nasco yankee
16. August 2010 Lesezeit ~ 4 Minuten

Nasco Yankee Meet 2010 oder fast ein “bad camera day”

Wenn wir Deutschen an Schweden denken, fallen uns in erster Linie IKEA und Volvo, Elche und rote Holzhäuser ein. Klar, dann auch noch Astrid Lindgren, ABBA und, ja … noch mehr rote Holzhäuser. Dass Schweden aber auch in Sachen Ami-Straßenkreuzer eine echte Hochburg ist, wissen nur wenige.

Ihren Ursprung hat diese Leidenschaft in der “Raggare”-Jugendbewegung der 50er-Jahre. Rock ‘n’ Roll, US-Cars, Bier und eine gehörige Portion “White Trash” sind die wesentlichen Merkmale dieser Szene.

Während der Sommermonate treffen sich die “Raggare” und Liebhaber von US-Fahrzeugen (vornehmlich der 50er, 60er und 70er Jahre) auf unzähligen sogenannten “Meets” im ganzen Land, die von tausenden Zuschauern besucht werden. So auch vergangenes Wochenende im südschwedischen Falköping. Auf dem kleinen Flugplatz der Stadt waren beim “Nasco Yankee Meet” mehrere hundert meist hochglanzpolierte Fahrzeuge versammelt.

Grund genug für mich, meine Kamera zu schultern und nach brauchbaren Motiven Ausschau zu halten. Dabei hatte ich meine Zweitkamera – eine betagte Canon EOS 20D mit einem EF 75-300mm 1:4-5.6 III USM Zoom sowie das Canon EF-S 17-85mm 1:4-5.6 IS USM. Beides Objektive, deren Abbildungsleistung mich bis heute nicht recht überzeugt hat, die aber solide und verlässlich sind und zusammen einen großen Brennweitenbereich abdecken.

Da ich nicht alleine unterwegs war, waren die Möglichkeiten der Motivsuche aus Gründen der Rücksichtnahme und Höflichkeit ein wenig eingeschränkt. Zudem bemerkte ich nach dem Prüfen der ersten Bilder, dass ich munter im M-Modus mit den Einstellungen des Vorabends fotografiert hatte (1/200s bei ISO 800 – da kam Freude auf) und ich meine ersten Versuche also gleich wieder löschen konnte. Ein wunderbarer Start …

Also gut, alles noch mal von vorne: ich stellte auf den AV-Modus mit Blende 5.6 und ISO 400 um. Damit hatte ich die größtmögliche Blende auch im maximalen Telebereich des 75-300mm-Objektivs mit einer hoffentlich schönen Tiefenunschärfe und zugleich eine schnelle Verschlusszeit, da bei 300mm Brennweite die Gefahr des Verwackelns doch recht groß ist.

Im Brennweitenbereich von 200-300mm machte ich einige Aufnahmen der gestaffelt stehenden Fahrzeuge sowie einige Detailaufnahmen, aber irgendwie wollte sich das rechte “Feeling” nicht einstellen. Als dann die Wagen zum Cruisen auf die Rollbahn des Flugplatzes fuhren, brachte ich mich mit dem Tele am Rollbahnrand in Position und versuchte, einige Fahrzeuge im Heranfahren und beim Vorbeifahren einzufangen.

Die Autos fuhren nicht schnell und mit einer kurzen Verschlusszeit sollten scharfe Bilder kein Problem sein. Ich knipste auch noch ein paar Heckflossen im Vorbeifahren, war aber beim Blick auf den kleinen LCD-Schirm der 20D nicht wirklich zufrieden. Ich hatte den Eindruck (wieder mal) nur Mist zu fotografieren.

Zurück also zu den parkenden Fahrzeugen. Ich schnallte kurz noch das zweite Objektiv auf die Kamera, um ein paar Weitwinkelbilder zu machen, aber auch da wollte sich kein gutes Gefühl einstellen. Meine Kompositionen kamen mir bei einem weiteren Blick auf den Kameramonitor langweilig vor, die Motive mies, kurz: es war nicht mein Tag – nicht schön, aber kann ja mal sein. War halt ein “Bad camera day”. Kamera eingepackt, ab nach Haus, abhaken.

Aber wenig später ging’s dann doch noch an den Rechner. Lightroom geöffnet und siehe da: so schlimm war’s ja gar nicht! Da waren doch einige ganz ansehnliche Fotos dabei. Merke: lass Dich vom ersten Eindruck der Bilder auf dem Kameramonitor nicht gleich beeinflussen! Am Computermonitor sieht die Fotografenwelt doch gleich ganz anders aus.

