simon
25. April 2011 Lesezeit ~ 6 Minuten

Die Redaktion stellt sich vor: Simon Sticker

Liebe Leser, wie ihr wisst, gibt es seit geraumer Zeit eine kleine Redaktion hinter den Kulissen dieses Magazines. Über die letzten Monate hat sich eine Persönlichkeit nach der anderen bei uns eingefunden – und wir sind schon so eine kleine Familie geworden. Ich, Martin Gommel, habe ein Anliegen: Dass ihr die Redakteure einwenig besser kennenlernt. Schließlich war kwerfeldein.de bis Winter letzten Jahres fast ein reines Martin Gommel-Blog sodass ein persönlicher Bezug zu mir gewachsen ist. Doch die Zeiten haben sich geändert. Auf einmal schreiben da ein Simon Sticker oder eine Aileen Wessely und so mancher Leser fragt sich bestimmt, wer das denn eigentlich ist und warum sie bei uns sind. Doch diese Fragen sollen nicht irgendwo liegenbleiben.

So habe ich jeden Redakteur darum gebeten, sich Euch einmal vorzustellen. Und  damit das alles nicht zu viel auf einmal wird, haben wir einen Plan. Jeden Montag der kommenden Wochen wird es eine Vorstellung geben. Heute beginnen wir mit Simon Sticker. Ich hatte Simon ja schonmal interviewt und ich habe die darauffolgenden Monate bemerkt, dass wir auf gleicher Wellenlänge “funken”. Ausserdem fand ich seine Position & Sichtweisen der Fotografie gegenüber einmalig und wichtig, sodass ich ihn einfach eingeladen habe, doch mitzumachen.

Simon Sticker

Wie beginnt man etwas über die eigene fotografische Reise zu schreiben, wenn die einem eigentlich sehr unwichtig erscheint? Ein Freund hat mir mal gesagt: “Simon, irgendwie hab ich manchmal das Gefühl als würde dich Fotografie gar nicht wirklich interessieren. Zumindest nicht so wie einen Künstler, wo jedes Detail abgestimmt ist und von Bedeutung ist.” Ich hab damals darüber nachgedacht und denke, er hatte recht. Fotografie ist für mich ein Vehikel, was mir erlaubt etwas zu erzählen, Geschichten. Das ist, woran ich interessiert bin und das ist der Grund, warum die Fotografie eines meiner Werkzeuge ist.

Das erste Mal bewusst fotografiert habe ich vor mittlerweile 15 Jahren mit der alten Minolta meines Vaters aus den 70ern. Simpel, klassisch, nur ein 50er drauf. Es hat mich lange Zeit begleitet, selbst wenn es irgendwann durch andere Kameras ersetzt wurde. Erst auf einer Reise nach Island, schon längst im digitalen Zeitalter, hat sie final den Geist aufgegeben. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich auch schon das Interesse an der Art von Fotografie verloren, die ich zu dieser Zeit machte. Sie kreiste sehr um mein Leben, meine Erfahrungen, eine Art egozentrische Ästhetisierung des eigenen Seins und eigenen Lebens und interessanterweise hatte ich dieses Gefühl auch sehr allgemein in meinem Leben in dieser Zeit. Für Jahre war ich mehr oder weniger Nonstop durch die Weltgeschichte gereist um zu klettern. Es war mein Lebensmittelpunkt. Und irgendwie langweilte es mich. Alles drehte sich um mich, um mein Tun. Egal ob es Sponsoren waren oder einfach mein eigener Ehrgeiz.

Simon kletternd in Thailand

Ich stoppte mehr oder weniger von einen Tag auf den anderen in Spanien mit dem Klettern, verordnete mir eine halbjährige Pause. Nach einigen Monaten legte ich mir meine erste DSLR zu und begann wieder mit dem Fotografieren. Ich hatte noch keine Ahnung, wo es mich hinführen würde, aber ich hatte wieder Spass daran. Über den Winter ging es nach Neuseeland und im Frühjahr nach Ostasien. Die Fotografie war es, die mich neugierig machte, die mich vieles entdecken ließ, was ich sonst vielleicht gar nicht beachtet hätte. Ich traf Menschen, die ganz andere Leben lebten als das, was man aus Europa kannte, die anderen Kulturen, Ansichten zum Leben, all das faszinierte mich. Und auf einmal drehte ich die Kamera das erste Mal wirklich von mir weg, richtete sie wirklich auf anderes und ich wurde unwichtig. Ich wollte am liebsten gar nicht mehr Teil davon sein, sondern nur beobachten. Ich wollte eine Authentizität erreichen, die ohne mein Dabeisein viel einfacher zu erreichen wäre.

Ein halbes Jahr nachdem ich aus Südostasien zurück gekommen war, ging es nach Indien. Im Kashmir eskalierte die Gewalt, Ausgangssperren, viele Tote – und ich war überfordert. Und doch änderte es viel für mich. Diese Geschichten, die man hier kaum hört, wo soviel falsch läuft, ohne dass es hier überhaupt jemand zu interessieren scheint. Warum ist das so, fragte ich mich jeden Abend? Ich sprach mit Menschen, die Freunde verloren hatten. In Dharamsala, dem Exilsitz der Tibeter, lernte ich einen Mann in meinem Alter kennen, der mit einem Banner für ein freies Tibet in Tibet an seiner Uni protestiert hatte, dann festgenommen worden war und nach drei Monaten ohne Licht im Gefängnis über das Himalaya zu Fuss geflüchtet war und jetzt Tee hier verkaufte. Er strahlte soviel positive Energie aus trotz allem was ihm passiert war.

