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27. Juni 2011 Lesezeit ~ 5 Minuten

Christian Hertel: By the Woods

Schaute ich an einem Kiosk über die unzähligen Cover der Modemagazine, stellte sich für mich nur eine Frage: Wie mag es wohl auf so einem Modeshooting zugehen und wie produziert man solche Bilder?

Die ersten eigenen Erfahrungen in diesem Bereich waren weit weg von der Welt der Mode und ihrem Charme. Erst mit dem sich einstellenden Lernerfolg durch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Personen aus der Modewelt gelangen mir Produktionen, die durchaus veröffentlichungsreif waren.

Vielleicht schafft man es nicht mit allen der entstandenen Editorials in ein Printmagazin, aber anstatt eins der unzähligen „Fake-Editorials“ zu erstellen, besteht die Möglichkeit, seine Bilder in Online-Magazinen zu veröffentlichen und sich somit eine „echte“ Referenz zu sichern.

Zunächst einmal soll gesagt sein, dass ich an dieser Stelle nicht über die Sinnhaftigkeit von Online-Magazinen diskutieren möchte. Sie können Fluch und Segen zugleich sein und jeder kann für sich entscheiden, ob er dieses Medium nutzen möchte. Ich habe von Veröffentlichungen in den verschiedensten Online-Magazinen nur profitieren können.

Weiterhin bieten viele Online-Magazine inzwischen auch Printausgaben an, was sich bei dem einen oder anderen Kunden als Türöffner herausgestellt hat. Viel wichtiger als die Sinndiskussion ist die richtige Auswahl des Magazins und die Frage, ob der eigene Stil in dieses Format passt.

Meine Favoriten sind hierbei Fine Taste Magazine, Glossy, Soko, BG Magazine. Anhand des Beispiels „by the woods“ (Fine Taste Magazine) möchte ich kurz die Entstehung einer Serie erläutern.

Ich beginne meine Entwicklung der Bildideen für Online-Magazine mit der Sichtung von „tausenden“ Moods, die ich immer wieder auf den verschiedensten Blogs, I-Seiten und Magazinen finde. Viele Online-Magazine haben spezielle Themen pro Ausgabe und somit ist eine gewisse Grundorientierung vorgegeben.

Wichtig bei der Konzepterstellung ist eine gute Mischung aus Moods und eigenen Ideen. Bilder, die einfache Kopien sind, haben auch nur geringe Chancen, veröffentlicht zu werden. Wenn die Richtung klar ist, entwickle ich eine Art „Storyboard“, übertreibe es aber nicht mit dem Zeitaufwand.

Anhand dieser Zusammenstellung frage ich in meinem Kreis von Visagisten und Stylisten nach, wer Lust auf eine freie Produktion hat. Ich habe das Glück, nach drei Jahren in der Fashionfotografie auf einen kleinen Kreis an Kooperationspartnern zurückgreifen zu können, ohne bei Agenturen anfragen zu müssen.

Ich empfehle jedem die Zusammenarbeit mit Visagisten, da es eine deutliche Qualitätsverbesserung und Zeitersparnis bei der Retusche ist. Visagisten gibt es mittlerweile zu Hauf und viele Schüler an Make-Up-Schulen suchen auch Testshootings zum Aufbau ihrer Mappe oder Abschlussarbeit. Zugang zu guten Stylisten hingegen ist viel schwieriger zu bekommen und bedarf eines guten Portfolios.

Ich habe für meine Ideen binnen kurzer Zeit Rückmeldung von Interessenten und setze mich anschließend mit ihnen zusammen, um eventuell Ideen ihrerseits einzuarbeiten. Ich gehe hierbei auch auf die Wünsche meines Teams ein, da es sich um eine freie Arbeit handelt und jeder einen Nutzen daraus ziehen sollte.

In diesem Fall sind es Jaqueline und Sandra gewesen, mit denen ich bereits zu Beginn meiner fotografischen Tätigkeit zusammengearbeitet hatte. Sandra hat hierbei dunkle, geradlinige Mode zusammengestellt. Gezielt sollten diese Formen in eine natürliche Umgebung eingebunden werden.

Ist der Prozess der Modeauswahl abgeschlossen, kümmere ich mich um die Locationsuche, falls es sich nicht um eine Studioarbeit handelt. Dieser Teil bedeutet für mich den größten Zeitaufwand. Telefonieren, Rumfahren, Besichtigungen usw. sind unumgänglich, um sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen.

Für dieses Editorial habe ich in einem Waldgebiet geeignete Lichtungen und Vegetation gesucht und bin dabei unter anderem auf Springkraut gestoßen, das einen farbigen Akzent in den Bildern setzt.

Gleichzeitig zur Locationsuche habe ich Anfragen bei Modelagenturen laufen, um ein geeignetes Modell zu finden. Sollte man am Anfang seines fotografischen Schaffens stehen, ist es so gut wie unmöglich, gute Agenturmodelle zu bekommen. Anfänger können dann über einschlägige Internetcommunities Modelle finden.