Und mit ein bisschen Experimentieren und Herumspielen an den Einstellungen stellte sich allmählich das Gefühl für die Bilder ein, das ich beim Fotografieren die ganze Zeit vermisst hatte. Jetzt merkte ich plötzlich, wohin die Reise ging und wie sich die einzelnen Bilder zu einer homogenen Serie fügten.

Ich versah die Bilder mit einem relativ starken Retro-Touch, indem ich eine deutliche Vignette verwendete und mittels der Farbtemperatur einen wärmeren Look erzeugte. Zudem erhöhte ich die Schwarzwerte und verschob einige weitere Farbwerte. Plötzlich ergaben in diesem Look auch viele kompositorische Einstellungen einen Sinn, da die Bilder insbesondere durch die Vignettierung einen ganz anderen Charakter bekamen. Und auf einmal sah das alles gar nicht mehr so langweilig sondern wirklich spannend aus. Viel mehr kalifornischer Highway als schwedischer Provinzflugplatz.

Wow – der Tag war gerettet und ich war froh, dass ich mich nicht von meinen Gefühlen und vom Kameramonitor hatte leiten lassen, denn wäre es danach gegangen, hätte ich alle Bilder am liebsten sofort gelöscht – und das wäre wirklich schade gewesen.

Zum Abschluss gibt es die Lightroom-Einstellungen als Preset zum Download. Außerdem kann man alle Fotos des Tages in Jens Blog anschauen.

  • Sigma Banner

31 Kommentare

Schreib’ einen Kommentar

  1. Ja, so geht es einem an manchen Tagen, gerade bei freien Arbeiten. Scheinbar will nichts funktionieren. Aber mit dem Löschen von Bildern halte ich mich auch an solchen Tages extremst zurück. Gelöscht wird nur, was auf dem Kameramonitor eindeutig technisch im Eimer ist. Der Rest geht auf den Rechner. Und auch da braucht es manchmal etwas Abstand um die entstandenen Fotos richtig bewerten zu können.

    Denn Löschen kann man später immer noch. :-)

  2. Jaja, das ist so einen Sache mit den bad camera days;)
    Am Ende solcher Tage ziehe ich die Bilder nur noch auf den PC, ohne wirklich hinzuschauen. 1-2 Tage später sieht die Welt dann meistens schon wieder ganz anders aus.

    Lieben Gruß

    Raik

  3. komisch mir geht das immer genau anders herum. auf dem kamera display sehen oft bilder noch super aus und ich freu mich einen keks und zuhause am rechner kommt dann oft die ernüchterung.

  4. @Christian & Raik: Ich denke auch, der Abstand macht’s. Oftmals kann man (bzw. ich) das, was man gerade aufgenommen hat, nicht mit der nötigen Distanz beurteilen. Insofern, nur die technisch nicht gelungenen Bilder zu löschen, ist sicher richtig, bevor man vorschnell tolle Bilder wegwirft.

    @Teh: das mag vielleicht auch mit dem Mini-Display der 20D zu tun haben. Im Vergleich mit den aktuellen Kameras ist darauf wirklich nicht viel zu erkennen. ;-)

    Viele Grüße

    Jens

  5. Nun bei mir schaut das ähnlich aus nur:
    Was mir auf dem Display nicht gefällt, ist meist am Bildschirm besser, oder jedenfalls noch zu retten.
    Was jedoch auf dem Display super ausschaut, ist dann Zuhause öfters nicht mehr viel wert..

  6. Yeah.. das wär auch was für mich! :)

    War erst gestern auf einem Oldtimertreffen.. ein paar US-Cars waren natürlich auch dabei, und die waren wie immer umringt.. :)

    Für Fotografen natürlich herrlich, die Dinger, die haben soviel Details und Ornamente, da kann man sich ewig dran aufhalten.

  7. Stimmungsvolle Bilder! Und die Nachbearbeitung holt das Optimale aus den Fotos heraus.

    Zu den “bad camera days”: Meistens stellt sich auch bei mir beim Betrachten der Fotos auf dem Bildschirm heraus, dass doch einige brauchbare dabei sind (oft macht’s schon ein neuer Beschnitt). Aber manchmal ist wirklich gar kein gutes dabei – das ist dann ein extrem unbefriedigendes Gefühl, das mir noch tagelang nachhängt.

