sie gebeten, einfach geradeaus zu schauen und sie ohne viel Federlesens abgelichtet.

Da ich für die SX-70 keinen Blitz besitze, habe ich bewusst das schummrige Licht des Flurs genutzt, um genügend Zeit zu haben, mit meiner Olympus Mju2 in die Aufnahme hineinzublitzen (auch die Aufnahmen der Mju entbehren nicht einem gewissen Reiz…). Ob die Portraits nun gut sind oder nicht, kann ich selbst nicht objektiv beurteilen, sie haben den Besuchern und Modellen jedenfalls gefallen.

Danach mussten die Portraitierten ihren Vornamen, das Datum und die Uhrzeit auf dem Bild notieren. Dazu habe ich sie gedrängt, weil mir im Zuge der Aktion die Idee kam, dass nur das imaginierte Portrait „perfekt“ sein kann. Ein schwarzes Bild, in das man, allein durch die Handschrift beeinflusst oder die Erinnerung geleitet, ein Portrait projiziert – „perfekt“.

Trotz der ständigen Veränderung der Bilder (ein Besucher fand sie „organisch“, was eine treffende Beschreibung war), die die Besucher immer wieder dazu trieb, den Stand der Dinge zu kontrollieren, muss man die Aktion wohl als gescheitert ansehen. Denn zu meinem großen Bedauern sind sie nicht schwarz geworden. Sie sind auch nicht zwischenzeitlich schwarz geworden und später wieder „auferstanden“ (laut Impossible Project sollen Abbildungen, nachdem sie einmal schwarz waren, durch zwei Wochen starken Lichteinfall wieder leicht hervortreten). 

Sie haben erfolgreich der Finsternis getrotzt und „leben“ noch heute unverändert. Etwas angegriffen und sehr dunkel, aber immer noch lebendig genug, um dem Licht zu huldigen.

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12 Kommentare

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  1. koblenz, wie 56068 koblenz ? da wo die buga 2011 gewesen ist

    bei interesse könnte man mal was zusammen machen, street photography wär mein thema , pola hab ich leider bisher noch nicht würd mich aber mächtig interessieren wegen lomo und impossible und jugendkulturen, …

    schreib mal ne mail

    lg
    thomas