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11. Oktober 2011 Lesezeit ~ 2 Minuten

Liebesleben

Vor über zehn Jahren entdeckte ich einen Fotoband mit dem Namen „Liebes-Paare“, fotografiert von Joe Gantz, der mich gänzlich faszinierte und mir die Möglichkeiten der Fotografie, Intimität und Zärtlichkeit festzuhalten, offenbarte.

Joe Gantz wählte dafür einen Infrarotfilm, Blitz mit Infrarotfilter und Dunkelheit. Die Liebespaare fotografierte er in ihren Wohnungen. Er hatte einen Zweitschlüssel erhalten und wurde über einen Beeper informiert, wenn er vorbeikommen durfte.

Dass dieses Projekt vor allem in seiner Vorbereitung nicht besonders leicht gewesen sein kann, ist gut vorstellbar. Vor allem, weil es ihm darum ging, Paare in starkem Gefühlsaufruhr und ausschließlich auf sich orientierter Aufmerksamkeit festzuhalten. Gelungen ist ihm das.

Jahre später war ich dann selbst in einer ähnlichen Situation. Nur hatte ich nicht nach Liebespaaren gesucht, sondern wurde gefunden. Ich hatte eine Möglichkeit für mich entdeckt, Menschen so zu fotografieren, dass sie sich von mir ungestört fühlten, weil sie mich nicht sahen. Anderseits konnte ich auch Motive ablichten, die ich so in ihrer Gänze und Offensichtlichkeit nicht hätte fotografieren können oder wollen, weil sie mir zu plakativ oder unecht erschienen wären.

Das führte zum Teil zu Ergebnissen, die mich wieder an Joe Gantz und seine Arbeit erinnerten und in mir nicht nur den Wunsch wiedererweckten, etwas Wahrhaftiges festzuhalten, sondern mir plötzlich auch die Möglichkeit aufzeigten, genau dies zu tun.

So hatte ich vor Kurzem eine ganz besondere Zusammenkunft, über die zu schreiben es mir noch ein wenig schwer fällt, da Intimität und Zärtlichkeit Dinge sind, die nicht in der Öffentlichkeit stattfinden, sondern an Orten ohne Zuschauer. Dennoch habe ich vom Paar die Erlaubnis bekommen, die Bilder zu veröffentlichen und freue mich, sie hier zeigen zu dürfen.

Als Ort wählten wir das WG-Zimmer der beiden. Hier fühlten sie sich sicher und nach anfänglicher Befangenheit und Herumalbern konnten wir durch das Aufhängen der Folie uns gegenseitig die Sicht aufeinander nehmen. Ich blieb außerhalb ihrer Intimzone und damit Beobachter.

Sie konnten agieren, wie sie wollten und ich meldete mich nur manchmal, wenn sie sich zu weit von der Folie entfernten. Die Musik nahm zudem die Stille aus dem Raum und versteckte das Klicken und Aufziehen meiner Kamera.

Entstanden sind dabei Bilder, die Nähe und Gefühl greifbar machen und das Liebespaar durch die Trennung des gewählten Materials dennoch nicht offensichtlich oder platt in den Fokus setzen.

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10 Kommentare

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  1. Fantastisch, deine Bilder fangen an eine Geschichte zu erzählen, die der Betrachter dann selbst zu ende erzählen kann. Und bei jedem erneuten betrachten findet man neue interessante Details und bekommt eine neue Geschichte.