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15. März 2011 Lesezeit ~ 3 Minuten

Intuition

Im Laufe meines bisherigen Studiums befasste ich mich schon mit so einigen Themenstellungen wie „Die Funktion des Bildes in der Werbung“ oder „Warum wird ein Bild zur Ikone?“. Doch hier möchte ich mich einer recht abstrakten Komponente der Fotografie widmen: der Intuition.

Intuition

Der Mensch bezeichnet seine Intuition oft als etwas Übermenschliches, als einen mystischen Wegweiser, der ihm dabei hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. Jedoch kann man sie, wenn auch recht kompliziert, so definieren:

Die Intuition ist der Antagonist zum rationalen Verstand, dem Intellekt, der Dinge analytisch und logisch von außen betrachtet und zergliedert. Die Intuition hingegen setzt sich über den Verstand hinweg und nimmt die Dinge von innen heraus wahr. Sie ermöglicht es uns spontan, im Hier und Jetzt zu fühlen, zu handeln und zu entscheiden. Intuition und Intellekt dürfen nicht als konträr oder gar feindselig betrachtet werden, vielmehr existieren sie friedlich nebeneinander in einer sinnlichen Symbiose.

Nach dieser Definition möchte ich nun zur Bedeutung der Intuition für den Fotografen kommen: Natürlich gehört zum Fachgebiet der Fotografie ein gewisser rationaler Umgang mit der Technik und gewissen Einstellungsparametern, der unerlässlich für die technisch einwandfreie Erstellung einer Fotografie ist. Dieser rationale Umgang spricht Verstand und Intellekt des Fotografen an.

Intuition

Intuition

Der zweite — und meiner Meinung nach wichtigere Bestandteil — ist die Intuition des Fotografen. Dieser Teil basiert nicht auf erlernten technischen Fertigkeiten, sondern umfasst die Fähigkeit, ohne Analysieren einer Situation eine ansprechende Fotografie zu erstellen. Diese intuitiven Fähigkeiten beinhalten zum Beispiel das „sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort befinden“, „zum richtigen Zeitpunkt abdrücken“ oder ein gewisses Maß an gestalterischer Intuition.

Die zuletzt genannte gestalterische Intuition scheint mir einem jeden „künstlerisch“ begabten Menschen zumindest größtenteils angeboren zu sein. Ich will nicht bestreiten, dass man gestalterische Prinzipien erlernen kann, doch vertrete ich die Auffassung, dass ein gewisses Maß an ästhetischem Empfinden und gestalterischem Talent von vornherein vorhanden sein muss, damit ein Mensch erfolgreich gestalten kann.

Intuition kann also auch als das sogenannte Gefühl für die Fotografie bezeichnet werden. Es ist natürlich nicht leicht, Einfluss auf seine Intuition zu nehmen, da sie auf einer eher unbewussten Ebene stattfindet. Das ist auch gut so, denn genau aus dieser intuitiven, unbewussten Ebene entsteht später auch unser eigener Stil, von dem wir manchmal gar nicht so genau wissen, wo er herkommt. Geschweige denn, dass wir ihn selbst zu erkennen vermögen.

Intuition

Daher lässt sich schlussfolgern: Wer danach strebt, seinen eigenen fotografischen Stil zu entwickeln, sollte nicht zu engstirnig großen Vorbildern oder Stilen nacheifern, sondern sein Hauptaugenmerk darauf richten, aufmerksam in sich hineinzuhören und der eigenen Intuition den Vorrang zu gewähren.

Logischerweise kann man seine Intuition nicht aktiv trainieren oder allzu großen Einfluss auf sie nehmen, aber sie ist auch kein starrer Komplex. Jeder Mensch entwickelt sich im Laufe seines Lebens und parallel dazu entwickelt sich auch seine Intuition. Durch ständiges Sehen, das heißt durch aktives und bewusstes Wahrnehmen unserer Umwelt (mit den Augen eines Fotografen), können wir aber lernen, unsere Intuition besser zu verstehen und einzusetzen.