Vermutlich war es dieser Moment, der alles für mich veränderte. Danach wusste ich, das ist genau, was ich will: Solche Geschichten erzählen, den Menschen eine Stimme geben, die sie sonst vielleicht nicht hätten. Und ich wusste, ich musste viel lernen. Nicht mehr nur über Fotografie, sondern über Geschichten und wie man sie am besten erzählt.

Straßenkind beim Kleber schnüffeln, Dehli, Indien

Ich habe immer auch gefilmt und vieles von dem half mir dann als ich den Schritt in Richtung Multimedia machte. Jedes Medium hat seine Stärken und Schwächen und indem ich mir dessen bewusst bin und versuche sie bewusst einzusetzen, kann man eine Geschichte tiefer und komplexer erzählen als ich es mit einem Bild vielleicht kann. So lege ich mich heute kaum noch auf ein bestimmtes Medium fest, sondern versuche zu experimentieren. Mal reichen Bilder aus, mal ist es ein klassisches Video, mal ist es eben eine multimediale Geschichte, die Foto, Video, Audio, Text, usw. vermischt.

In den letzten Jahren war ich öfters in Afrika unterwegs um Geschichten zu erzählen, die ich wichtig fand, auf Dinge aufmerksam zu machen, die meiner Meinung nach zu wenig beachtet werden. Ich arbeitete mit verschiedenen Organisationen zusammen, half ihnen dabei ihre wichtige Arbeit verständlicher zu machen. Es wurde mein Job, der durch andere Aufträge für kommerzielle Kunden, Workshops, Ausstellungen, Vorträge finanziell aufgebessert wurde, damit ich davon leben kann. Doch das wichtigste ist, es ist genau, was ich machen will, was meiner Fotografie oder sagen wir besser meinem Tun einen Sinn gibt.

Aus einer Reportage über Prostitution in Ruanda

Eines der Themen, die mich immer wieder umtreiben, ist das Bild, was in den Medien von Afrika besteht. Ein Kontinent, der von Krieg, Armut, Leid, Korruption, Aids, usw. bestimmt ist. Ein Bild, was in meinen Augen nur einen sehr kleinen Teil der Realität darstellt, unter anderem durch die westlichen Medien. Eine Reaktion darauf war ein Projekt, was ich in Ruanda gemacht habe, wo ich mehr oder weniger Handyfotografie als Möglichkeit seine Geschichten zu erzählen in einem Workshop unterrichtet habe. Der Gedanke, dass heute fast alle dort ein Handy haben (auch weil es kein Festnetz gibt) und viele der Handys auch Kameras, Facebook sich ähnlich ausbreitet, wie hier, gibt das erste Mal die Möglichkeit für viele ihre Geschichten selber zu erzählen. Und gleichzeitig Geschichten aus dem Blickwinkel von Menschen zu sehen, die dort leben, deren tägliches Umfeld es ist und die somit viel mehr darüber wissen als ich es jemals werde.
Im Juni nun starten wir mit unserem neuen Projekt HUMANS, was einige vielleicht schon von einem früheren Artikel kennen. Auch hier geht es darum den Menschen eine Stimme zu geben und gleichzeitig einen anderen Blickwinkel auf Afrika als Kontinent zu geben. Ich bin gespannt, welche Geschichten uns erzählt werden, mit der Kamera als stummem Zeugen…

Wenn ihr noch mehr über Simon erfahren wollt, könnt ihr dies auf seiner Website, seinem Blog, auf Twitter oder Facebook.

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7 Kommentare

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  1. Danke für diesen Einblick in dein Tun. Den Wandel von der “egozentrische Ästhetisierung des eigenen Seins” find ich sehr interessant – hört man öfter von sehr inspirierenden Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensbereichen.

  2. Simon, eine interessante (Lebens-)Geschichte, die Du hier umreißt. Darüber hinaus mehr als lobens- und beachtenswerte Projekte, in denen ich mich jetzt tatsächlich eine Zeit verloren habe. Also in der Internetpräsenz.

    Ich mich noch weiter verlieren werde.

    Zu der Qualität Deiner Bilde sage ich jetzt einfach mal nichts. Das muss man eben nicht, besser geht Reportage kaum. Und jetzt habe ich doch noch was dazu gesagt.

    Zu Recht.

  3. Hallo Simon,
    Deine Lebensgeschichte liest sich wie ein Kapitel aus einem atemberaubenden Abenteuerroman. Man möchte gern weiter lesen… Genau so geht es mir mit Deinen Bildern. Du schaffst es mit Deinem Blick zu fesseln und in die Geschichten hineinzuziehen. Viele Deiner Bilder sind mir indirekt oft Inspirationsquelle gewesen. Am meisten haben es mir Deine Icelandbilder angetan. Ich hatte sie nach meiner Reise entdeckt. Der Effekt war, dass ich dann bedauert habe, dass ich nicht allein dort war und auch nur wenig Zeit an den einzelnen Orten. :-)
    Ich freue mich auf weitere Artikel von Dir… lieben Gruß Lis

  4. Sehr schön, etwas mehr zu den “Co”-Autoren hier zu lesen. Als langjähriger Verfolger des Webseite finde ich den Schritt richtig und konsewuent. So kommt noch mehr Leben in den Blog.

    Simons Geschichte ist schon beeindruckend! Da sollte genug Background vorhandfen sein, für weitere tolle Artikel!

    ff

  5. Super Idee und eine tolle Persönlichkeit .
    Ich habe es vielelicht überlesen, aber wie alt ist er ?
    Diese Lebenserfahrungen und die Geschichten die er erlebt hat sind der Wahnsinn . Ganz toll ich beneide solche Menschen .
    Da ich tag ein Tag aus als Drehstuhlpilot meine Erfahrungen mache .