    • Tolle Bilder! Gut zu wissen dass auch bei anderen nicht immer alles einfach aus dem Ärmel geschüttelt wird, sonders die Entstehung von letzendlich guten Bildern, ein (auch emotionaler) Prozess ist.

  8. Hehe,

    beim Lesen Deiner Zeilen hab ich mich ein Stück weit wiederentdeckt.
    “Bad Camera Day” find ich besonders gelungen.

    Danke für den schönen Beitrag, ich glaube, du hast eine Situation beschrieben, die wir alle kennen.
    Die Bilder sind stark, vor allem durch die gelungene Bearbeitung. Der Preset wird gleich gespeichert.

    Vielen Dank!

    Gruß Krätzsche

  9. Schöner Beitrag mit gelungenen Bildern. Ich warte immer erst zu Hause ab, bis ich die Fotos auf dem Rechner gesehen habe. Meistens wird dann erst gelöscht. Auf dem Display wird nur gelöscht im Falle eines Totalschaden. Nun – gut dass du die Fotos nicht gelöscht hast – echt gut gelungener Tag, würde man nach solchen Bildern sagen. gruss

  10. Hey, interessanter Artikel! Da kann ich nur zustimmen.

    Aber sagt mal, ist es was ernstes mit Martin? Ich hoffe doch nicht und es geht ihm gut… es kam nur schon so lange kein Beitrag mehr von ihm…

  11. Danke für das Feedback. Gut zu wissen, dass man mit seinem Zweifeln nicht alleine ist. ;-)

    @Olli: nachdem Du das Preset heruntergeladen hast, öffnest Du Lightroom. Im Entwicklungsmodus gehts Du zu den Vorgaben und wählst dort den Ordner aus, in den Du das Preset importieren möchtest, indem Du mit der Maus darauf zeigst, rechts klickst und “Importieren” wählst.

    Beste Grüße

    Jens

  12. Der Beitrag hat mir gut gefallen.
    Was für ein Glück, wenn das Display das “häßliche Entlein” zeigt, das dann mit geschicktem Computereinsatz zum “schönen Schwan” wird.
    Der umgekehrte Fall, wo der “Schwan” sich dann als “optische Enttäuschung” rausstellt, ist hingegen frustig.

    • >>Was für ein Glück, wenn das Display das “häßliche Entlein” zeigt, das
      >>dann mit geschicktem Computereinsatz zum “schönen Schwan” wird.
      >>Der umgekehrte Fall, wo der “Schwan” sich dann als “optische >>Enttäuschung” rausstellt, ist hingegen frustig.

      Oh ja… aber auch größere Displays als wie in dem Fall hier (Canon 20D) helfen da nur sehr bedingt weiter… entweder ist es draussen immer zu hell (kontrastarmes Bild am Display) oder man schaut in einem stockdunklen Raum auf das Display (viel knackigere Wiedergabe als in “Wirklichkeit”)

      Man sollte immer abwarten, bis man die Bilder zu Hause sieht.. Löschen tue ich nur dann schon auf der Kamera, wenn ich auf den ersten Blick sehe, dass gnadenlose Unschärfe das Bild ruiniert hat oder was anderes gravierendes war (jemand vor/hinter das Hauptmotiv gelaufen oder sowas in der Art..)

      • Löschen an sich ist aber tatsächlich auch noch mal ein Thema. Was löscht man in der Kamera, was behält man auf dem Rechner? Sollte man nur die Bilder archivieren, die sich als “Favoriten” herauskristallisiert haben oder alles andere auch aufbewahren? Fragen über Fragen. ;-)

  13. ich kenne das problem mit der display-vorschau und habe mir deswegen angewöhnt alle bilder mit nach hause zunehmen.
    nach dem hochladen auf den rechner und ein klein wenig bea, sieht die welt schon wieder ganz anders aus.

    deine bearbeitung bringt die bilder erst richtig zur geltung.
    hut ab…., das ist großes kino!!!

    lg appel

  14. Das Gefühl kennt jeder, das Display zeigt etwas an – und ich stöhne, weil es nach nix aussieht. Oder umgekehrt, ich bete, dass das Bild auf dem Bildschirm zu Hause tatsächlich so gut aussieht wie in der Vorschau.
    Die meisten Aufnahmen nehme ich mit nach Hause. Dann wird aufgeräumt. Allerdings auch erst einige Tagen/Wochen später.