Der Fotograf befindet sich also stets in einem Zustand aktiven Sehens, in dem er mit Hilfe der Intuition zum Beispiel entscheiden muss, welches Motiv er auf welche Weise fotografieren will. Manchmal ist dieser Zustand recht anstrengend, er bietet uns jedoch auch eine ungeahnte Vielzahl an Eindrücken. Diese versuchen wir mit Hilfe der Fotografie zu konservieren oder durch gezielte Manipulation oder Komposition zu einer ganz eigenen Bildaussage umzuformen.

Intuition

Zusammenfassend kann man also sagen, dass für den erfolgreichen Fotografen einerseits Intellekt und Verstand (v.a. im technischen Umgang mit seiner Ausrüstung) wichtig sind, andererseits die Intuition aber auf keinen Fall als Zufall oder Glück abgetan werden sollte. Sie bildet in friedlicher Koexistenz mit dem Intellekt die Grundlage jeder Fotografenpersönlichkeit.

Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen möchte, dem kann ich den folgenden ARTE-Beitrag (auf dem auch mein Beitrag basiert) ans Herz legen:

Danke für Eure Aufmerksamkeit.

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8 Kommentare

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  1. ich kann einiges im beitrag unterschreiben. allerdings tue ich mich mit dem begriff der intuition sehr schwer. vielleicht, weil ich gerade bourdieu lese und dieser davon ausgeht, dass der geschmack im bezug auf kunst engstens mit gelerntem zusammenhängt. dabei ist dies nichts bewusst gelerntes, sondern ein ganz spezifisches wissen, was z.b. durch die soziale position bestimmt wird.

    ich denke daher, dass man intuition lernen kann, wenn auch der eine schwerer als der andere, je nachdem, was man schon “von haus aus” mitbekommen hat.

    die anmerkung ist mir vor allen dingen wichtig, damit diejenigen, die das gefühl haben, dass ihnen diese intuition fehlt, nicht die flinte ins korn werfen.

  2. Intuitiv etwas “aus dem Bauch heraus” entscheiden – so sagt man.
    Das “Bauchgefühl” als intuitive Intelligenz .. das Wissen, das man einfach hat, ohne dieses erst rational abklopfen zu müssen oder erklären zu können. Vielleicht liegt in der Intuition ja etwas unserer UrInstinkte .. etwas vom kollektiven Wissen der Menschheit.

    Fotografieren ist Kunst – und Kunst kommt von Können.

    Also so ganz ohne “fotografisches Auge” und der Beherrschung des technischen Grundrüstzeugs geht es sicherlich nicht … Zufallstreffer mal aussen vor gelassen.

    Aber vielleicht zeichnet es eben gerade “das besondere Bild” aus, das der Fotograf alle Goldenen Schnitte, Belichtungszeiten und die Schärfentiefe mal außer acht lassen konnte und einfach “auf seinen Bauch” hörte und abdrückte, als er vom Bauch – von seiner Intuition – her das Gefühl hatte, das jetzt der richtige Moment ist.

    Und die ganz die Großen der Zunft, die nicht nur 1 besonderes Bild geschaffen haben, haben es vielleicht geschafft, den Verstand nur noch auf die technischen Aspekte konzentrieren zu können und das Framing, den besondere Einblick in eine Situation, das Motiv mit dem gewissen Etwas, die Erfassung der Lichtstimmung … all das “Mystische”, das “Magische”, was ein Bild besonders macht … aus einem tiefen Fundus an Erfahrung zu erkennen … intuitiv zu erkennen.

    Intuition und Fotografie … das passt … und gehört sicherlich auch zusammen.

    Sorry .. ewig lang :-)
    just my 2ct.

  3. ja das ist zweifelsfrei etwas schwere kost zum lesen…bedeutet aber nicht das es nicht interessant ist..nein nein.

    ob und wie jeder einzelne seine art des umgangs mit seinen gerätschaften der fotografie gestaltet ist für mich persönlich total egal. ich halte es da eher mit feininger der mal sagte…

    “die tatsache, dass eine (im konventionellen sinn) technisch fehlerhafte fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann…….”

    das zitat wird wohl jeder kennen…hoffe ich. mir gehts in erster linie nicht um die qualität eines fotos ich denke oft wenn ich fotos betrachte..oh was ein schönes “bild”…..