Vor dem Tag des Shootings mache ich mir intensiv Gedanken um die Lichtführung und Posen. Man sollte die Location genau besichtigt haben und möglichst viele Bilder haben, um z.B. zu wissen, wann und wie sich der Sonnenstand verändert und wo man das Modell positioniert. (Dafür gibt es sogar nette iPhone Apps!)

Am Shootingtag geht es zeitig los, Make-Up und Styling brauchen eine gewisse Vorlaufzeit. Aufgrund meiner sorgfältigen Vorarbeit an den Tagen zuvor bin ich als Fotograf zeitlich mit meinem Aufbau nicht unter Druck und habe für dieses Shooting auch keine Assistenz benötigt. Die vorhandene Zeit nutze ich zur Wahl des geeigneten Blickwinkels für die ersten Motive.

Die Witterung spielte an unserem Termin mit und ich konnte in diesem Editorial gezielt direkte Strahlung und diffuse Bedingungen mischen. Ich arbeite sehr gern mit direktem Sonnenlicht und Schatten spendenden Hilfsmitteln, um einen starken Kontrast- und Schatteneffekt zu bekommen.

Zum Beispiel kann man mit Ästen, Blättern usw. besondere Schattenformen kreieren. Für die vorliegenden Bilder habe ich außer einem Diffusor (California Sunbouncer) und natürlichem Licht keinerlei Kunstlicht benötigt. Damit im Hintergrund nicht zu viel Tiefe entsteht, habe ich gleichzeitig ein Hintergrundsystem mit einer Art Batik-Stoff genutzt.

Anhand des Storyboards sind die groben Posen und Bewegungen des Models definiert. Dennoch muss man sich darauf einstellen, dass manche Vorstellungen nicht zum Model passen. Für diesen Fall sollte man alternative Ideen für Posings haben. Am Anfang sind auch hier Moods-Sammlungen hilfreich.

Für eine Veröffentlichung in einem Magazin sollte man immer Serien entstehen lassen. Gut sind hierbei zwischen acht und zwölf Motive mit möglichst unterschiedlichen Posen und Stylings. Die Bildauswahl mache ich final mit meinem Team und beginne anschließend mit der Retusche. Alle Bilder sind mit einer Canon 5D II und den Optiken 50mm f/1.4 und 24-70mm f/2.8L entstanden.

Zum Schluss: Man sollte sich von Absagen nicht entmutigen lassen. Lieber noch einmal genau bei dem Magazin nachfragen, warum die Strecke nicht veröffentlicht wurde.

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9 Kommentare

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  1. Hallo,
    wieder einmal ein toller Beitrag, nicht nur sehr informativ sondern auch klasse geschrieben.
    Die Ergebnisse können sich sehen lassen, gefallen mir richtig gut.

    Da ich mich in eine ähnliche Richtung entwickeln möchte, würde mich ergänzend interessieren ob Stylisten, Visagisten und Models vorab bezahlt werden, oder erst wenn solch ein Projekt auch einen Gewinn einbringt ?
    Da kommt ja ein nicht zu unterschätzender Investitionsaufwand auf einen zu.
    Gruß
    Taylor

    • Moin Taylor,

      wie Christian das beschrieben hat : Solange du dein eigenes Portfolio aufbaust um den berühmten Fuss in die Türen zu bekommen, klapperst die entsprechenden Schulen nach den Jungs und Mädels ab, die wiederum für ihre eigenen Mappen jemanden suchen. ‘Bezahlung’ sind dann halt Bilder.

      Bei ‘echten’ Produktionen erhalten die beteiligten Personen sofort ihr Geld, von jeder anderen Regelung können auch die nicht leben. Da gibt es zwei Wege : Entweder die wählen dich, weil du deren krude Ideen in ein Storyboard und dann in Bilder umsetzen kannst und lassen dir die Wahl nach stylo und Maske bei vorgegebenem Budget oder die wählen dich, weil sie wissen, dass du die Bilder nach fertigem storyboard des art directors lieferst. Dann brauchst dich aber auch nicht mehr ums Budget zu kümmern ;-)

      H

    • Die Bildersuche nach “moodboard” wird dir eine Vorstellung davon bieten, was moods sein können. Im Grunde ist es eine Zusammenstellung aus Bildern, Zeichnungen, Stoffen (und anderen Materialien), Worten und so weiter, die die Stimmungen und Ideen visualisieren sollen, z.B. damit man sie einer anderen Person besser vermitteln kann.

  2. Ich habe den Artikel mit großem Vergnügen gelesen. Danke! Noch eine Frage: wenn ich richtig verstehe, ist die Fotografie für dich eher ein Hobby (“kreative Ablenkung”) als ein Job. Ich sehe dass du dabei trotzdem ganz konsequent und planmäßig vorgehst, deshalb möchte ich wissen, wieviel Zeit du im Durchschnitt für den ganzen Produktionszyklus brauchst – von den ersten Bildideen bis zur Fertigstellung der Bilderserie?