    hingegen bei im ersten anschein von vermeindlich “schlechten” bildern denke ich dann oha eine klasse fotografie…tja so kann es gehen.

    jedoch ich teile keineswegs die auffassung das man mit einem großen intellekt gute oder hervorragende fotos macht denn dies würde ja bedeuten das menschen mit weniger intellekt dies nie schaffen und der ansatz ist mir zu schwer..sorry

    zufall und glück sind meist die beiden begleiter eines fotografen die die meisten guten fotos hervor brachten ohne zufall und glück wäre die fotowelt um einige gute fotos ärmer.

    die “bilder” und die fotos die ich oben sehe sind zweifelsohne gut und verkörpern auch das was geschrieben steht und das zeugt von der eigentlichen liebe zur fotografie und das gefällt mir.

    gruß und gute nacht vom doc
    martin

  4. Hi,
    so jetzt melden sich erstmal die ganzen Hobbypsychologen…
    Ich wollte natürlich auch gleich mal was über das Thema Intuition posten, aber nachdem ich die ersten Kommentare gelesen habe, lasse ich es jetzt lieber. Sehr gut Beitrag und über das Thema Intuition werden wir immer streiten können.

    Ahoi

    Ich

  5. Du hast das, was ich oft als etwas Ungreifbares und gleichzeitig nach Ausdruck drängendes empfinde, mit Worten gut auf den Punkt gebracht. Danke dafür.
    Ich musste auch an die vielen Diskussionen in Foren und Blogs denken, wo es immer mal wieder um die Frage “guter Fotografie” und die angemessene Bewertung und Beurteilung eines Fotos ging. M.E. besteht die Schwierigkeit genau in dem von Dir besprochenen Punkt.
    Gute Fotografie hat, vielleicht viel mehr mit Erfahrung und Wissen über sich selbst, als mit aufwendiger Technik und teurem Equipment zu tun. Intuition ist ja letztendlich auch ein bißchen unbewußte Kompetenz, die sich aus immer wieder gemachten Beobachtungen und Erfahrungen speist.
    Es gibt Fotografen, die machen mit einfachsten Knipsen beeindruckende Fotos, die unter die Haut gehen und es gibt Fotografen, die haben die tollste Technik zur Hand und ihre Bilder sind nichtssagend und leer.
    Neben der Intuition braucht es für mich auch Bewußtsein über den eigenen Antrieb, um zur Verfügung stehende Mittel gezielt einsetzen zu können. Ich lerne in letzter Zeit immer mehr, dass der Kontext in dem etwas steht – das drum herum sozusagen- genauso wichtig ist, wie der fotografierte Gegenstand selbst. Ich habe am Anfang sehr viel aus der Intuition heraus fotografiert. Erst viel später entdeckte ich dann, was mich an einer Sache eigentlich genau angesprochen hatte. Meist über die Auseinandersetzung mit anderen. Durch Training kommen diese beiden Punkte scheinbar immer näher zueinander. Je mehr ich weiß, was mich selbst antreibt, um so mehr entferne ich mich davon, dass ein Bild eben zufällig gut getroffen ist… Ich glaube , dass das ein Stück weit hinter dem Begriff “eigener Stil” steht.
    Liebe Grüsse und danke für den schönen Beitrag
    Lis

  6. @ DocMaowi: Ich teile auch nicht die Auffassung dass man mit großem Intellekt bessere Fotos schießt.
    Intuition und “Gefühl” erscheinen mir auch als wichtiger, jedoch muss man zugeben, ganz ohne technische Fertigkeiten, die den Intellekt ansprechen geht es oft auch nicht. Die gesunde Mischung macht den guten Fotografen aus denke ich.
    Und auch hinter Fotos, die oft wie Schnappschüsse aussehen, steckt manchmal mehr Technik als man denkt.

    @Lis: Kann deinen Kommentar nur voll und ganz unterschreiben.
    Dank dir für das schöne Lob.

    Allgemein kann man sagen dass man solche Texte leicht
    missinterpretieren kann, schon wenn man das Wort “Intellekt” etwas anderst auslegt als ich, z.B. Richtung Intelligenz und nicht als einfache Anlaufstation für das Erkennen und die Verarbeitung technischer Parameter, kann man völlig aneinender vorbeireden.